Anna Bonitatibus als Agrippina in der Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel

"Agrippina" Aufführung aus der Hamburger Staatsoper vom 28. Mai

Sendung: Opernkonzert | 28.05.2021 | 18:30 Uhr | von Westerhaus, Friederike
253 Min | Verfügbar bis 27.06.2021

Georg Friedrich Händel konnte mit seiner Oper "Agrippina" 1709 in Venedig seinen ersten wirklich großen Erfolg in Italien feiern. Vielleicht lag es an der schockierenden Geschichte? Die Titelfigur ist eine machtbewusste Person der römischen Geschichte, die auch über Leichen geht. Am Freitag war an der Staatsoper Hamburg die erste Premiere nach der langen Pandemie-bedingten Spielpause. NDR Kultur hat live übertragen. Regie führte der Australier Barrie Kosky. Elisabeth Richter war für NDR Kultur dabei:

"Das ist schön Musik wieder live zu hören. Es. ist schon etwas Besonderes. Wir haben uns darauf gefreut. Es ist nur anders als sonst: mit diesen Riesenabeständen.", sagte ein bewegter Konzertbesucher nach der Aufführung. Die Abstände galten in der Staatsoper Hamburg nur fürs Publikum. Auf der Bühne durfte endlich gespielt werden wie immer. Und da hat Händels Agrippina einigen Sprengstoff zu bieten.

Agrippina will ihren Sohn Nero zum Kaiser machen

Zwei ihrer drei Ehemänner soll die historische Agrippina vergiftet haben. Als in der Oper gemeldet wird, dass der dritte, Claudius, auf hoher See ertrunken sei, freut sich die vermeintliche Witwe. Sie will ihren Sohn Nero zum Kaiser machen. Dafür ist ihr jede Intrige recht, sie manipuliert, was das Zeug hält. Claudius taucht zwar doch wieder quicklebendig auf, aber am Ende übergibt er seinem Stiefsohn Nero tatsächlich die Macht.

Hamburger Premiere: Fest mit fantastischen Stimmen

Diese Hamburger Premiere war zuallererst ein Fest fantastischer Stimmen. Anna Bonitatibus versorgte die Strippenzieherin Agrippina mit ihrem satten, farbigen Mezzosopran, Countertenor Franco Fagioli servierte als Muttersöhnchen Nero atemberaubende Koloraturen. Und dann war da noch Julia Lezhneva, die russische Sopranistin als Poppea, die zweite große Frauenpartie der Oper und genauso eine Intrigantin und Männer-Manipulatorin wie Agrippina. Auch dem noch pubertierenden Nero verdreht sie den Kopf.

Das alte Rom hat Barrie Kosky bei seiner Regie gar nicht interessiert. Er inszenierte ein psychologisches Kammerspiel. Dazu hat ihm Rebecca Ringst einen zweistöckigen Kubus aus drei beweglichen Teilen mit Jalousien und Edelstahlrahmen gebaut. Eine kalte Atmosphäre: Genau das Richtige um die seelischen Abgründe der Figuren zu sezieren.

Wie Händel sieht Regisseur Barrie Kosky die Titelheldin ambivalent. Er zeigt auch die Angstmomente der widersprüchlichen Figur. Am Schluss, als sie durch ihre Skrupellosigkeit alles erreicht hat, bleibt Agrippina bei Kosky ganz allein zurück, dazu wird ein tieftrauriges Instrumentalstück aus einem Händel-Oratorium gespielt. Kein Happy End, ein bitterer Nachgeschmack.

Trotz der klugen Regie fehlte der Aufführung aber eine durchgehende szenische Spannung. Das liegt sicher daran, dass die Produktion schon zwei Jahre alt ist und die Hamburger Premiere nach München, Amsterdam und London bereits die vierte Station ist. Barrie Kosky ließ sie von seinem Assistenten Johannes Stepanek einstudieren. Überzeugend war dagegen das Ensemble Resonanz unter Riccardo Minasi mit einen stilkundigen und frischen Händel.

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Am 28. Mai Live aus der Hamburger Staatsoper
Georg Friedrich Händel: "Agrippina"
Oper in drei Akten
Libretto von Vincenzo Grimani
Agrippina: Anna Bonitatibus
Claudio: Luca Tittoto
Poppea: Julia Lezhneva
Ottone: Christophe Dumaux
Nerone: Franco Fagioli
Pallante: Renato Dolcini
Narciso: Vasily Khoroshev
Lesbo: Chao Deng
Ensemble Resonanz
Ltg.: Riccardo Minasi

Anna Bonitatibus als Agrippina und Franco Fagioli als Nerone in "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Jörg Michael

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