Klinikapotheke der Universität Jena 1979 © picture alliance / Universität Jena | Universität Jena

Testen im Osten - Die westlichen Pharmatests in der DDR

Stand: 17.03.2021 09:25 Uhr

In der Serie "Die Toten von Marnow" offenbart sich ein Skandal um Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR. Tatsächlich gab es sie. Ihre Aufarbeitung begann spät. Was geschah damals wirklich?

von Thomas Naedler und Siv Stippekohl

Berichte des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und anderer Zeitungen im Jahr 2013 bergen Brisanz und nähren einen Verdacht: Gab es ungeklärte Todesfälle im Rahmen von klinischen Studien, die westdeutsche Pharmariesen gegen Westgeld in der DDR durchführen ließen und die sich nun mithilfe der Stasi-Akten aufklären ließen?

Berichte über Pharmatests inspirieren zu den "Toten von Marnow"

Nach den Recherchen der Journalisten war die Staatssicherheit und auch der Bereich Kommerzielle Koordinierung, kurz KoKo unter DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowsi maßgeblich an klinischen Studien im Auftrag westlicher Unternehmen in der DDR beteiligt. Die Berichte inspirieren auch den Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt zu seinem Kriminalroman und dem Drehbuch für die Krimiserie "Die Toten von Marnow". 

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Der auf das DDR-Gesundheitssystem spezialisierte Medizinhistoriker Rainer Erices, ab 2010 am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universiät Nürnberg tätig, zeigt sich seinerzeit überrascht vom beträchtlichen Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf die klinischen Studien westdeutscher Firmen. In Mecklenburg-Vorpommern untersagt daraufhin die Gesundheits- und Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD), heute Ministerpräsidentin des Landes, die Vernichtung von Unterlagen in den Krankenhäusern. Auch in der Universitätsklinik Rostock werden auf Anweisung der Geschäftsführung eilig Akten aus DDR-Zeiten gesichert, die für die Aufklärung gebraucht werden.

Stasi-Akten und Studien-Unterlagen wurden ausgewertet

Die Unterlagen werden ab dem Sommer 2013 von unabhängigen Wissenschaftlern für ein Forschungsprojekt unter Federführung der Berliner Charité ausgewertet, ebenso wie Stasi-Akten und Studien-Dokumentationen aus den Archiven beteiligter Pharmaunternehmen. Die Wissenschaftler vermerken darin akribisch jedes Glas Wasser sowie Kekse und Kaffee, die sie bei ihren Recherchen in den Firmenzentralen erhalten haben, führen Interviews mit Zeitzeugen und schalten Anzeigen auf der Suche nach Betroffenen, die womöglich als Probanden der klinischen Studien Schaden genommen haben.

Vorschaubild für den Podcast Kultur auf NDR 1 Radio MV © ndr.de Foto: ndr.de
AUDIO: "Die Toten von Marnow": Die wahren Hintergründe zur Krimiserie (63 Min)

Pharmalabor DDR? "Im Prinzip alle Pharmafirmen dabei"

2016 werden die Ergebnisse der Studie "Testen im Osten" in Berlin vorgestellt. 320 klinische Studien im Rahmen von Zulassungsverfahren von Medikamenten im Auftrag westlicher Firmen können nachgewiesen werden. Hoechst, Sandoz, Smith-Kline: "Im Prinzip alle Pharmafirmen haben klinische Studien in der DDR durchgeführt", sagt Volker Hess. Der Professor leitete das Forschungsprojekt und ist auch Leiter des Instituts für die Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité. Getestet wurde in der DDR seit dem Mauerbau bis 1989, republikweit in großen wie kleinen Bezirks- und Kreiskrankenhäusern, mehr als 100 an der Zahl. Eine besondere Rolle sei im Norden den Universitätskliniken in Greifswald und Rostock zugefallen, die Testzentren für westdeutsche klinischen Studien waren.

Medikamententests wurden zentral organisiert

Eingang des Neubaus des Krankenhauses Charité in Ostberlin 1984. © picture alliance / dpa | dpa-Zentralbild
Organisiert wurden die Studien in der DDR zentral - die meisten wurden in der Ostberliner Charité durchgeführt.

Die meisten Studien führte laut Hess die Charité durch, Rostock war im Norden Spitzenreiter, wobei die Krankenhäuser nicht selbst mit den Pharmafirmen ins Geschäft kamen. "Wer in der DDR nach 1964 eine klinische Studie durchführen wollte, musste das Beratungsbüro in Ostberlin kontaktieren, das heißt: Das war zentral geregelt und wurde dann auch zentral organisiert." Getestet wurden Medikamente für den Kreislauf, gegen Herzerkrankungen und Allergien, auch die Wirksamkeit von Psychopharmaka kam in der DDR auf den Prüfstand. 

Der Skandal, der keiner war

Das Ergebnis der Studie "Testen im Osten" lautet jedoch: Der Skandal war gar keiner, denn, so Volker Hess, die Studien seien auch in der DDR nach damals international geltenden Standards durchgeführt worden. Detaillierte Prüfpläne mussten eingereicht werden, für jede Testreihe war auch das Einverständnis der Probanden zwingend vorgeschrieben. Oft ist dies auch archiviert. Unregelmäßigkeiten oder grobe Verstöße sind nicht zu belegen. Zumal die meisten DDR-Bürger, so Hess, sehr interessiert daran waren, an solchen Studien teilzunehmen - mit der Aussicht, ein neues, westdeutsches Präparat gegen ihre Leiden zu erhalten. Die Teilnahme an einer klinischen Studie für viele: eine Chance.

Todesfälle gab es in der DDR im Rahmen von Medikamententests. Sie wurden jedoch akribisch ausgewertet, dokumentiert und an die Auftraggeber übermittelt. Getestet wurden Medikamente an teils schwer erkrankten Patienten.

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Sascha Gersak (links), Petra Schmidt-Schaller und Jörg Schüttauf beim Dreh zu "Die Toten von Marnow" © picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

"Kunstkaten"-Podcast zu "Die Toten von Marnow"

Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR, alte Seilschaften der Stasi - Hintergründe zur Krimiserie "Die Toten von Marnow". extern

Versuche gegen Valuta?

Wer profitierte also wie von den klinischen Studien? Beide Seiten hatten eine "Win-win-Situation", so der Experte Voker Hess von der Charité. Obwohl die notorisch klamme DDR-Wirtschaft mit den klinischen Studien Devisen einnahm, war der größte Gewinn eher ideeller Natur. Das Gesundheitssystem der DDR, Ärzte und forschende Mediziner, gewannen mit der Durchführung der Studien Einblicke in wertvolle Daten, die Durchführung von klinischen Studien und versuchten über diesen Umweg, international fachlich Anschluss zu erhalten.

Zentralistische DDR-Organisation: ein Rundum-Sorglos-Paket

Zudem wurde oftmals die Lieferung von Medikamenten weit über den Abschluss einer Testreihe hinaus vertraglich vereinbart. Auch aufseiten der westlichen Pharmafirmen spielte der Preis eine eher untergeordnete Rolle. Die Durchführung der Tests war in der DDR nicht wesentlich billiger als in anderen Ländern, in denen parallel zur DDR Wirksamkeit und Nebenwirkungen eines Präparates getestet wurden. Der Vorteil der DDR-Studien: die zentralistische und Zeit sparende Organisation. Andernorts gliche die Durchführung von Testreihen eher dem Hüten von Flöhen, meint Volker Hess, in der DDR  habe es hingegen ein Rundum-Sorglos-Paket gegeben. Zudem sei nach dem Contergan-Skandal die Bereitschaft der Westdeutschen, an einer Studie teilzunehmen, deutlich zurückgegangen. Auch dies ein Grund für das Testen im Osten.

Pharmatests ethisch "durchaus problematisch"

Ethisch seien die Medikamententests deshalb auch als durchaus problematisch zu bewerten, sagt Volker Hess. Die Bereitschaft westlicher Pharmafirmen, die Vorteile einer straff organisierten, zentralistischen Diktatur ohne kritische Gegenöffentlichkeit für die eigenen Zwecke zu nutzen, werfe ein "gewisses Licht auf die Pharmabranche".

Die Rolle der Stasi bei den Testreihen

Das bestätigt auch Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur für Mecklenburg-Vorpommern, die das Forschungsprojekt fachlich begleitet hat. Sie weist aber darauf hin, dass die Staatssicherheit, die im Auftrag der Partei- und Staatsführung regelmäßig skrupellos gegen geltende DDR-Gesetze verstoßen habe, im Zusammenhang mit den Medikamententestes keinerlei Einfluss auf Auswahl oder Durchführung der klinischen Testphasen hatte. Auch eine Verschleierung von Verstößen hält sie für unwahrscheinlich. Das Interesse der Stasi habe vielmehr der Aufklärung und Überwachung von Kontakten zwischen ost- und westdeutschen Medizinern, Ärzten und Vertretern der Pharmafirmen aus dem Westen gegolten.

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Pharma-Studien rechtsstaatlich keine "Menschenversuche"

Eine weitere Aufgabe der Staatssicherheit: das Abschöpfen von Informationen und Daten. Drescher wertet die Medikamententestes im Gegensatz zum systematischen Staatsdoping-Programm im DDR-Leistungssport nicht als rechtsstaatswidrige "Menschenversuche". Dort könne man, auch in Bezug auf jüngst aufgedeckte Experimente an Freizeitsportlern durchaus davon sprechen, nicht jedoch im Zusammenhang mit Medikamentenstudien westlicher Pharmafirmen in der DDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 14.03.2021 | 19:00 Uhr

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