Luftaufnahme des Conti-Hochhauses im Jahr 1953. © Continental AG

Conti-Hochhaus: Als das "Drei-Brötchen-Haus" Hannover überragte

Stand: 08.05.2013 18:29 Uhr

65 Meter hoch steigt das neue Verwaltungsgebäude der Continental AG 1953 aus den Kriegstrümmern empor. Es gilt damals als höchstes und modernstes Bürogebäude der Bundesrepublik.

von Christian Krause

In einer Zeit, als zwischen Fräulein und Frau noch genau unterschieden wurde, entstand in Hannover am Königsworther Platz das 65 Meter hohe Conti-Hochhaus. Bei seiner Einweihung war es das höchste und modernste Bürohaus in der Bundesrepublik. Nach einem Entwurf des Architekten Ernst Zinsser im Auftrag der Continental AG entstand ein Bauwerk, das die Bewohner und die Wirtschaft in Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg wieder hoffen ließ. Da an der Geschäftsstelle in Vahrenwald der Platz für die Personalverwaltung nicht mehr ausreichte, wurde im Herzen Hannovers in die Höhe gebaut.

Einweihungsfeier bleibt in prägender Erinnerung

Menschen versammeln sich zur Einweihung des Conti-Hochhauses im Jahr 1953 am Königsworther Platz in Hannover. © Continental AG
Menschenmengen versammeln sich 1953 zur Einweihung des Conti-Hochhauses am Königsworther Platz.

Am 28. August 1953 strömten die Mitarbeiter aus allen Firmenwerken an den Königsworther Platz. Die Geschäftsführung hatte zur Einweihungsfeier geladen. Ein Auto-Korso, den man heute wohl nur noch während Europa- und Weltmeisterschaften beim Fußball sieht, bahnte sich seinen Weg durch die Stadt auf das Gelände des neuen Verwaltungsstandorts der Continental AG.

Drei Brötchenhälften zur Begrüßung für die Angestellten

Horst-Albert Jonas zog 1957, nach seiner Lehre zum Industriekaufmann in Hameln, als neuer Mitarbeiter in die Personalabteilung, in das Conti-Hochhaus. Er selbst war nicht bei der Einweihungsfeier dabei. Doch hat er noch die Geschichten seiner Kollegen im Ohr, bei denen diese Feier bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die wohl nachhaltigste Erinnerung der damaligen Mitarbeiter ist, dass jeder der Angestellten im neuen Hochhaus mit einem Frühstück begrüßt wurde. Genau drei Brötchenhälften erhielt jeder. Ein findiger Mitarbeiter gab dem Gebäude daraufhin den Beinamen "Drei-Brötchen-Haus".

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Der ehemalige Personalrat der Continental AG, Horst-Albert Jonas, steht vor dem Continental-Hochhaus in Hannover. © NDR Foto: Jens Otto
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"Wow, so ein großes Gebäude"

Mitten aus den Kriegstrümmern erhebt sich 1953 in Hannover ein 65 Meter hohes Gebäude der Continental AG. Horst-Albert Jonas erinnert sich an seine Anfangszeit in Hannover. 1 Min

"Neue Moderne" überragt Kriegstrümmer

Die erste Erinnerung an das Hochhaus hat Horst-Albert Jonas, der später Personalchef des Unternehmens werden sollte, noch vor der Fertigstellung des Gebäudes. Im Herbst 1952 besuchte er seinen Onkel in Hannover. Auf dem Weg dorthin kam er auch an dem Rohbau des Conti-Hochhauses vorbei. "Wahnsinn, so ein großes Gebäude!", erinnert er sich. Hannover war zu dieser Zeit noch völlig zerbombt. Mitten aus den Trümmern ragte nun dieser Prachtbau heraus. Für die Hannoveraner ein Zeichen dafür, dass es wieder aufwärts geht. Das Hochhaus wurde auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitsamtes, das im Krieg völlig zerstört wurde, gebaut. Jeder, der die Stadt über den Königsworther Platz erreichte, wurde von der "Neuen Moderne" empfangen. An das Grundstück des alten Arbeitsamtes grenzte ein Friedhof, der auch teilweise für das neue Conti-Haus bebaut wurde. Bei den Grabungen für das Fundament wurden Skelette und einzelne Knochen entdeckt. Die menschlichen Überreste seien damals jedoch pietätvoll an anderer Stelle wieder beigesetzt worden, so Jonas.

Das Conti-Hochhaus in Zahlen

Rohrpost und Fahrstühle: Neuland für Angestellte

Blick aus dem Innenhof auf das Conti-Hochhaus im Jahr 1953. © Continental AG
Auf dem Innenhof des Gebäudekomplexes gab es eine Tankstelle, an der die Chefs ihre Dienstwagen tanken lassen konnten.

"Die Zusammenballung von über 1.200 Menschen in den drei Gebäuden des Neubaus bringt Verkehrsaufgaben mit sich, welche nur durch entsprechende Auflockerung der Verkehrsstöße zu meistern sind", heißt es im Handbuch für das neue Hochhaus, das jeder Mitarbeiter bekam. Vor allem mit der damals hochmodernen Fahrstuhllogistik waren viele noch nicht vertraut. Sieben Fahrstühle waren allein im Bau 2, dem höchsten Gebäude, unterwegs. Der große Personenaufzug brachte die Belegschaft vom Erdgeschoss in die Stockwerke zwei bis vier. Auf der vierten Etage wurden die Mitarbeiter in drei Gruppen aufgeteilt, denen jeweils zwei Fahrstühle zur Verfügung standen, denn nicht jeder Fahrstuhl erreichte auch jedes Stockwerk. Nicht nur durch die Fahrstuhltechnik waren alle Stockwerke miteinander verbunden, sondern auch durch ein Rohrpost-System, das mit Druckluft funktionierte. Im 14. Stockwerk stand eine Kantine für die Mittagspause zur Verfügung. Von dort aus hatten die Mitarbeiter einen einzigartigen Blick über Hannover. In den ersten Jahren wurde noch an die Tische serviert.

Von Prokuristen-Klos und Ecken-Chefs

Blick in die Kantine des Conti-Hochhauses im Jahr 1954. © Continental AG
Beim Essen in der Kantine gab es eine klare Hierarchie: Höhere angestellte zahlten mehr - blieben aber auch unter sich.

Leicht grinsend steht Horst-Albert Jonas vor dem Conti-Hochhaus und schaut auf den etwas monumentaleren Eingang eines Nebengebäudes. "Die Führungsriege hatte seinen eigenen Gebäude-Komplex mit einem schickeren Eingang", erinnert er sich. Die höheren Angestellten hatten auch ihre eigene Cafeteria. Sie befand sich im 13. Stock, die Tische waren mit weißen Tischdecken gedeckt und das Essen kostete ein paar Mark mehr. Die Abteilungsleiter waren aber nicht nur beim Essen unter sich. In jedem Stockwerk gab es die sogenannten Prokuristen-Klos. Nur die Leiter hatten Zugang mit einem Schlüssel. Die meisten Mitarbeiter arbeiteten in großen Schreibsälen, die Chefs saßen in einer Ecke des Raumes, von wo sie den ganzen Saal überblicken konnten. Unter den Arbeitern festigte sich der Begriff der "Ecken-Chefs". Erst in den 70er-Jahren, als Carl H. Hahn Vorstandsvorsitzender der Continental AG wurde, baute man diese Ungleichstellungen ab.

Das Conti-Hochhaus heute

In den 90er-Jahren wurde auch das Conti-Hochhaus für die Personalverwaltung zu klein. Die Mitarbeiter zogen erneut um. Seit 1995 dient das Grundstück als Campus der Leibniz-Universität Hannover mit den Schwerpunkten Literatur und Sprachen, Wirtschaft und Recht. Hans-Albert Jonas wurde zum Personalchef bei der Continental AG. Für seine Fairness wurde er von seinen Kollegen geschätzt. Zum Jahresende 1994 ging Hans-Albert Jonas in den Ruhestand. Kehrte aber bereits 1995 an seine langjährige Wirkungsstätte zurück. Im Rahmen eines Senioren-Studiums studierte er Geschichte an der Universität Hannover. Einige Kurse fanden auch im Continental-Hochhaus statt.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.04.2013 | 19:30 Uhr

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