Stand: 13.09.2020 06:00 Uhr  - Hamburg Journal

Hamburgs kurzer Traum von der Großrohrpost

Ein Deckel der Großrohrpost in Hamburg © Hamburger Unterwelten e.V. Foto: Holger Dierks
Noch etwa eine Handvoll gusseiserner Deckel zeugt vom einstigen Traum Hamburgs von der Großrohrpost.

Wer aufmerksam durch die Hamburger Innenstadt spaziert, dem werden hier und da kleine gusseisernen Deckel auffallen, die in die Bürgersteige eingelassen sind - "Post" ist eingraviert. Eine unterirdische Post mitten in Hamburg? Die Deckel sind einige der wenigen noch sichtbaren Überbleibsel der Hamburger Großrohrpost. Was nur wenige Hamburger wissen: Unter dem Pflaster in der Innenstadt liegen noch immer Rohre, mit der die Bundespost ab 1962 "Briefbomben" von Postamt zu Postamt schickte. Am 13. September 1960 Jahren wurde der erste Spatenstich für das ehrgeizige Projekt gesetzt: In der Hansestadt wurde ein weltweit einzigartiges System erprobt, das später ursprünglich in allen Städten der Bundesrepublik mit mehr als 100.000 Einwohnern zum Einsatz kommen sollte. Aber es kam anders.

Die Hamburger Großrohrpost entstand aus der Not heraus. Die Bundespost rätselte, wie sie am Tag Hunderttausende Briefe in den Innenstädten transportieren sollte. "Die Enge der Straßen und die Verkehrsflut zwingen zu neuen Lösungen", urteilte Ende der 50er-Jahre das Bundespostministerium. "Für Hubschrauber und Tunnelbahnen fehlt meistens der Platz und eine 'Normal-Rohrpost' schafft zu wenig." Also kommt die Idee mit der Großrohrpost auf. Die erfahrene Hamburger Firma Carl August Schmidt & Söhne, die in den 20er-Jahren unter anderem eine Stadtrohrpost-Anlage in Buenos Aires errichtet hat, macht sich an die Entwicklung.

Videos
Die Großrohrpost-Anlage in einem Hamburger Postamt
2 Min

Der Bau der Großrohrpost in Hamburg

Historische Filmaufnahmen zeigen, wie im Herbst 1960 die Rohre für die Großrohrpost in der Hamburger Innenstadt verlegt werden - und wie das System mit den Transportbüchsen 1967 funktioniert. 2 Min

Rohrpost-Teststrecke geht 1962 an den Start

Am 13. September 1960 erfolgt der erste Spatenstich. Zwei Monate später werden die ersten Versuche auf einem Teilstück von rund 450 Metern durchgeführt. Offizieller Startschuss für die 1.800 Meter lange Versuchsstrecke ist am 8. Februar 1962. Bundespostminister Richard Stücklen drückt damals auf den "roten Knopf". Nun ist das Postamt 11 nahe des Rödingsmarktes unterirdisch mit dem Hauptpostamt am Hauptbahnhof verbunden. Auch die Tagesschau berichtet am Abend.

VIDEO: Die Eröffnung der Großrohrpost (1 Min)

1962: Die Sturmflut beschädigt die Maschinen

Doch die Großrohrpost steht zunächst unter keinem guten Stern. Hamburgs Oberpostdirektor Georg Heck spricht von einem "unendlich und äußerst schwierigen Bau der Strecke". Mal steht ein Bunker-Rest oder ein Bahndamm im Weg, mal ergießt sich der stinkende Inhalt eines alten Abwasser-Siels in die Baugrube. Und nur neun Tage nach dem offiziellen Start im Frühjahr 1962 bricht die verheerende Sturmflut über die Stadt herein - und richtet auch an der Großrohrpost-Anlage schwere Schäden an. An der Endstation im Postamt 11 stehen die Kellerräume mit allen Maschinen zwei Meter unter Wasser. Die Fahrrohre unter der Erde laufen jedoch nicht voll. "Ein kaum fassbares Glück", hält Heck fest. Und doch dauert es ein halbes Jahr, bis die Anlage nach der Sturmflut-Katastrophe wieder funktioniert.

Langbüchse ermöglicht Transport von 600.000 Briefen pro Stunde

Eine Transportbüchse der Großrohrpost in Hamburg  Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Die Kurzbüchse wird bald zu klein - mit dem Nachfolgemodell kann die Transportkapazität verdoppelt werden.

Immerhin: Technisch gibt es keine bösen Überraschungen. Alles läuft wie berechnet. Die Euphorie ist groß. Heck schwärmt in der Anfangszeit von den "fast phantastisch anmutenden guten Fahrergebnissen". So werden schon bald doppelt so lange Transportbüchsen auf die Reise geschickt. Bis zu 600.000 Briefe können nun theoretisch pro Stunde von Postamt zu Postamt geschickt werden. Auch im Ausland verfolgen Post-Experten das weltweit einmalige Projekt. Aus Israel, den USA, Südkorea, Kanada und der Sowjetunion reisen Gäste an.

Historische Filmaufnahmen
Hamburgs Oberpostdirektor Heck die Vorzüge der Großrohrpost.
2 Min

Was spricht für die Großrohrpost?

Hamburgs Oberpostdirektor Heck erklärt 1960 im NDR Fernsehen die Vorzüge. 2 Min

Rohrpost viel schneller als die Postfahrzeuge

Anfangs gibt es nur ein Fahrrohr, durch das die Briefe hin- und hergeschickt werden. Vom Postamt 11 aus werden die Briefbüchsen per Druckluft durch die Rohre gejagt, in Gegenrichtung werden sie angesaugt. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 58 Kilometer pro Stunde. Zweieinhalb Minuten dauert eine Fahrt. Ein Postfahrzeug brauchte für dieselbe Strecke in den Verkehrsstoßzeiten mitunter mehr als 20 Minuten.

49 Kilometer Streckennetz sollen es werden

Letzter Netzplan für die Hamburger Großrohrpost von 1967. © Hamburger Unterwelten e.V.
Der letzte Linienplan von 1967 sieht ein Netz von rund 15 Kilometern vor.

Im Oktober 1965 wird auch die Gegenlinie in Betrieb genommen. Die Büchsen können nun im Ringverkehr versandt werden. Die beiden Strecken umfassen jetzt zusammen 4.000 Meter. Ab dem 1. Dezember 1965 wird endlich auch echte Post mit der Großrohrpost verschickt. Die weiteren Planungen sehen vor, das Netz auf 15, dann auf mehr als 49 Kilometer auszubauen - unter anderem, um den Flughafen mit der Luftpost anzubinden. Auch Postämter in Wilhelmsburg und Harburg sollen in den Genuss der Großrohrpost kommen.

Störungen und hohe Kosten läuten das Ende ein

Aber die Bundespost scheut sich, weiteres Geld in die Großrohrpost zu stecken. Die Betriebskosten sind hoch - zu hoch. Schon 1968 hat Oberpostdirektor Heck einräumen müssen, dass die Kosten "gegenüber dem bestehenden Verkehr mit den Kfz noch immer etwa doppelt so hoch" sind. Hinzu kommt, dass die Anlage im Laufe der Jahre immer störanfälliger wird. Immer wieder bleiben Büchsen in den Fahrrohren stecken.

Der Hamburger Autor Ulrich Alexis Christiansen hat jahrelang die Geschichte von Hamburgs Untergrund erforscht - auch die der Großrohrpost. Dass die Rohre mit der Zeit immer anfälliger werden, liegt seiner Ansicht nach an den Erschütterungen durch den Straßenverkehr und die vielen Baustellen der damaligen Zeit. Die Rohre liegen oft nur knapp unter der Oberfläche, werden bei Leitungsarbeiten und U-Bahn-Bau freigelegt und zum Teil auch beschädigt. Auch ein anderer Punkt spricht gegen die Großrohrpost: Das Briefaufkommen ist längst nicht so stark gestiegen wie erwartet.

Mit den Hamburger Unterwelten auf Großrohrpost-Tour

Dominic Bauer vom Verein Hamburger Unterwelten e.V. unter der unter der Graskellerbrücke in Hamburg, unter der Mantelrohre für die Großrohrpost montiert sind. © Hamburger Unterwelten e.V. Foto: Holger Dierks
Die beiden dunklen Rohre unter der Graskellerbrücke zeugen bis heute von der Großrohrpost in Hamburg. Auf seinen geführten Erkundungstouren führt Dominic Bauer vom Verein Hamburger Unterwelten an ihenn vorbei.

Die Pläne für den Ausbau liegen einige Jahre lang auf Eis, 1976 kommt dann das endgültige Aus. Die Maschinen in den Postämtern werden restlos abgebaut und die Rohre mit Erde gefüllt. An einer Stelle allerdings sind noch Rohre der Großrohrpost zu sehen: unter der Graskellerbrücke in der Nähe des Rödingsmarkts. Dort hatte die Bundespost für den geplanten Weiterbau bereits Mantelrohre verlegen lassen, später sollten dort die Fahrrohre eingelassen werden - wurden aber nie verwendet. An dieser Stelle kommt vorbei, wer mit dem Verein Hamburger Unterwelten e.V.auf Erkundungstour geht: Auf geführten Stadtspaziergängen teilen die Vereinsmitglieder ihr üppiges Wissen rund um die Geschichte der Großrohrpost und veranschaulichen die einstige Moderne anhand zahlreicher Relikte und historischer Fotos.

Weitere Informationen
Ein Deckel zum alten Rohrpost-System in Hamburg. © Hamburg Journal
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Hamburgs unterirdische Post

In den 60er-Jahren sollte die Post in den Großstädten unterirdisch durch ein Rohrsystem geschossen werden. Hamburg war Vorreiter. Ein Blick zurück mit einem Zeitzeugen. 4 Min

Die Rohrpost in Hamburg

Die erste Stadtrohrpost-Strecke in Hamburg wird 1887 in Betrieb genommen. Verbunden sind zunächst das Telegrafenamt in der Börse und das zwei Kilometer entfernte Haupttelegrafenamt. Das Netz mit Rohren von 6,5 Zentimetern Durchmesser wird zügig ausgebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg müssen alle Rohre erneuert werden. Auch im Zweiten Weltkrieg gibt es starke Beschädigungen. 1965 weist das Rohrpost-Netz in der Hansestadt 40 Kilometer auf. Zu dieser Zeit besteht auch schon ein Teil der Großrohrpost in der Innenstadt. Die neuen Rohre haben einen Durchmesser von 45 Zentimetern. Mitte der 70er-Jahre gibt die Bundespost beide Rohrpost-Netze auf.

Karte: Hier verlief die Hamburger Großrohrpost

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.06.2014 | 19:30 Uhr

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