VIDEO: Der Comic-Pionier aus Dithmarschen: Rudolph Dirks (3 Min)

Das Comic-Must-have hat seine Wurzeln in Heide

Stand: 27.03.2023 10:00 Uhr

Rudolph Dirks hat einen der ältesten Comics weltweit erfunden - und mit ihm die Sprechblase. Inspiriert waren die "Katzenjammer Kids" des Cartoonisten aus Heide von "Max und Moritz".

von Irene Altenmüller

Hans und Fritz sind wahre Lausbuben, sie spielen ihren Mitmenschen böse Streiche: Mal experimentieren sie mit Sprengstoff, mal binden sie Hund und Katze an den Schwänzen zusammen, mal täuschen sie ihre eigene Entführung vor. Ihre arme "Mama" und ihr grummeliger Ziehvater, der "Captain", haben ihre liebe Not mit den garstigen Zwillingen - und das bereits seit mehr als 125 Jahren. Seit 1897 verfolgen Leser in aller Welt die Untaten der beiden "Katzenjammer Kids" - und amüsieren sich köstlich über die kleinen Unholde. Schöpfer der beiden anarchischen Anti-Helden ist Rudolph Dirks, ein deutscher US-Einwanderer aus dem Kreis Dithmarschen. In den USA wird der Comic-Pionier seit Langem verehrt, in Deutschland ist er noch immer weitgehend unbekannt.

Comic-Pionier Dirks: Von Heide nach New York

Blick in die Ausstellung in Heide zu Rudolph Dirks und den "Katzenjammer Kids". © Museumsinsel Lüttenheid, Heide
Zum 125-jährigen Bestehen der "Katzenjammer Kids"-Comics hatte seine Heimatstadt Heide dem Cartoonisten eine Aussstellung gewidmet.

Geboren wird Dirks am 26. Februar 1877 in Heide. Als Rudolph sieben Jahre alt ist, wandert die Familie nach Amerika aus und lässt sich in der Nähe von Chicago nieder. Bereits als 16-Jähriger veröffentlicht Dirks erste Illustrationen, wenig später zieht er nach New York. Dort kommt Dirks beim "New York Journal" unter, eine der führenden Boulevard-Zeitungen des mächtigen Publizisten William Randolph Hearst. Dirks soll für das Blatt eine farbige Bilder-Serie entwickeln, erwünscht ist etwas Satirisches im Stil von "Max und Moritz" von Wilhelm Busch.

Dirks erfindet die Sprechblase

Ausschnitt aus dem Comic "Katzenjammer Kids" von Rudolph Dirks aus dem Jahr 1911. © Museumsinsel Lüttenheid, Heide
Mit Sprechblasen, Lautmalerei und Bewegungs-Strichen prägte Dirks den modernen Comic.

Und Rudolph Dirks liefert: Am 12. Dezember 1897 erscheint die erste Folge der "Katzenjammer Kids" mit Hans und Fritz, die auch optisch an Max und Moritz erinnern. Schon bald experimentiert Dirks mit neuartigen Stilmitteln und etabliert Standards, die bis heute moderne Comics prägen: Seine Figuren reden über Sprechblasen, Striche und Staubwolken signalisieren schnelles Wegrennen, Sternchen über dem Kopf stehen für Schmerzen.

"Katzenjammer Kids": Verkaufsschlager auf "Denglisch"

Historische Aufnahme des Comiczeichners Rudolph Dirks. © Museumsinsel Lüttenheid / Heide
Seine populären Comics machten Rudolph Dirks in den USA zu einem reichen Mann.

Die "Katzenjammer Kids" sind ein durchschlagender Erfolg und lassen die Zeitungsauflage in die Höhe schießen. Jeden Sonntag verfolgt eine riesige Leserschaft die jüngsten Streiche der Rabauken, die für die beiden nicht selten mit einer Tracht Prügel enden. Charakteristisch für die Serie ist der besondere Slang der Figuren: Sie verwenden ein mit deutschen Wörtern und Konsonanten gespicktes Englisch, das dem harten Akzent deutscher Auswanderer nachempfunden ist: "You haff vent too far mit me", beschwert sich etwa einer der Gepiesackten über die Rotzlöffel. "Dunner und Blitzen", entfährt es dem "Captain", wenn die beiden ihm mal wieder das Leben schwer machen.

Mit seinem speziellen "Denglisch" kommt der neue Comic sowohl bei den zahlreichen deutschen Einwanderern als auch bei anderen Lesern gut an. Dass die Comic-Serie im Gegensatz zu anderen Bildergeschichten ganz ohne moralische Belehrungen daherkommt, macht sie umso beliebter. Sie sind Slapstick um des Slapsticks willen, ohne erhobenen Zeigefinger - das lieben die Leser.

1912: Dirks streitet um die Rechte am Comic

1912 wird die Serie zeitweilig unterbrochen: Dirks will zur "New York World" des Medien-Moguls Joseph Pulitzer wechseln, Hearsts schärfstem Konkurrenten. In einem Gerichtsprozess erstreitet sich Hearst die Rechte am Titel "Katzenjammer Kids", Dirks bleiben die Rechte an den Charakteren. Er führt die Serie für die "World" unter dem Titel "Hans und Fritz" weiter.

Ausschnitt aus dem Comic "The Captain and the Kids" von John Dirks aus dem Jahr 1964. © Museumsinsel Lüttenheid, Heide
Rudolph Dirks' Sohn John führte die beliebte Comic-Serie unter dem Titel "The Captain and the Kids" weiter.

Später übernimmt sein Sohn John den erfolgreichen Comic unter dem Titel "The Captain and the Kids". Bis Ende der 1970er-Jahre erscheinen die Streiche der beiden Lausbuben. Die Serie mit dem Originaltitel "The Katzenjammer Kids" wird sogar noch heute in Skandinavien verlegt. Mit über 125 Jahren ist sie die älteste Comic-Reihe der Welt. Ihren Schöpfer haben die Comic-Lausbuben damit um Jahrzehnte überlebt. Rudolph Dirks stirbt am 20. April 1968 mit 91 Jahren in New York. Seit 2016 ist der Award der deutschen Comic Convention nach ihm benannt.

Weitere Informationen
Wilhelm Busch posiert mit einem Bierhumpen. Porträt-Aufnahme von 1860. © picture-alliance / akg-images

Wilhelm Busch: Comic-Pionier und Vater von "Max und Moritz"

Mit den bitterbösen Streichen von "Max und Moritz" erlangte Wilhelm Busch Weltruhm. Der Niedersachse zeichnete und malte auch. mehr

Fernseh-Pionier Manfred von Ardenne im Jahr 1930 in seinem Forschungslabor. © picture alliance/ IMAGNO/Austrian Archives (S) Foto: Austrian Archives (S)

Norddeutsche Geistesblitze: Tüftler und ihre Erfindungen

Ob Adventskranz, Schwimmflügel oder Kontaktlinse: Kreativen Köpfen aus Norddeutschland verdanken wir etliche Dinge, die das Leben bereichern. mehr

Auswanderer marschieren Anfang des 20. Jahrhunderts von Auswandererlager Ballinstadt in Hamburg zum Hafen. © BallinStadt Auswanderermuseum Hamburg Foto: BallinStadt Auswanderermuseum Hamburg

Von Hamburg nach Amerika: 1913 so viele Auswanderer wie nie

Um 1900 ist Hamburg einer der bedeutendsten europäischen Auswandererhäfen. Allein im Jahr 1913 wandern 192.733 Menschen aus. mehr

Schrauben-Dampfschiff "Borussia" der HAPAG auf einer Postkarte von 1956 © picture alliance/arkivi

Mit dem Dampfer nach New York

Am 1. Juni 1856 setzt die Hamburger Reederei Hapag erstmals ein Dampfschiff für die Fahrt über den Atlantik ein. mehr

Das Dreimastvollschiff "Deutschland" im Dienst der Hapag um 1848 (Gemälde, das sich im Besitz von Hapag-Lloyd befindet - Maler: H. Pollack) © Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Mit der Hapag von Hamburg in die Welt

Um am lukrativen Post- und Passagierverkehr mit Amerika teilzuhaben, gründen Hamburger Kaufleute 1847 die Schifffahrtslinie Hapag. mehr

Collage der Buchcover: Völlig meschugge?! / El Taubinio / Smile © Carlsen Verlag / Loewe Verlag

Neue Graphic Novels für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren

Wir stellen drei starke Comics vor: "Völlig meschugge?!", "El Taubinio" und "Smile". mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordtour: Den Norden erleben | 21.01.2023 | 18:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Neuzeit

Kreis Dithmarschen

Mehr Geschichte

Journalisten inspizieren am 22. April 1994 eine Telefonzelle in Berlin Treptow, in der am Morgen der Kaufhaus-Erpresser "Dagobert" von Spezialkräften festgenommen wurde. © picture alliance / AP Foto: Jockel Finck

Vor 30 Jahren: Kaufhaus-Erpresser "Dagobert" wird geschnappt

Einer der spektakulärsten Erpressungsfälle der deutschen Kriminalgeschichte endet am 22. April 1994. Rund zwei Jahre lang narrte "Dagobert" die Polizei. mehr

Norddeutsche Geschichte