Stand: 14.06.2020 06:00 Uhr  - NDR Kultur

Jörg Immendorff: Der Dirigent mit dem Pinsel

von Michael Köhler
Der im Mai 2007 verstorbene Maler und Bildhauer Jörg Immendorff 2004 in seinem Düsseldorfer Atelier in Düsseldorf.

Mit Beginn der 80er-Jahre wurde Jörg Immendorff zu einem der bekanntesten deutschen Gegenwartskünstler. Seine Bilder, Skulpturen und Grafiken haben immer wieder kontroverse Debatten ausgelöst. Denn das Werk als Selbstzweck hatte für ihn keine Existenzberechtigung - vielmehr diente es ihm als Ausdruck sozialer und politischer Haltung. Am 14. Juni 1945 wurde der 2007 verstorbene Maler in Niedersachsen geboren.

Für die Opernbühne hat Jörg Immendorff häufiger gearbeitet, und auch im Leben liebte er die große Oper, den starken Auftritt. "Ich habe ja in meinen Jugendjahren mit klassischem Ballett begonnen und hatte immer eine Affinität zur Bühne und zur Oper. Irgendwie habe ich dann im weiteren Verlauf in meiner Arbeit das Szenische und auch das Dirigieren mit dem Pinsel beibehalten", sagte er einmal in einem Interview.

Jörg Immendorff: "Mich regen Dinge auf"

Diese Auffassung von der Welt als Bühne wurde von Jörg Immendorff durch seinen Lehrer Teo Otto Anfang der 60er-Jahre geweckt. Bei Otto studierte der in Bleckede bei Lüneburg geborene Maler zunächst Bühnenbild und wurde ab 1964 der vielleicht bekannteste Schüler von Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Oft finden sich Parolen oder Fragen nach dem gesellschaftlichen Ort des Malers auf Immendorffs Bildern. Maler, wo stehst du? "Ich kümmere mich halt um gesellschaftliche Sachen, mich regen Dinge auf ...", erklärte er seine Haltung.

"Café Deutschland" - politischer Zyklus aus den 70ern

Manche sahen in ihm zeitlebens lediglich einen besseren Bühnenmaler. Für andere war und ist er der wichtigste politische Maler der 70er-Jahre. Auf jeden Fall aber war er einer der bekanntesten und international erfolgreichsten deutschen Nachkriegskünstler. Die meisten verbinden seinen Namen mit dem Zyklus politischer Malerei aus der Mitte der 70er-Jahre, dem "Café Deutschland". Der Maler sah, wie er in einem Interview erklärte, "die deutsche Teilung immer als Weltproblem. Also, die beiden deutschen Teilstaaten als Pufferzonen, als Stoßstangen der beiden Weltautos, die drohten ineinander zu crashen. Ich konnte andere nicht begreifen, die die Brisanz dieses Themas nicht kapierten."

Bekanntester Schüler von Joseph Beuys

Ausgehend von der Studenten- und Protestbewegung in den 60ern war Immendorff Maoist. Das war damals schick und geradezu Pflicht. Auch für die Malerei als L'art pour l'art sah er damals zunächst kein Existenzrecht mehr.

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Joseph Beuys (1921 bis 1986) gilt als einer der bedeutendsten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Er setzte sich in seinen künstlerischen Werken mit philosophischen Themen auseinander.

Alle Kunst solle sich sozial und politisch engagieren. Sein Lehrer Josef Beuys ermunterte ihn dazu. So erinnerte sich Immendorff einst: "Ich war mit einem Bild unzufrieden und übermalte es, strich es durch, wie man so eine Sache durchkreuzt, und schrieb darunter: 'Hört auf zu Malen!' In diesem Moment betrat Beuys das Atelier an der Düsseldorfer Kunstakademie und sagte: 'Lass es so Jörg, Spitzenbild!'"

Das Wortfeld der Energie und des Feuers des Aktionskünstlers und Kunsttheoretikers Joseph Beuys, für den energetische Prozesse ein zentrales Schaffensthema waren, übertrug Immendorff in gesellschaftliches Engagement. Bis zuletzt hielt er daran fest: "Ich unterrichte nicht umsonst und ich brauche diese Verzahnung mit jungen Kräften, die mir selber wieder Mut machen. Wilhelm Lehmbruck hat das damals mit dem schönen Satz 'die Flamme weiterreichen' bezeichnet."

Kampf gegen tödliche Krankheit verändert Immendorffs Werk

Seit seinem auch öffentlich gemachten Leiden an einer Muskeldegeneration, das es ihm zunehmend unmöglich machte, selber zu malen, häuften sich die schlagzeilenträchtigen Abenteuer: Sexpartys, Kokain und Stammzellen, die er sich in China ins Hirn spritzen ließ. 2000 heiratete der die 30 Jahre jüngere bulgarische Malerin Oda, die beiden bekamen ein Tochter. Dann wurde es ruhiger um den wilden Mann, auch beeinflusst durch die Krankheit.

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Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nimmt das von Jörg Immendorff gemalte Porträt 2007 in Düsseldorf in Empfang - eine Dauerleihgabe für die Kanzler-Galerie im Berliner Kanzleramt.

In seinem malerischen Werk konnte man eine autobiografische Wende erkennen. Die letzten Werke sind anders, mystisch geradezu. Einflüsse etwa von Francis Picabia, Todesboten und verrätselte Bilder und kein Agitprop mehr, wie in den 70ern. Seine Freundschaft mit Altkanzler Gerhard Schröder führte zu dem informellen Auftrag eines Ölporträts fürs Kanzleramt. Bis zuletzt hat er sich immer ermutigt zu malen, auf die Leiter zu steigen. "Ich habe auch auf der Malerleiter den Begriff 'Sieg' stehen, damit ich nicht immer in Depressionen falle. Das gehört, denke ich mal dazu, aber es ist auch was Ernstes. Jedes von mir abgesegnete Bild, womit ich im Einklang bin, ist eine Art Sieg."

Der im Mai 2007 verstorbene Maler und Bildhauer Jörg Immendorff 2004 in seinem Düsseldorfer Atelier. © dpa/Marcus Gloger Foto: Marcus Gloger

Jörg Immendorf: Malen heißt siegen

NDR Kultur -

Jörg Immendorf sah sich als gesellschaftskritischen Maler. Er erklärt seine Bilder nur ungern, weil er das Urteil des Publikums nicht beeinflussen wollte. 2000 sprach NDR Kultur mit ihm über seine Arbeit.

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"Ein gutes Bild muss Magie erzeugen"

Heute gibt es kaum ein Museum, das im Rahmen seiner Sammlung zur deutschen Gegenwartskunst nicht Exemplare von Immendorffs "Café Deutschland-Zyklus" aus den späten 70ern führt. Deutsche Teilung und Nachkriegswirklichkeit kommen darin vor. Stilistisch sind oft Parolen darauf zu finden, Protestaufrufe - und ein Äffchen. Das ist der Maler selber im ironischen Selbstporträt: "Ein gutes Bild löst sich beim Betrachter ein. Ein gutes Bild muss Magie erzeugen."

Der Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff starb am 28. Mai 2007 im Alter von 61 Jahren in seinem Haus in Düsseldorf.

Jörg Immendorff - Kurzvita

  • geboren am 14. Juni 1945 in Bleckede bei Lüneburg
  • 1963-1964 Studium der Bühnenkunst bei Teo Otto an der Kunstakademie Düsseldorf
  • 1964 Aufnahme in die Klasse von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf
  • 1968-1980 Arbeit als Kunsterzieher in Düsseldorf
  • 1981 bis 1985 verschiedene Gastlehrtätigkeiten u.a. in Stockholm, Köln und München
  • 1987-1988 Aufenthalt in Auckland
  • 1989 Professor an der Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt a. M.
  • ab 1996 war er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf
  • 1997 Ernennung zum Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg
  • gestorben 28. Mai 2007 in Düsseldorf

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.07.2016 | 15:54 Uhr

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