VIDEO: Hermine Trimde: "Keiner hat gefragt: Wie schaffst du das?" (22 Min)

Hermine Trimde: "Was du willst, das kannst du"

Stand: 07.01.2022 05:00 Uhr

Hermine Trimde, Jahrgang 1919, kommt 1941 als Umsiedlerin von Lettland nach Deutschland. In Rostock wird die Schauspielerin sesshaft, macht eine zweite Ausbildung zur Physiotherapeutin und zieht sechs Kinder groß. Stationen eines Jahrhundertlebens.

von Stefanie Grossmann und Kathrin Klein

Hermine Trimde kann auf stolze 102 Jahre Leben zurückblicken. Sie hat ein selbstbestimmtes Leben gelebt, in dem ihre Kinder stets an "erster Stelle standen", wie sie sagt. Ihre Männer hätten das nicht so gut gefunden - zwei ihrer drei Ehen scheiterten. Oft sei es schwer gewesen - allein mit sechs Kindern. Aber ihr habe gar nichts gefehlt. Und sie hätte nichts anders gemacht: "Ich bin so ein zufriedener Mensch." Noch bis ins hohe Alter stillt sie ihre Sehnsucht zu reisen. Drei Monate vor ihrem 100. Geburtstag hat sie mit Sohn und Schwiegertochter Riga besucht. Für Hermine Trimde schließt sich damit ein Kreis. "Da habe ich meine Heimat gesehen", erzählt sie dem NDR für die Dokumentation "Jahrhundertleben".

Kindheit in Lettland: Hermine träumt von der Bühne

Hermine Trimde, geborene Vainauska, (r) mit ihren Eltern und ihren Geschwistern Alfred und Erna. © Privat
Hermine Trimde (r) wächst als Hermine Vainauska in einfachen Verhältnissen in Riga auf.

Unter dem Mädchennamen Vainauska kommt Hermine Trimde am 14. Februar 1919 in Riga zur Welt. Sie wächst in einfachen Verhältnissen mit Bruder Alfred und Schwester Erna in der lettischen Hauptstadt auf. Ihr Vater besitzt eine Bäckerei, die Mutter arbeitet als Weißnäherin. "Zeitweilig hatten wir ein Unternehmen, das ist kaputtgegangen." Die Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren trifft auch die Familie: "Und dann war es sehr, sehr knapp." Hermine beschreibt ihren Vater als sehr streng, sie fühlt sich eingeschränkt. Er habe immer Nein gesagt. Aber sie sei auch sehr störrisch gewesen. Schon als Kind träumt sie davon, Schauspielerin zu werden. Sie singt im Schulchor, geht zur Tanzschule: "Überall, wo was los war, da war ich dabei." Als sie 15 ist, bewirbt sie sich bei einer Musik- und Theaterschule - und besteht die Aufnahmeprüfung. Drei Jahre später ist sie ausgebildete Schauspielerin. Ihr erstes Engagement am Theater bekommt sie an der Landesbühne Riga.

Zweiter Weltkrieg: Hochzeit und Umsiedlung

Doch Hermines Schauspielkarriere währt nur ein Jahr: "Die hat noch nicht mal angefangen, da war sie schon zu Ende." 1940 wird sie schwanger und heiratet. Ihr Mann, ein Zahnarzt, ist Deutscher. Tochter Yvette kommt noch in Riga auf die Welt. 1941 folgt das Paar als Baltendeutsche schließlich einer Nachumsiedlung unter der Parole "Heim ins Reich", die bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 begonnen hatte. Insgesamt folgen rund 52.000 Menschen aus Lettland dieser von Hitler und Stalin initiierten Aktion. Und so kommt Hermine mit Mann und der drei Monate alten Tochter am 25. Februar in einer Kleinstadt in der Nähe von Ludwigslust an. Dort wird sie mit Musik empfangen, wie sie sich erinnert. Seitdem sei sie eine Deutsche. Und Deutschland sei ihre große Lebensheimat.

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"Da liefen die Frauen in Kittelschürzen"

Doch aller Anfang ohne Familie und Freunde ist schwer: "Ich habe in Deutschland keinen einzigen Menschen gekannt. Ja, und die deutsche Sprache konnte ich auch nicht." Auch das Drumherum in der Provinz erlebt sie als Kulturschock: "Ich kam in eine Kleinstadt aus der schönen Metropole Riga. Ich bin immer mit Stöckelschuhen gelaufen, chic angezogen - und da liefen die Frauen mit Kittelschürzen." Doch Hermine Trimde richtet sich ein im neuen Leben, lernt Wäsche waschen, geht einkaufen. Das sei ein anderes Leben gewesen, aber sie habe alles in den Griff gekriegt. Drei weitere Kinder bringt sie zwischen 1943 und 1947 auf die Welt. Anfang der 1950er-Jahre, aus der Sowjetischen Besatzungszone ist mittlerweile die DDR geworden, lässt sich das Paar scheiden.

Umzug nach Rostock: Ausbildung und Trennung von Kindern

Hermine Trimde, geborene Vainauska, als junge Frau. © Privat
Da sie unabhängig sein will, macht die vierfache Mutter in den 50er-Jahren eine zweite Ausbildung.

Nach ihrer Scheidung zieht Hermine Trimde mit den vier Kindern nach Rostock. In der Hansestadt beginnt die junge Mutter 1952 eine dreijährige Ausbildung zur Krankengymnastin. Doch die Aufgabe, Ausbildung und Kinder unter einen Hut zu bekommen, ist groß: Schweren Herzens gibt Hermine Trimde ihre zwei Töchter und zwei Söhne für rund zwei Jahre in ein Heim. Jeden Sonntag besucht sie sie: "Dann blieb ich drei, vier Stunden bei meinen Kindern." Aber die Sehnsucht nacheinander sei immer da gewesen. Sie beschreibt die Situation als sehr belastend, sei sich aber sicher gewesen: "Die waren da gut aufgehoben."

Als die Vierfach-Mutter ihre Ausbildung mit einer "Zwei" beendet hat, holt sie ihre Kinder zu sich zurück. Sie bekommt eine Anstellung in der Rostocker Universitätsklinik - und, inzwischen ein zweites Mal verheiratet, zwei weitere Söhne.

Mutterrolle und Karriere: "Das musst du schaffen"

Während auch die zweite Ehe scheitert, macht Hermine Trimde Karriere. Die letzten 20 Jahre ihres Arbeitslebens leitet sie die Physiotherapie und unterrichtet an der Fachhochschule. Nebenbei gibt sie Sportkurse und bessert ihr Gehalt durch Näharbeiten auf. "Ja, da habe ich immerzu mein eigenes Geld verdient" - für Hermine Trimde eine Selbstverständlichkeit. Sie wundert sich über einen Bericht über Frauen in Westdeutschland: "Da sagt dieser Moderator: Sie gehen halbtags arbeiten und sie haben zwei Kinder. Wie schaffen Sie denn das?" Die Frage ist unbegreiflich für sie: "Ich habe von morgens bis abends nur gearbeitet. Du hast geschuftet und bist auch fertig geworden. Aber keiner hat dich gefragt: 'Wie schaffst du das denn?'", erzählt Hermine Trimde.

Tod der Tochter: "Der schmerzlichste Eingriff"

Ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto von Hermine Trimdes Tochter Yvette steht auf einem Sideboard. © NDR
Tochter Yvette stirbt im alter von 42 Jahren an Krebs. "Das war sehr, sehr schwer", sagt Herminde Trimde.

Angespornt hätten sie stets zwei Sätze auf ihrem Spiegel. Oben steht: "Was du willst, das kannst du". Und unten: "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten". Jeden Morgen habe sie diese Sätze verinnerlicht und sich gesagt: "Das musst du schaffen." Und sie schafft es. All ihre Kinder können studieren.

Anfang der 80er-Jahre geht sie in Rente. Überschattet wird diese Zeit vom Tod ihrer Schwiegertochter, die mit gerade mal 24 Jahren stirbt. Noch härter trifft sie der Tod ihrer ältesten Tochter - Yvette stirbt mit 42 Jahren an Krebs. Das sei der schmerzlichste Eingriff in ihrem Leben gewesen.

Beim Mauerfall war der jüngste Sohn schon drüben

"Ich kam aus Lettland und bin dann gleich in die spätere DDR", so Trimde. Die deutsche Teilung hat sie deshalb nie so sehr gestört, wie sie sagt. Sie selbst hat keine tiefergehenden Verbindungen zum Westen, kennt die andere Seite der Mauer lediglich von Besuchen bei Kolleginnen: "Nun, mit 60 Jahren, konnte ich ja schon nach drüben fahren." Wende und Wiedervereinigung erlebt Hermine Trimde, als sie schon Rentnerin ist. Aber es sei aufregend gewesen, "als Schabowski sagt, dass die Grenze gefallen ist." Was Hermine Trimde nicht weiß: Ihr jüngster Sohn Thilo ist da schon drüben. Mithilfe seines Vaters, der in Prag lebt, war er 1989 über die dortige Botschaft nach Deutschland ausgereist. "Und dann kam ein Brief von ihm, und da hat er gesagt: 'Mutti, also ich brauche meine Papiere. Ich bin in Hamburg.'" Am nächsten Tag fährt sie mit ihrer Tochter Marion zu ihm, "und die war da so glücklich - eine ganz andere Welt. Das waren Zeiten - und jetzt sind wir alle eins. Wie schön ist das!" Mit 64 Jahren heiratet sie zum dritten Mal. Mit ihrem Mann unternimmt sie Reisen - und genießt es.

Mit 92 ins Heim: Angst vor Erblindung und Einsamkeit

Hermine Trimde aus Rostock sitzt an einem Tisch und schreibt. © NDR
Ihren Umzug ins Heim hat Hermine Trimde nie bereut: "Man ist in Gesellschaft und das ist ganz, ganz wichtig."

Vor gut zehn Jahren sagt ihr Augenarzt: "Über kurz oder lang werden sie erblinden". Die niederschmetternde Diagnose begleitet Hermine Trimde fortan. Und so entschließt sie sich mit 92 Jahren, in ein Heim zu ziehen - obwohl sie gesund ist und noch mitten im Leben steht. Ihr neues Zuhause ist die Seniorenresidenz auf der Holzhalbinsel in Rostock. Dort fühlt sie sich genauso frei wie in einer Privatwohnung. Sie unternimmt weiter Reisen, geht in Konzerte und zum Senioren-Tanz. "Das war ja mal meine größte Leidenschaft, das Tanzen." Den Umzug ins Heim bereut sie "nicht eine Minute". Sie habe in ihrem Leben immer viel mit Menschen zu tun gehabt. "Und ich hatte immer Angst, dass ich, wenn ich alleine bin, vereinsamen werde." Aber hier seien immer Menschen, so Hermine Trimde.

Noch immer macht sie fast jeden Tag einen Spaziergang an die Warnow. Dort steht "ihr Baum", eine Weide: Der dicke Stamm, das sei sie, fünf gesunde Äste stehen für ihre fünf Kinder. Ein abgesägter Ast erinnert an ihre Tochter Ivette.

Das Projekt: Jahrhundertleben - Das Vermächtnis der 100-Jährigen

Größter Wunsch: Ohne Leiden friedlich einschlafen

Hermine Trimde aus Rostock. © NDR
Nicht ohne Stolz sagt Hermine Trimde: "Wenn ich meine Augen schließe, hinterlasse ich eine Familie, die intakt ist."

Sechs Kinder zu ernähren war nicht einfach, so Hermine Trimde rückblickend. Aber: "Das Wichtigste waren immer meine Kinder." Noch heute pflegen sie engen Kontakt - und halten zusammen. Wenn sie ihren Geburtstag feiert, sind alle dabei. "Keiner hat gesagt, ich komme nicht." Und alle hätten es zu etwas gebracht: "Sie sind mein größter Stolz." Aber auch die Kinder seien stolz auf die Mutter. Sie freuen sich, "dass sie ihre Mutter immer vorzeigen können." Am Lebensabend bleibt noch ein großer Wunsch: "Dass ich ruhig einschlafe, ohne Leiden." Wenn sie die Augen schließe, hinterlasse sie eine intakte Familie - mit elf Enkeln, 23 Urenkeln und sieben Ururenkeln.

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Ein Jahrhundertleben | 02.01.2022 | 15:45 Uhr

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