VIDEO: Hans Helmut Killinger: "Ich kann nur dankbar zurück blicken" (27 Min)

Hans Helmut Killinger: "Ich kam raus, mein Vater nicht"

Stand: 01.01.2023 05:00 Uhr

Bei Rostock erlebt Hans Helmut Killinger, 96 Jahre alt, eine unbeschwerte Kindheit in einer Unternehmerfamilie - bis der Krieg sie auseinanderreißt. In Hamburg findet Killinger neues Glück. Rückblick auf ein Jahrhundertleben.

von Christina Maciejewski und Kathrin Klein

Als zweites von vier Kindern wird Hans Helmut Killinger am 7. Juli 1926 in Rostock geboren. Kurz nach seiner Geburt zieht die Familie in den 200-Seelen-Ort Papendorf, acht Kilometer südlich von Rostock, um dort die Ziegelei des verstorbenen Großvaters weiterzuführen. Die Villa Papendorf wird zum Dreh- und Angelpunkt der Familie. Seine Heimat ist mittlerweile dennoch Hamburg, erzählt Hans Helmut Killinger dem NDR für die Dokumentation "Ein Jahrhundertleben".

Villa Papendorf und Ziegelei setzen Rahmen für die Kindheit

Hans Helmut Killinger und seine Schwester vor der Villa Papendorf 1930 © Privat
Manchmal etwas schmutzig, aber glücklich: Hans Helmut Killinger und seine Geschwister erleben eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land.

Mit seinen beiden Schwestern und dem kleinen Bruder wächst Hans Helmut Killinger in einer umtriebigen Familie auf. Der Vater, eigentlich Direktor des größten Industriebetriebs in Mecklenburg, der Neptun Werft, führt die Geschäfte seines Schwiegervaters fort. Diese Ziegelei prägt das Leben und Erleben des kleinen Hans Helmut: "Das Büro war in der Villa, Geschäftsleute aßen mit. Der Betrieb war hautnah", erinnert sich Killinger. Die Glocke der Ziegelei strukturiert damals den Tag der Mitarbeiter und der Familie "wie Big Ben im British Empire." Ein Spielplatz ist die Ziegelei nicht, aber an der Hand seines Vaters verfolgt Killinger als Kind aufmerksam das dortige Geschehen.

Killinger und seine Geschwister erleben eine weitgehend unbeschwerte Kindheit auf dem Land. Am liebsten spielen sie draußen mit den Kindern der Ziegeleiarbeiter - manchmal zum Leidwesen der Mutter. Denn der Nachwuchs kommt zwar glücklich, aber auch immer schmutzig nach Hause. "Wenn Kinder mit fünf oder sechs Jahren spielen, liegen die doch immer zur Hälfte auf der Erde. Das war ja auf dem platten Lande, im Garten", erzählt Killinger schmunzelnd.

Das Leben entdecken und genießen

Hans Helmut Killinger mit seinen Eltern und Geschwistern am Strand, undatierte Aufnhame- © privat
Der Vater fährt gern mit seiner Familie in den Urlaub oder nimmt seine Kinder auf Ausfahrten mit dem Auto mit.

Solange es in der Schule gut läuft, lassen die Eltern den Geschwistern viele Freiheiten. Bildung ist dem Ehepaar Killinger wichtig. Hans Helmut besucht eine Privatschule in Rostock. Bis heute ist er seinen Eltern dankbar für die Möglichkeiten, die sie ihm geboten haben. Sie hatten früh ein eigenes Auto und der Vater nutzte es gern für Urlaubsreisen mit der Familie. Manchmal nahm er seinen Sohn mit zu Veranstaltungen, zum Beispiel zur Funkausstellung in Berlin. "Wo was los war, fuhr er schnell hin und nahm mich gern mit - auch wenn es einen Schultag kostete", sagt Killinger.

Ziegelei wird Opfer der Weltwirtschaftskrise

Von 1926 bis 1939 erlebt die Familie Höhen und Tiefen mit dem großväterlichen Betrieb. In den ersten Jahren herrscht Hochkonjunktur. "Da verkauften sich die Steine von selbst", berichtet Killinger. Doch 1929 trifft die Weltwirtschaftskrise sie hart. Vater Killinger gibt seinen Posten bei der Neptun Werft auf, um sich ganz dem Unternehmen zu widmen. Und der junge Hans Helmut beobachtet als Kind die zunehmenden Folgen der Krise: Die Arbeiterkinder leiden an Hunger und Not, oft klopfen Menschen bei den Killingers an und bitten um Arbeit oder Lebensmittel.

1930 erreicht der Betrieb seinen Tiefpunkt, über drei Jahre wird nicht gearbeitet. Der Vater ist arbeitslos und kaum in der Lage, die Villa zu halten. 1933 muss Vater Killinger Konkurs anmelden, kann aus der Insolvenzmasse, die noch weitere Geschäftszweige umfasst, aber die Ziegelei und die Villa kaufen. Auch Hunger leiden muss die Familie dank einer kleinen Landwirtschaft nicht.

Nazis bescheren der Ziegelei wieder Auftrieb

Die Ziegelei Papendorf in den 1930er Jahren © Privat
Die Ziegelei in Papendorf bei Rostock bestimmt den Alltag der Familie Killinger, bis sie 1939 still gelegt wird.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erlebt die Ziegelei einen Aufschwung. "Zuerst fanden wir das alle gut, weil es wieder bergauf ging", erzählt Killinger. Bis 1939 läuft es wirtschaftlich hervorragend für die Familie, von seinem siebten bis zum dreizehnten Lebensjahr lebt Hans Helmut Killinger in gut situierten Verhältnissen. Doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs setzt dem Unternehmen abermals ein jähes Ende: 1939 wird die Ziegelei stillgelegt, denn alle Arbeitskräfte werden für den Kriegsdienst eingezogen.

Landwirtschaft bewahrt Familie im Krieg vor Hunger

Die kleine Landwirtschaft hält die Familie erneut über Wasser. Mutter Erika buttert selbst, produziert sogar Überschüsse und bringt die Familie wohlgenährt durch den Krieg. "Der Krieg hat meine Familie vergleichsweise wenig getroffen. Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg wohl sehr stramm gehungert. Als er die Nazi-Parole 'Kanonen statt Butter' hörte, schaffte er Küken und Schweine an. Papendorf wurde 1936 auf Selbstversorgung umgestellt. Das war sehr weitsichtig."

Ab 1941 erhält die Familie außerdem Mieteinnahmen von den Ernst Heinkel Flugzeugwerke aus Rostock, die das gesamte Fabrikgelände und alle Gebäude zur Lagerung von Flugzeugteilen mieten. Die Auslagerung wichtiger Güter soll im Falle einer Bombardierung der Werke sicherstellen, dass trotzdem weiter produziert werden kann. Eine verhängnisvolle Wendung, wie sich später herausstellt.

"Den Einmarsch in Russland hielt mein Vater für Wahnsinn"

Historische Aufnahme der Villa Papendorf bei Rostock, in der Hans Helmut Killinger aufgewachsen ist (vermutlich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs). © privat
Die Villa Papendorf erhält während des Krieges einen Tarnanstrich, der sie vor Bombenangriffen schützen soll.

Mit dem Krieg ändert sich das Leben in der Villa Papendorf. Benzin wird knapp, Ausfahrten mit dem Auto gibt es nicht mehr. 1941 wird die Villa mit einem grünlichen Farbanstrich versehen, um sie und die Fabrik vor Bombenangriffen zu tarnen. "Das machte die Villa unansehnlich und hässlich," erinnert sich Killinger. Nach der anfänglichen Freude über den wirtschaftlichen Aufschwung sieht sein Vater Hitler und die Nationalsozialisten zunehmend kritisch. "Den Krieg fand mein Vater nicht gut und den Einmarsch in Russland hielt er für Wahnsinn."

Trotz der Einschränkungen und der Sorgen erlebt Hans Helmut Killinger den Krieg zunächst nicht unmittelbar, Papendorf ist klein und bleibt von Bombenangriffen verschont. Am 10. November 1938, am Tag nach der Reichspogromnacht, ist Killinger jedoch in Rostock. Ungläubig beobachtet der Zwölfjährige dort pöbelnde SS-Anhänger, die jüdisches Eigentum zerstören.

Bomben auf Rostock: "In Papendorf wackelte alles"

Kurz nach Killingers Konfirmation im März 1942 rückt das Kriegsgeschehen näher. Vom 24. bis zum 27. April 1942 fallen rund 100.000 Bomben der Alliierten auf das nahe Rostock. Der jugendliche Killinger steigt auf den Turm der Villa und sieht die Stadt brennen. 60 Prozent des Rostocker Stadtgebietes werden zerstört, mehr als 35.000 Menschen verlieren ihr Zuhause. "In Papendorf wackelte alles", erinnert sich Killinger. Und seine Familie nimmt Bombenflüchtlinge aus Rostock auf.

Hans Helmut Killinger und ein Freund als Soldaten © Privat
Killinger und seine Mitschüler werden mit 16 Jahren für den Kriegsdienst eingezogen. Viele seiner Freunde überleben den Krieg nicht.

1943 kommt der Krieg endgültig nach Papendorf, die Familie wird getrennt. Killinger, inzwischen 16 Jahre alt, und seine Schwester werden eingezogen, zum Arbeitsdienst und zur Luftabwehr. Anschließend muss Hans Helmut Killinger zur Wehrmacht. Er ist nicht daheim, als die russische Armee am 1. Mai 1945 Papendorf besetzt und die Villa beschlagnahmt. Killinger gerät in britische Kriegsgefangenschaft und wird als Erntehelfer eingesetzt. Auf einem Hof in der Nähe von Osnabrück verbringt er den eisigen Winter 1945/1946.

Vater und Sohn geraten in russische Gefangenschaft

1946 holt der Vater ihn nach Hause, er brauche die Beine seiner Kinder, um den Betrieb wieder ans Laufen zu kriegen, sagt er. Der Vater blickt nach vorn, er will den Wiederaufbau seiner Ziegelei. Doch kaum ist Hans Helmut Killinger zurück, werden er und sein Vater von den russischen Besatzern verhaftet. Der Vorwurf: Sie hätten die Rüstungsindustrie unterstützt, indem sie ihr Gelände an die Heinkel Flugzeugwerke vermieteten. Killingers Schwester interveniert und findet für ihren Bruder eine Entlastungszeugin. So kommt der 19-Jährige nach wenigen Wochen frei.

"Frau, sei froh - haste einen"

Der Vater hingegen wird in das ehemalige Kriegsgefangenenlager Fünfeichen in Neubrandenburg gebracht. Die Sowjets nutzen es seit Kriegsende zur Internierung von NS-Funktionären und Systemträgern und anderen Personen, die aus russischer Sicht ein Sicherheitsrisiko darstellen. "Ich kam raus, mein Vater nicht. Wir hörten nichts von ihm, kein Wort. Meine Mutter versuchte, ihn frei zu bekommen und sagte dem russischen Stadtkommandanten, ihr Sohn sei auch schon frei gesprochen", erinnert sich Killinger. "Doch der Stadtkommandant sagte nur zu ihr: 'Frau, sei froh - haste einen'."

Jahrelang erfährt die Familie nichts über den Verbleib des Vaters. Ehemalige Gefangene berichten Widersprüchliches. Mal heißt es, der Vater lebe, mal, er sei gestorben. "Das ist ein ganz merkwürdiger Zustand. Sie wissen über Jahre nicht: Ist ihr Vater tot, ist er nicht tot?" Erst nach der Wende 1989 bekommen die Killingers die offizielle Bestätigung: Der Vater starb im eisigen Februar 1947 an der Ruhr. Die Hygienebedingungen im Lager Fünfeichen waren katastrophal, mehr als 7.000 Insassen starben zwischen 1945 und 1950 an Entkräftung und Krankheiten.

Abschied von der Villa Papendorf und Blick nach vorn

Hans Helmut Killinger im Anzug, undatierte Aufnahme © privat
Mit einem Jura-Studium knüpft Hans Helmut Killinger an eine Familientradition an.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis muss Killinger Rostock innerhalb von 24 Stunden verlassen. Er geht erst nach Berlin, dann nach Köln und studiert Jura - wie sein Vater und Großvater. Es ist sein Traumberuf. "Killingers waren alle Juristen. Mein Vater war Jurist, mein Sohn ist es auch. Vielleicht verliebt man sich auch als Junge darin." Killinger legt exzellente Staatsexamina ab und promoviert. Der junge Mann schaut nach vorn, will vorankommen.

In Hamburg geht er in die Finanzverwaltung und wird Oberfinanzdirektor. "Mein Herz schlug bei finanziellen Angelegenheiten, beim Steuerrecht und vor allem auch bei der Geldpolitik." Die juristische Denkart sei ihm von klein auf vertraut gewesen. "Man wird ja beeinflusst bei solchen Themen zu Hause. Geldpolitik haben wir jeden Tag miterlebt." In der Hansestadt trifft er seine Familie wieder. Auch seine Mutter und Schwestern hatten Papendorf den Rücken gekehrt, nachdem die Russen Hab und Gut enteignet hatten.

Eine Liebe fürs Leben: "Marietta war einfach anders"

Hochzeitsfoto von Marietta und Hans Helmut Killinger von 1958. © privat
Mit Marietta findet Hans Helmut Killinger die Liebe seines Lebens. Sie heiraten im August 1958.

Killinger ist beruflich erfolgreich. 1954 findet er auch privat sein Glück. Bei einer Silvester-Party lernt er Marietta kennen. "Ich fand sie sehr selbstbewusst. Sie war anders, in anderen Verhältnissen groß geworden", erinnert sich Killinger. Die junge Frau hatte in England und Dänemark gelebt, ihre Art fasziniert ihn vom ersten Moment an. Eigentlich will sie als nächstes nach Frankreich, doch da macht Killinger ihr schnell einen Heiratsantrag. Am 23. August 1958 heiratet das Paar - aus Liebe, wie beide betonen, eine Liebe, die sie sich über 60 Ehejahre bewahren können.

"Die Kinder sind sicher zu kurz gekommen"

Die beiden bekommen vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen. Während Marietta die Kinder versorgt, arbeitet Killinger viel. Er ist ehrgeizig und wünscht sich wirtschaftliches Vorankommen für sich und seine Familie. "Die Kinder sind sicher in diesen Jahren zu kurz gekommen, weil ich am Wochenende zwar zu Hause war, aber während der Woche oft erst spät kam", erinnert er sich. Doch seine Frau hält ihm damals den Rücken frei und beide fühlen sich wohl mit ihren Aufgaben. "Ich hatte meine Kinder und mein Mann hatte sein Geschäft, wir saßen einander nicht auf der Pelle, jedenfalls meistens nicht," sagt Marietta Killinger heute.

Der Hamburger Hafen wird zur beruflichen Heimat

Hans Helmut und Marietta Killinger (links) bei einer Schiffstaufe in Anwesenheit von Prinzessin Margaret. © privat
Als Unternehmer verwächst Hans Helmut Killinger ab den 70er-Jahren zunehmend mit dem Hamburger Hafen. Auch prominenter Besuch wie der von Prinzessin Margaret bei einer Schiffstaufe gehört gelegentlich dazu.

Obwohl er in der Finanzverwaltung zufrieden ist, geht Killinger - mehr aus Höflichkeit auf Bitte eines Freundes - zu einem Vorstellungsgespräch zur Firma August Bolten, einem Schifffahrtsunternehmen. Sie wollen ihn unbedingt. Killinger lässt sich anwerben, gibt seine Beamtenstellung auf - und ist zweieinhalb Jahre später Gesellschafter der Firma. Das Unternehmen kauft Kai-Betriebe für Stückgut-Umschlag vor allem aus dem Ostblock. Für den Automobilkonzern VW regeln sie den gesamten Umschlag in die USA.

Killingers Berufsleben ist von nun an eng mit der Entwicklung des Hamburger Hafens und der Schifffahrt verbunden. In den 1970er-Jahren kauft seine Firma Anteile an der Buss Group, einer Stauerei, und Killinger baut ein großes Unternehmen mit mehreren Standbeinen auf. "Das kriegen sie nicht im Schlaf, da müssen sie sich ein bisschen drehen. Aber es waren friedliche Jahre und es ging voran, vor allem, weil es in Deutschland aufwärts ging", erläutert er.

Auch privat zu Wasser: Rudern bis ins hohe Alter

Hans Helmut Killinger rudert bis ins hohe Alter © Privat
Killinger hat als Junge angefangen zu rudern und betreibt sein Hobby bis ins hohe Alter.

Seinen Ausgleich zur Arbeit findet er ebenfalls auf dem Wasser: Bis ins hohe Alter geht er rudern, jährlich legt er um die 1.200 Kilometer zurück. Eine Leidenschaft, die er ebenfalls an seine Kinder weitergibt, wie die Juristerei. 1994 überträgt er seine Anteile am Betrieb an den ältesten Sohn und beobachtet seitdem mit Stolz, wie dieser das Unternehmen in die Zukunft führt. Die Zusammenhänge zwischen globaler Entwicklung und Schifffahrt faszinieren ihn bis heute. Er verfolgt auch mit 96 Jahren noch die Veränderungen im Frachtgeschäft, zuletzt durch die Corona-Pandemie.

Mauerfall und Wiedervereinigung: "Ohne einen Toten!"

Mit Faszination blickt Hans Helmut Killinger heute auch auf die Entwicklung Deutschlands und der Welt während seiner Lebenszeit zurück. "Wenn ich 1946 gesagt hätte, dass ich jetzt hier in einem netten Haus sitze, weltweit reise und überhaupt keine Schwierigkeiten habe, ins Ausland zu gehen - das hätte ich nie geglaubt." Wie Europa zusammengerückt sei, finde er großartig. Und dass der Mauerfall 1989 und die Wiedervereinigung 1990 so friedliche verlaufen seien - "ohne einen Toten!" -, das begeistert ihn. "Das lag vorher doch jenseits unserer Phantasie."

Das Projekt: Jahrhundertleben - Das Vermächtnis der 100-Jährigen

Nach der Wende kann die Familie endlich auch das Grab des Vaters besuchen. Die Gedenkstätte in Fünfeichen empfindet Killinger als sehr würdig. "Auf Grabsteinen wird an die Insassen erinnert, auch an meinen Vater."

Villa Papendorf kommt zurück in Familienbesitz

Die Villa Papendorf 2022 in neuem Glanz © NDR Foto: Michael Donnerhak
Die Villa Papendorf 2022 - heute ist sie ein Kultur-Treff und Mittelpunkt der Familie.

Außerdem bekommen die Killigers 1991 ihre in der Nachkriegszeit enteignete Villa Papendorf zurück. Als Hans Helmut mit seinen Geschwistern durch das heruntergekommene Haus geht, ist er vor allem eins: dankbar, dass er sein Leben in Hamburg leben konnte. "Die Villa war in einem bejammernswerten Zustand. Das war uns aber ziemlich egal. Hauptsache, wir waren die 40 Jahre nicht da gewesen." Killingers jüngster Sohn Olav führt den alten Familiensitz zu neuem Glanz. Erneut wird die Villa Papendorf zum Familienmittelpunkt. Hochzeiten werden gefeiert, an Weihnachten kommen alle hier zusammen - und mit Konzerten und Lesungen entwickelt sich das Haus zu einem kleinen Kulturzentrum.

Kein Heimweh nach Papendorf: "Meine Heimat ist Hamburg"

Hans Helmut Killinger und sein Enkel Lorenz Killinger blättern bei den Dreharbeiten zur NDR Dokumentation "Ein Jahrhundertleben" in einem Fotoalbum. © NDR Foto: Kathrin Klein
Stöbern in Erinnerungen und diskutieren über historische Themen: Hans Helmut und Enkel Lorenz Killinger eint das Interesse an Geschichte.

Killinger freut sich, dass die Villa wieder ein Teil der Familie ist. Doch Heimweh habe er nicht. "Meine Heimat ist hier. Was ich im Leben geleistet habe, habe ich in Hamburg geleistet." Hier lebt er mit seiner Frau und freut sich über den Besuch seiner Enkel. Immer hält er Fotos für sie bereit, falls sie Fragen haben, und erzählt ihnen gern aus seinem bewegten Leben. Für Enkel Lorenz etwa ist er ein großes Vorbild: "Mein Großvater steht für mich dafür, dass sich Fleiß lohnt. Dass es gut ist, beständig und am Ball zu bleiben - ob bei der Karriere oder privat. Und dass man nicht den Kopf in den Sand stecken soll. Dafür steht er genau wie meine Großmutter." Das fundierte historische Wissen von Killinger senior schätze der junge Mann sehr - Diskussionen über geschichtliche Themen gehören zu den Treffen der beiden fest dazu.

Fast ein Jahrhundert Lebenszeit: "Was wollen Sie mehr?"

Foto von Hans Helmut Killinger und seiner Frau Henrietta © Privat
Killinger genießt es, im Kreise seiner Familie zu sein. Mit seiner Frau blickt er dankbar auf sein Leben zurück.

Fast ein Jahrhundert Lebenszeit liegt hinter Hans Helmut Killinger. Dass er einmal auf ein so langes erfolgreiches und erfülltes Leben zurückschauen kann, gemeinsam mit seiner Frau und im Kreise der Familie - das hätte er als junger Mann in Papendorf nicht zu hoffen gewagt: "Ich kann nur dankbar zurück blicken", sagt er lächelnd "Ich bin seit 64 Jahren verheiratet, habe vier gesunde Kinder, lebe hier, genieße unseren Garten. Und bin, das kommt noch dazu, gesund wie ein Fisch im Wasser! Was wollen Sie mehr?"

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Dieses Thema im Programm:

Ein Jahrhundertleben | 02.01.2023 | 22:00 Uhr

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