Stand: 08.03.2016 00:00 Uhr  | Archiv

Hubert Fichte: Hamburgs Poet der Außenseiter

In seinen Romanen und Erzählungen schilderte Hubert Fichte immer wieder das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft. Auch in seinen Interviews wandte er sich Abweichlern zu. Das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers gehört zu den eindringlichsten Zeugnissen der deutschen Nachkriegsliteratur.

Ausnahme-Autor und Außenseiter

Hubert Fichte führte ein wechselvolles Leben und fühlte sich selbst - zum Teil auch selbstgewählt - als Außenseiter: Halbjude, angeblich Halbwaise, mal bi, mal schwul. Es zog ihn nach St.Pauli, wo er seine legendären Interviews mit Strichern und Prostituierten führte. Diese Begegnungen spiegeln sich auch in seinen Romanen wider. Hubert Fichtes Sprache ist rhythmisch, direkt, oft auch rüde - ein Befreiungsschlag gegen bürgerlichen Mief.

Kindheit als Halbjude im Dritten Reich

Hubert Fichte bei der Verleihung des Hermann-Hesse-Preises © dpa - Bildarchiv
Nach Hubert Fichte ist seit 1995 ein Literaturpreis benannt, der in Hamburg verliehen wird.

Geboren wird Fichte am 21. März 1935 in Perleburg. Wenige Wochen nach der Geburt zieht die Familie nach Hamburg-Lokstedt. Während die Mutter als Stenotypistin und Souffleuse arbeitet, erzieht die Großmutter den Jungen. Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, flieht vor den Nationalsozialisten nach Schweden. Während des Krieges lebt der Junge in Oberbayern und Schlesien, dann kommt er zurück nach Hamburg und spielt ab 1946 Kinderrollen im Theater, besucht ein Gymnasium, bricht in der 10. Klasse ab und lässt sich als Schauspieler ausbilden. Nach dem Studium geht er zunächst nach Frankreich.

Versuche als Landwirt und Schäfer

1955 bis 1957 arbeitet Fichte als Landwirtschaftslehrling bei Heide in Holstein, wird danach Landwirt in Hannover und in Schweden. 1959 bis 1962 lebt er als Schäfer in der Provence, dann arbeitet er als freier Schriftsteller und Journalist und veröffentlicht 1963 seinen Prosaband "Der Aufbruch nach Turku" mit 14 Erzählungen. 1965 erscheint sein erster Roman: "Das Waisenhaus", für den er den Hermann-Hesse-Preis erhält, hat autobiografische Züge und stellt die Vierzigerjahre aus Sicht eines achtjährigen gedemütigten und verfolgten Außenseiters dar.

"Ethno-Poet" auf Reisen

Mit seiner langjährigen Freundin und Begleiterin, der Fotografin Leonore Mau, reist Fichte von 1971 bis 1975 zu völkerkundlichen Untersuchungen ins brasilianische Bahia, nach Tahiti und Trinidad. In zahlreichen von ihm selbst als "Ethnopoesie" bezeichneten Werken setzt er sich mit den kultischen Religionen auseinander. Zum Beispiel in "Versuch über die Pubertät" (1974), einem Roman über Initiationsriten der "primitiven" und der "zivilisierten" Welt. Ethnologische Arbeiten wie "Xango" und "Petersilie" bilden nun neben den Romanen mit autobiografischen Einflüssen den zweiten wichtigenTeil seines Lebenswerkes.

Einen 1974 begonnenen Romanzyklus, die auf 19 Bände angelegte "Geschichte der Empfindsamkeit", kann Fichte nicht mehr ganz beenden: Er stirbt am 8. März 1986 in Hamburg an Lymphdrüsenkrebs. Im Gedenken an Fichte verleiht die Stadt Hamburg seit 1995 den Hubert-Fichte-Preis für besondere literarische Leistungen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.02.2017 | 08:00 Uhr

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