Stand: 25.10.2019 14:21 Uhr

Heinrich Büssing: Pionier auf Straße und Schiene

von Simone Rastelli
Heinrich Büssing (zweiter von rechts) bei der Einweihung der ersten Omnibuslinie zwischen Braunschweig und Wendeburg 1904. © Heinrich-Büssing-Haus, Nordsteimke/ MAN
Heinrich Büssing (zweiter von rechts) eröffnet 1904 die erste Omnibuslinie zwischen Braunschweig und Wendeburg.

Mit knapp 60 Jahren, einer unternehmerischen Erfolgsgeschichte, bereits mehr als 90 angemeldeten Patenten in der Vita und einem Vermögen auf dem Konto verwirklicht sich der Eisenbahn-Signalanlagen- und Stellwerkbauer Heinrich Büssing seinen Traum: Von der Schiene verlagert er seine Technikbegeisterung auf die Straße und meldet 1903 ein Gewerbe zur "Fabrikation von Verbrennungsmotoren und Kraftwagen an". Nach zwei Jahren voller Konstruktionsversuche sind nicht nur der erste Lkw und der erste Omnibus gebaut - Büssing organisiert auch gleich den Verkehr und eröffnet 1904 die erste Omnibuslinie zwischen Braunschweig und Wendeburg.

Das Glück selbst geschmiedet

Die Erfolgsgeschichte beginnt in einer kleinen Schmiede in Nordsteimke. In dem heutigen Ortsteil von Wolfsburg mit damals rund 300 Einwohnern wird Heinrich Büssing am 29. Juni 1843 geboren. Sein Vater betreibt die Dorfschmiede. Schon als Kind hilft Heinrich in der väterlichen Schmiede und macht dort nach dem Besuch der Dorfschule eine zweijährige Ausbildung, sein Gesellenstück ist ein Hufeisen. In der Lehre erwirbt er die Fähigkeiten, die ihn später zu einem erfolgreichen Unternehmer machen sollen: Handwerk, Kreativität und den Umgang mit Geld. Zwei Jahre arbeitet Büssing beim Schmiedemeister Müller in Braunschweig - 13 bis 14 Stunden täglich für einen Taler die Woche.

Blick auf die aufstrebende Industrie

Mit 18 Jahren zieht Büssing auf Wanderschaft. Seine Reise führt durch ganz Deutschland und in die Schweiz. Die technischen und industriellen Neuerungen, denen er begegnet, lassen ihn früh erahnen, dass die großindustrielle Produktion das kleine Handwerk ablösen wird. Deshalb reichen Büssing seine Handwerker-Kenntnisse nicht mehr aus. Er will mehr als "nur" schmieden und schreibt sich als Gasthörer für Vorlesungen in Maschinenbau und Bautechnik am Collegium Carolinum in Braunschweig ein - gegen den Willen des Vaters, der es lieber gesehen hätte, dass sein Sohn die Schmiede übernimmt.

1869: Heinrich Büssing gründet sein erstes Unternehmen

Die persönlichen Notizen Büssings sind schon früh mit technischen Aufzeichnungen gespickt, darunter auch Überlegungen zum Velocipedes. Mobilität erkennt er als Voraussetzung für die großindustrielle Produktion. Büssing ist mittlerweile mit Marie Zimmermann verheiratet und Vater zweier Kinder und gründet 1869 sein erstes Unternehmen, die Velocipedes-Fabrik. Mit einigen Arbeitern baut er in einer kleinen Werkstatt selbst konstruierte zwei- und dreirädrige, eisenbereifte Fahrräder. Mangelndes Betriebskapital und durch den Deutsch-Französischen Krieg zerstörte internationale Geschäftsbeziehungen lassen dieses Unternehmen jedoch scheitern.

Firma Jüdel & Co: Büssings Durchbruch im Eisenbahnwesen

Büssing orientiert sich schnell um und gründet 1870 eine Maschinenbauanstalt, doch auch dieses Unternehmen bringt nur Schwierigkeiten. Mehr Erfolg hat Büssing ab 1873 im Eisenbahnwesen. Er gewinnt den jüdischen Kaufmann Max Jüdel als Geldgeber und gründet mit ihm die Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co. England ist zu diesem Zeitpunkt Vorreiter im Eisenbahnbau, Deutschland hingegen hat im Stellwerk-, Weichen- und Gleisanlagenbau riesigen Nachholbedarf. Büssings Erfindergeist trifft hier in genau die richtige Kerbe: Mehr als 90 Patente meldet er für das Signalwesen an, 1879 fertigt das Unternehmen das 1.000. Stellwerk. 1928 wird Jüdel & Co von der Siemens & Halske AG übernommen, dem heutigen Siemens-Werk in Braunschweig.

Der "Mylord" als Studienobjekt

1900, im Todesjahr seiner ersten Frau Marie, greift Büssing, mittlerweile Vater von vier Kindern, tief in seine nun gut gefüllte Tasche. Er kauft sich einen Benz "Mylord" und nutzt den Pkw, um technische Studien und Versuche an ihm zu betreiben, bevor er in die Lkw-Produktion geht. Zwei Jahre später schrauben fünf Spezialmitarbeiter unentwegt an dem Versuchswagen "Graue Katze", bis am 22. Oktober 1903 der erste Lkw fertig ist.

Nahverkehr und rollender Briefkasten

Modellbau der ersten Omnibuslinie von Wendeburg nach Braunschweig. © NDR Foto: Simone Rastelli
Busfahren Anfang des 20. Jahrhunderts: Modellbau des Büssing-Busses auf der Linie Wendeburg-Braunschweig.

1904 steht auch der erste Omnibus betriebsbereit in Braunschweig. Wenig später bringt der Büssing-Bus dreimal täglich bis zu 20 Menschen von Wendeburg nach Braunschweig und wieder zurück, neun Haltestellen werden auf der Strecke bedient. Wer nicht auf den hinteren Holzbänken Platz nehmen mag, löst beim Fahrer ein "Luxus"-Ticket für einen der vorderen Lederpolster-Sitze. Wenig später kommen weitere Linien dazu: Mit der Lastwagen-Betriebsgesellschaft Braunschweig unterhält Büssing vier Strecken im Harz. Aus dem Unternehmen entsteht später die heutige KVG, die Kraftverkehrsgesellschaft Braunschweig.

In den Holzaufbau des Busses ist ein ganz besonderer Kasten eingebaut: Laut Vertrag mit der Oberpostdirektion Braunschweig darf Büssing mit seiner Linie nicht nur Personen, sondern auch Briefe und Pakete befördern. Damit ist der Wendeburg-Bus zugleich der erste Kraftpostomnibus der Welt.

"Globalisierung" im frühen 20. Jahrhundert

Modellbau eines Büssing-LKW. © NDR Foto: Simone Rastelli
So hat er ausgesehen - Modellbau eines Büssing-Lkw.

Mit seinem Lkw- und Omnibusunternehmern baut sich Büssing schnell ein internationales Geschäftsnetz auf. 1904, kaum dass die Omnibusse im Harz regelmäßig fahren, liefert Büssing Fahrgestelle nach London und damit den Unterbau für die ersten Londoner Doppeldeckerbusse. In Berlin gründet er 1909 mit der "Transportgesellschaft zur Beförderung von Waren und Güter" die erste Spedition der Welt, mit der Lastwagen-Betriebsgesellschaft Braunschweig GmbH baut er Dependancen in St. Petersburg, Moskau, Kiew, Odessa, Riga und Warschau auf. Trotzdem bleibt Zeit für das Private: 1910 heiratet Büssing ein zweites Mal: Anne Werners, die Tochter des Dürener Oberbürgermeisters.

Philosophie-Stammtisch mit Raabe & Co.

Als Unternehmer sieht Büssing auch die soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter. Dieses Bewusstsein verstärkt sich möglicherweise durch seine Mitgliedschaft in dem philosophischen Zirkel "Kleiderseller". Zu der Stammtischrunde gehören unter anderen der Schriftsteller Wilhelm Raabe und der Klavierbauer Theodor Steinweg.

Vom Handwerk zur Industrie - Akkordarbeit und Sozialleistungen

Der Unternehmer Heinrich Büssing. © Heinrich-Büssing-Haus, Nordsteimke/ MAN
Büssing führt zwar Sozialleistungen ein, entlässt aber auch streikende Mitarbeiter.

Zahlreiche Sozialleistungen innerhalb des Unternehmens sollen Büssings Mitarbeitern das Leben erleichtern. In den Büssing-Häusern in Braunlage und Oberwiesenthal zum Beispiel können körperlich stark beanspruchte Mitarbeiter mit ihren Familien zwei Wochen im Jahr günstig Urlaub machen. Urlaubstaschengeld sowie die Anfahrt mit einem wöchentlich fahrenden Bus gehören dazu. Außerdem richtet Büssing für seine Belegschaft eine Bibliothek, eine Kantine und werksärztliche Dienste ein.

Doch trotz sozialer Verantwortung steht Büssing unter wirtschaftlichem Druck und sucht nach Möglichkeiten, konkurrenzfähig zu bleiben. Als er die Akkordarbeit einführt, protestiert die Arbeiterschaft und ruft zum Widerstand auf. Doch Büssing bleibt hart und kündigt 1919 der gesamten Belegschaft, auch ein Schlichtungsausschuss hält die Akkordarbeit für notwendig. Arbeitswillige, die sich mit Büssings Bedingungen schriftlich einverstanden erklären, stellt er wenig später wieder ein. 

Mitte der 20er-Jahre schickt er zwei seiner besten Leute nach Amerika, die dort die Produktionsverhältnisse auskundschaften sollen. Nach ihrer Rückkehr steigt die gesamte Produktion bei Büssing mit rund 2.400 Mitarbeitern auf das Fließband um.

Abstieg und Übernahme

Mit 86 Jahren stirbt Heinrich Büssing am 27. Oktober 1929 in Braunschweig. Büssings Söhne führen das Unternehmen des Braunschweiger Ehrenbürgers, Geheimen Baurats und Ordenträgers zunächst weiter, doch mehrere Faktoren zwingen es langsam in die Knie: Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt ein Großteil der Produktion brach, außer dem zu 80 Prozent zerstörten Werk in Braunschweig sind sämtliche Produktionsanlagen im Osten ganz vernichtet. Eine Initiative des damaligen Verkehrsministeriums will den Verkehr zudem von der Straße auf die Schiene verlagern: Mit einer Beschränkung der Achswagenlast bricht dem Unternehmen der Markt für Schwerkraftlastwagen weg. Auch die Büssing-Philosophie, alles selbst machen zu wollen, ist nicht mehr zeitgemäß und führt zu Ineffizienz der Produktion. Die in den 60er-Jahren gegründete Büssing AG wird 1968 von der Salzgitter AG und 1971 schließlich von dem Großaktionär MAN übernommen.

Mercedes-Benz-Omnibus 1925 © dpa Foto: Fotoreport Daimler Chrysler

AUDIO: 27.10.1929: Todestag Heinrich Büssing (3 Min)

 

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 21.09.2003 | 19:30 Uhr

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