Stand: 16.01.2019 14:20 Uhr

Hannah Arendt - radikal unabhängig im Denken

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Hannah Arendt, 1963.

Sie wollte einfach nur verstehen: Hannah Arendt, die jüdische Politologin. Auch wenn das bedeutet, wie sie sagte, "dahin zu denken, wo es wehtut". "Denken ohne Geländer" nannte sie das einmal. Themen wie Totalitarismus, Macht und die Verbrechen im Nationalsozialismus beschäftigten sie. Als ihr politisches Hauptwerk gilt "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", in dem sie auf die Strukturlosigkeit totaler Regierungen hinwies und den Terror zum entscheidenden Merkmal des Totalitarismus erklärte.

Hannah Arendt und der Eichmann-Prozess

Lebenslauf

Die Deutsch-Jüdin Hannah Arendt wird am 14. Oktober 1906 im damals selbstständigen Linden (heute Hannover-Linden) geboren. Im Alter von drei Jahren zieht die Familie nach Königsberg. Sie studiert Philosophie, unter anderem bei Martin Heidegger, und promoviert bei Karl Jaspers. 1933 emigriert sie nach der NS-Machtergreifung nach Paris, 1941 flieht sie nach New York. In den USA lehrt sie unter anderem in Princeton, Chicago und New York, wo sie 1975 im Alter von 69 Jahren verstirbt.

1961 reist Hannah Arendt nach Israel um den Gerichtsprozess gegen den Naziverbrecher Adolf Eichmann zu verfolgen. Eichmann war im Dritten Reich für die Organisation der Deportation der Juden verantwortlich gewesen und damit mitverantwortlich für die Ermordung von Millionen Menschen.

Zurück in New York begann sie ihre Gedanken zu sortieren und niederzuschreiben. 1963 erschien im "New Yorker" eine fünfteilige Essay-Serie. Und rasch folgte auch das Buch: "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen".

Arendts Ausdruck der "Banalität des Bösen"

In ihrer Analyse des Prozesses vertrat sie die kontroverse Ansicht, dass Eichmann eine deutlich kleinere Rolle bei der "Endlösung der Judenfrage" gespielt habe, als die Anklage ihm unterstellte. Die jüdische Politologin stellte zudem die Mittelmäßigkeit und Gedankenlosigkeit des NS-Funktionärs in den Mittelpunkt, der als einer der größten Verbrecher seiner Zeit gilt.

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Der Platz vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover ist 2015 in Hannah-Arendt-Platz umbenannt worden.

Die "Banalität des Bösen" - für diesen Ausdruck wurde sie kritisiert und angefeindet. Einer ihrer schärfsten Kritiker war der Religionsphilosoph Gershom Scholem. Er attestierte Hannah Arendt einen Mangel "der Liebe zum jüdischen Volk" und eine "Akzentsetzung", die "völlig einseitig" und "dadurch bitterböse" wirke. Dabei wollte sie das Böse an sich und die Naziverbrechen keineswegs kleinreden.

Arendt beschäftigte sich eingehend mit der Frage, wie das Böse im Menschen und durch den Menschen entsteht und trotzdem verlor sie nicht das Vertrauen. "Wir schlagen unseren Faden durch ein Netz von Beziehungen" erklärte sie, "wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: 'Herr, vergib Ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun.' Das gilt für alles Handeln." Am 4. Dezember 1975 starb Hannah Arendt in New York.

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