Der Schriftsteller und Marinesoldat Johann Wilhelm Kinau alias Gorch Fock auf einer undatierten Aufnahme. © picture-alliance/ dpa

Gorch Fock - der Dichter der See

Stand: 31.05.2021 05:00 Uhr

Seine Romane erzählen von Abenteuern auf See, darunter der Bestseller "Seefahrt ist Not!". Der Schriftsteller und Marinesoldat Johann Kinau alias Gorch Fock erdachte sie jedoch an Land. Er starb am 31. Mai 1916.

von Martina Bittermann

Kaum ein Name ist so verbunden mit der Liebe zur Seefahrt und der Sehnsucht nach der Weite des Meeres wie Gorch Fock. Die meisten erinnert der Name vor allem an die beiden Segelschiffe - die "Gorch Fock" (I) liegt als Museumsschiff im Hafen von Stralsund, die "Gorch Fock" (II) ist als Segelschulschiff der Bundesmarine bekannt. Die wenigsten aber kennen den Dichter Gorch Fock, der mit bürgerlichem Namen Johann Wilhelm Kinau hieß - geboren 1880 auf der Elbinsel Finkenwerder.

Johann Kinau ist zu seekrank für die See

Schon als Junge steht der Fischersohn auf dem Deich und schaut voller Wehmut den Kuttern und Ewern nach, wenn sie auslaufen in Richtung Nordsee. Nach seiner Schulzeit wäre er gern Seemann geworden, aber für diesen Beruf war er zu schwächlich, und er wurde schnell seekrank - eine schwere Enttäuschung für den 12-Jährigen.

Trotzdem bleibt Kinau sein ganzes Leben lang dem Meer verbunden - am Schreibtisch. Tagsüber arbeitet er als Angestellter bei der Reederei Hapag an der Elbe und nachts als Gorch Fock beim Erdichten von Geschichten. In sein Tagebuch Notiert er:

"Ein Buch möchte ich schreiben für die Stillen im Lande. Ein köstliches Buch, das sie mit stiller Freude läsen. Vieles davon steht mir klar vor Augen, klarer und schöner, als mir je etwas vor Augen gestanden hat. In rücksichtsloser Schönheit soll Finkenwerder erscheinen." Tagebucheintrag Johann Wilhelm Kinau alias Gorch Fock

Gorch Fock schreibt Texte auf Hoch- und Plattdeutsch

Ulli Kinau hält zur Taufe der Gorch Fock eine Sektflasche in der Hand. © dpa Foto: Blohm + Voss
Nach dem Dichter wurde 1958 das Segelschulschiff "Gorch Fock" benannt, Focks Nichte Ulli Kinau fungiert als Taufpatin.

Gorch Fock schreibt über seine Heimat Finkenwerder, die heute ein Stadtteil von Hamburg ist. Über die Seefahrt und das Leben der Fischer. Er schreibt Gedichte, Romane, Theaterstücke, auf Hoch- und auf Plattdeutsch. Gelegentlich nutzt er auch die Pseudonyme Jakob Holst und Giorgio Focco.

Bestseller "Seefahrt ist Not!" von den Nazis missbraucht

Im Jahre 1913 landet Gorch Fock einen Bestseller: Sein Roman "Seefahrt ist Not!" wird in viele Sprachen übersetzt und ist Pflichtlektüre in den Schulen. Später, unter der Herrschaft des NS-Regimes, wird das Buch neu aufgelegt und als Propagandainstrument missbraucht. Dabei sind es seine zutiefst eigenen Wünsche, die Gorch Fock bewegen, wenn er seinen Helden Klaus Mewes die wildesten Abenteuer bestehen lässt.

"An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt. Auf See aber ein verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel in die See gehen lässt als dass er ein Reff einsteckt. Die Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch an der Seele des Mannes keinen Raum." aus "Seefahrt ist not!" von Gorch Fock

Ein Traum wird wahr - und endet mit der Skagerrak-Schlacht

Im Jahre 1916, im Ersten Weltkrieg, erfüllt sich für Gorch Fock der Wunsch seines Lebens. Ursprünglich als Infanterist eingezogen darf er auf eigenen Wunsch zur Marine wechseln - und zur See fahren. Auf der "SMS Wiesbaden" wird er Ausguck auf dem ersten Mast - nur für einen Monat. Am 30. Mai gerät das Schiff bei der Seeschlacht am Skagerrak in das Artilleriefeuer britischer Schlachtschiffe und sinkt einen Tag später. Gorch Fock, 36 Jahre alt, geht mit dem Kreuzer unter.

Das Elternhaus von Johann Wilhelm Kinau alias Gorch Fock am Finkenwerder Neßdeich © NDR Foto: Petra Volquardsen
Im Elternhaus von Johann Wilhelm Kinau alias Gorch Fock befindet sich mittlerweile ein Heimatmuseum.

Beigesetzt wurde er wenig später mit weiteren Seeleuten auf der kleinen schwedischen Insel Stensholmen. In Erinnerung an den Heimatdichter und Namenspaten des gleichnamigen 1958 erbauten Schulschiffs befindet sich in seinem Elternhaus in Hamburg-Finkenwerder heute das Gorch-Fock-Haus. Ehrenamtlich betreiben dort ein Heimatmuseum, das Bücher, Fotos und Dokumente nicht nur von Gorch Fock, sondern auch zu seinen beiden ebenfalls dichtenden Brüdern Jacob und Rudolf Kinau präsentiert. Zudem gibt es in dem denkmalgeschützten Haus auch Dokumente zur Finkenwerder Geschichte.

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Dieses Thema im Programm:

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