Der Bildhauer, Grafiker, Dichter Ernst Barlach (1870-1938) in einer Aufnahme aus dem Jahr 1928 © dpa/Picture Alliance

Ernst Barlach: Visionärer Bildhauer des 20. Jahrhunderts

Stand: 13.05.2022 09:15 Uhr

Der Sieg des Geistigen über das Irdische: ein Grundmotiv im Schaffen Ernst Barlachs zwischen Realismus und Expressionismus. Neben Skulpturen aus Holz und Bronze umfasst sein Werk Druckgrafiken, Zeichnungen, Theaterstücke und Romane.

Geboren wird Ernst Barlach am 2. Januar 1870 in Wedel bei Hamburg als Sohn eines Arztes. In Hamburg besucht er die Allgemeine Gewerbeschule und in Dresden bis 1895 die Königliche Akademie der Bildenden Künste.

Der Bildhauer entdeckt seinen Stil in Russland

Ernst Barlachs "Russische Bettlerin mit Schale" von 1906 © picture alliance / akg-images
Inspiration bekam Barlach bei seiner Russland-Reise 1906.

Nach Aufenthalten in Paris und Berlin bringt eine Russland-Reise im Jahre 1906 die entscheidenden Anstöße für Barlachs bildhauerische Arbeit. Schon bei seinen ersten Arbeiten nach diesem künstlerischen Erlebnis, dem sitzenden "Steppenhirten", dem "Sitzenden Weib" oder der "Russischen Bettlerin", wird deutlich, dass er seinen eigenen Stil, seine eigene Form gefunden hat.

1907 schließt Barlach mit dem Kunsthändler Paul Cassirer einen Vertrag ab, der ihm ein gesichertes Leben ermöglicht. 1909 geht er als Stipendiat des Deutschen Künstlerbundes nach Florenz. Neun Monate lang hält sich Barlach im dortigen deutschen Künstlerhaus auf. Zu Barlachs Hauptwerken aus seiner Italien-Zeit gehören "Der Zecher" sowie die "Sternendeuter" I und II (stehend und sitzend).

Ernst Barlach zieht es nach Mecklenburg

Das Atelierhaus des Bildhauers Ernst Barlach (1870-1938) in Güstrow. Seit 1978 werden in dem als Museum eingerichteten Haus Arbeiten Barlachs gezeigt. © NDR
Das Atelierhaus des Bildhauers Ernst Barlach in Güstrow. Seit 1978 werden in dem als Museum eingerichteten Haus Arbeiten Barlachs gezeigt.

Aber der Norddeutsche fühlt sich in der Mecklenburgischen Landschaft, in Güstrow, wohler. 1910 geht er nach Güstrow, wo er 28 erfüllte, aber zuletzt auch leidvolle Jahre verbringt. Hier entstehen Holzarbeiten, wie etwa "Der Wanderer im Wind", "Lesende Klosterschüler", der "Fries der Lauschenden" und der berühmte "Schwebende Engel" - eine bronzene Skulptur, deren Erstguss verloren ist und von der heute drei Nachgüsse existieren.

Barlach schreibt auch Theaterstücke, die eine Botschaft transportieren: die Verzweiflung über die Degradierung des Menschen, das Verbannen in die Hölle des Lebens, wo Freiheit zumindest fraglich ist. Diese Stücke, etwa "Der blaue Boll", "Die gute Zeit", "Der tote Tag" oder "Der arme Vetter", erweisen sich auf der Bühne jedoch als zu sperrig, als dass sich Theater ihrer angenommen hätten.

Barlachs Darstellungen menschlichen Leids

Der "Geistkämpfer" - eine weltberühmte Skulptur von Ernst Barlach vor der Kieler Nikolaikirche © NDR Foto: Screenshot
Der "Geistkämpfer" - die weltberühmte Skulptur von Ernst Barlach vor der Kieler Nikolaikirche.

1924 wird Barlach - inzwischen einer der etabliertesten Künstler in Deutschland - mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Bei der Umsetzung von Krieger-Ehrenmalen hatte er einen ganz neuen Weg beschritten: weg von der Heroisierung des Soldatentodes hin zur Darstellung von Leid, Tod und Unterdrückung. Die berühmten Ehrenmale in Hamburg, Magdeburg und Güstrow aus den 1920er-Jahren zeigen deshalb auch keine Helden, sondern leidende Menschen.

VIDEO: "Ernst Barlach sah das menschliche Leid" (4 Min)

"Entartet" - Nazis entfernen Barlach-Arbeiten aus Museen

Genau das passt den erstarkenden Nationalsozialisten nicht. Anfang der 30er-Jahre beginnt für den Künstler eine schlimme Zeit. Die Werke Barlachs geraten zunehmend in die Kritik. Rechte Kreise greifen sie als "entartet" an. 1937 werden 381 seiner Arbeiten aus Museen und öffentlichen Räumen in Deutschland entfernt, darunter auch der "Schwebende Engel" aus dem Güstrower Dom und der "Geistkämpfer" in Kiel. Ernst Barlach zieht sich zunehmend zurück.

Collage mit Bildern des Künstlers Ernst Barlach  Foto: Axel Seitz
AUDIO: Ernst Barlach und die Nazis (23 Min)

Güstrow wird zur Barlachstadt

Am 24. Oktober 1938 stirbt der Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner nach einem Herzinfarkt in einer Rostocker Klinik. Die Stadt Güstrow, die sich seit 2007 offiziell Barlachstadt nennt, macht ihn 2010 posthum zum Ehrenbürger. Die Ernst Barlach Stiftung präsentiert in verschiedenen Häusern in Güstrow - etwa in der Gertrudenkapelle, im Atelierhaus und im Graphikkabinett- den künstlerischen Nachlass des Bildhauers, Graphikers und Schriftstellers.

Ernst Barlach im Jahr 1934. © picture-alliance / akg Foto: akg-images
AUDIO: Ernst Barlach: Aus der Alltäglichkeit meines Lebens in Güstrow (3 Min)

Ernst Barlach Haus in Hamburg zeigt seine Hauptwerke

Seit 1961 zeigt das Ernst Barlach Haus im Hamburger Jenischpark mit rund 150 Bildwerken und über 450 Zeichnungen die wichtigsten Werke des Künstlers - darunter auch 30 seiner Holzskulpturen wie den "Fries der Lauschenden". Dass es die Figuren-Reihe heute so gibt, ist auch dem Hamburger Fabrikanten Hermann F. Reemtsma zu verdanken. Tief beeindruckt von Barlachs Arbeiten beauftragte er ihn seinerzeit damit, die Skulpturen-Reihe zu beenden und wurde zum Unterstützer und Sammler des Barlachschen Werks. 1960 überführte er seine Sammlung in eine Stiftung, die wiederum den Grundstock für das 1961 eröffnete Barlach Haus lieferte.

Weitere Informationen
Das Ernst Barlach Haus im Hamburg © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann

Ernst Barlach Haus: Einzigartige Kunstsammlung im Jenischpark

Das Hamburger Museum zeigt die Hauptwerke des expressionistischen Bildauers, Zeichners und Schriftstellers. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.05.2021 | 07:40 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Neuzeit

Mehr Geschichte

Die Flussschifferkirche liegt an einem Anleger im Binnenhafen vor der Speicherstadt in Hamburg. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

Seelsorge zu Wasser: Die Flussschifferkirche in Hamburg

Seit 1952 liegt Deutschlands einzige schwimmende Kirche in Hamburg vor Anker. Dem mobilen Einsatz dient zudem eine Barkasse. mehr

Norddeutsche Geschichte