Der Bildhauer, Grafiker, Dichter Ernst Barlach (1870-1938) in einer Aufnahme aus dem Jahr 1928 © dpa/Picture Alliance

Ernst Barlach - Visionärer Bildhauer des 20. Jahrhunderts

Stand: 19.11.2020 15:17 Uhr  | Archiv

Der Sieg des Geistigen über das Irdische: ein Grundmotiv im Schaffen Ernst Barlachs zwischen Realismus und Expressionismus. Neben Skulpturen aus Holz und Bronze umfasst sein Werk Druckgrafiken, Zeichnungen, Theaterstücke und Romane.

Geboren wird Ernst Barlach am 2. Januar 1870 in Wedel bei Hamburg als Sohn eines Arztes. In Hamburg besucht er die Allgemeine Gewerbeschule und in Dresden bis 1895 die Königliche Akademie der Bildenden Künste.

Barlach entdeckt seinen Stil in Russland

Ernst Barlachs "Russische Bettlerin mit Schale" von 1906 © picture alliance / akg-images
Inspiration für Skulpturen wie die "Russische Bettlerin mit Schale" bekam Barlach bei seiner Russland-Reise 1906.

Nach Aufenthalten in Paris und Berlin bringt eine Russland-Reise im Jahre 1906 die entscheidenden Anstöße für Barlachs bildhauerische Arbeit. Schon bei seinen ersten Arbeiten nach diesem künstlerischen Erlebnis, dem sitzenden "Steppenhirten", dem "Sitzenden Weib" oder der "Russischen Bettlerin", wird deutlich, dass er seinen eigenen Stil, seine eigene Form gefunden hat.

Den Norddeutschen zieht es nach Mecklenburg

1907 schließt Barlach mit dem Kunsthändler Paul Cassirer einen Vertrag ab, der ihm ein gesichertes Leben ermöglicht. 1909 geht er als Stipendiat des Deutschen Künstlerbundes nach Florenz. Neun Monate lang hält sich Barlach im dortigen deutschen Künstlerhaus auf. Zu Barlachs Hauptwerken aus seiner Italien-Zeit gehören "Der Zecher" sowie die "Sternendeuter" I und II (stehend und sitzend).

Das Atelierhaus des Bildhauers Ernst Barlach (1870-1938) in Güstrow. Seit 1978 werden in dem als Museum eingerichteten Haus Arbeiten Barlachs gezeigt. © NDR
Das Atelierhaus des Bildhauers Ernst Barlach in Güstrow. Seit 1978 werden in dem als Museum eingerichteten Haus Arbeiten Barlachs gezeigt.

Aber der Norddeutsche fühlt sich in der Mecklenburgischen Landschaft, in Güstrow, wohler. 1910 geht er nach Güstrow, wo er 28 erfüllte, aber zuletzt auch leidvolle Jahre verbringt. Hier entstehen Holzarbeiten, wie etwa "Der Wanderer im Wind", "Lesende Klosterschüler", der "Fries der Lauschenden" und der berühmte "Schwebende Engel" - eine bronzene Skulptur, deren Erstguss verloren ist und von der heute drei Nachgüsse existieren.

Barlach schreibt auch Theaterstücke, die eine Botschaft transportieren: die Verzweiflung über die Degradierung des Menschen, das Verbannen in die Hölle des Lebens, wo Freiheit zumindest fraglich ist. Diese Stücke, etwa "Der blaue Boll", "Die gute Zeit", "Der tote Tag" oder "Der arme Vetter", erweisen sich auf der Bühne jedoch als zu sperrig, als dass sich Theater ihrer angenommen hätten.

Barlachs Darstellungen menschlichen Leids

Der "Geistkämpfer" - eine weltberühmte Skulptur von Ernst Barlach vor der Kieler Nikolaikirche © NDR Foto: Screenshot
Der "Geistkämpfer" - die weltberühmte Skulptur von Ernst Barlach vor der Kieler Nikolaikirche.

1924 wird Barlach - inzwischen einer der etabliertesten Künstler in Deutschland - mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Bei der Umsetzung von Krieger-Ehrenmalen hatte er einen ganz neuen Weg beschritten: weg von der Heroisierung des Soldatentodes hin zur Darstellung von Leid, Tod und Unterdrückung. Die berühmten Ehrenmale in Hamburg, Magdeburg und Güstrow aus den 1920er-Jahren zeigen deshalb auch keine Helden, sondern leidende Menschen.

"Entartet" - Nazis entfernen Barlach-Arbeiten aus Museen

Genau das passt den erstarkenden Nationalsozialisten nicht. Anfang der 30er-Jahre beginnt für den Künstler eine schlimme Zeit. Die Werke Barlachs geraten zunehmend in die Kritik. Rechte Kreise greifen sie als "entartet" an. 1937 werden 381 seiner Arbeiten aus Museen und öffentlichen Räumen in Deutschland entfernt, darunter auch der "Schwebende Engel" aus dem Güstrower Dom und der "Geistkämpfer" in Kiel. Ernst Barlach zieht sich zunehmend zurück.

Collage mit Bildern des Künstlers Ernst Barlach  Foto: Axel Seitz
AUDIO: Ernst Barlach und die Nazis (23 Min)

Am 24. Oktober 1938 stirbt der Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner nach einem Herzinfarkt in einer Rostocker Klinik. Die Stadt Güstrow, die sich seit 2007 offiziell Barlachstadt nennt, macht ihn 2010 posthum zum Ehrenbürger. Die Ernst Barlach Stiftung präsentiert in verschiedenen Häusern in Güstrow - etwa in der Gertrudenkapelle, im Atelierhaus und im Graphikkabinett- den künstlerischen Nachlass des Bildhauers, Graphikers und Schriftstellers.

Ernst Barlach im Jahr 1934. © picture-alliance / akg Foto: akg-images
AUDIO: Aus der Alltäglichkeit meines Lebens in Güstrow (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 05.01.2020 | 19:30 Uhr

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