Stand: 21.12.2009 17:46 Uhr

Sex sells: Beate Uhse erobert 1989 den Osten

von Ilka Kreutzträger

"Nicht die Großen werden die Kleinen, sondern die Schnellen werden die Langsamen fressen." Das Motto von Beate Uhse sollte sich im Weihnachtsgeschäft 1989 wieder einmal auszahlen. Als in Berlin die Mauer fiel, erkannte die Flensburger Unternehmerin sofort, welche Chancen auf dem noch unerschlossenen DDR-Markt warteten. Eine Erotik-Branche gab es nicht. Alles, vom Sex-Shop über Pornofilme bis zum Striptease, galt im Arbeiter- und Bauernstaat als dekadenter Auswuchs des Kapitalismus und war verboten.

Beate Uhse auf Verkaufstour durch die DDR

Schon im November 1989 hatte Beate Uhse entschieden, 25.000 Kataloge drucken zu lassen und in den grenznahen Gebieten zu verschenken. Die Aktion wurde ein voller Erfolg, gingen doch bis Ende des Jahres schon mehr als 7.500 Bestellungen ein und bescherten dem Unternehmen ein dickes Weihnachtsgeschäft. Ganz oben auf der Wunschliste der DDR-Bürger standen das Magazin "Der Penis in Wort und Bild", das Buch "Lustgewinn in der Ehe", der Film "Strandorgien 90 min" und das Spielzeug "Hoppe-Peter", ein Plastik-Schniedel zum Aufziehen für 5,90 DM.

600.000 Erotik-Kataloge für die DDR 

Jürgen Schulz begab sich 1989 für Beate Uhse auf Verkaufstour in die DDR.

Der Versandhandel schien also der richtige Weg zu sein, um in der DDR Fuß zu fassen, und so beschloss die engagierte Geschäftsfrau Beate Uhse, ihre Mitarbeiter auf eine Verkaufstour durch die DDR zu schicken. Sie mietete 16 Lkw und ließ 600.000 Sonderkataloge mit dezentem weißem Einband und einem Gewinnspiel für den DDR-Markt herstellen. Die Druckerzeugnisse sollten für fünf Ostmark unter die Leute gebracht werden. Dann machte sie sich auf die Suche nach Katalogverkäufern und fand viele Freiwillige, darunter den damals 27-jährigen Jürgen Schulz.

Weitere Informationen

30 Jahre grenzenlos - Das Dossier zum Mauerfall

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer in Berlin. Das Dossier zu einer bewegten Zeit. mehr

Der Absolvent der Wirtschaftswissenschaften hatte gerade erst bei Beate Uhse seinen Job als Controller angefangen und meldete sich sofort für den erotischen Aufbau Ost. "Das war ein richtiges Abenteuer", erinnert sich Schulz, der dem Unternehmen bis heute treu geblieben und mittlerweile zum Financial Officer aufgestiegen ist. "Ich habe hier eigentlich einen Bürojob gemacht, aber ich fand es spannend, mal den direkten Kontakt mit Kunden zu haben - und war natürlich auch sehr neugierig darauf, wie es in der DDR sein würde."

Geschenke für die Grenzer, Doppelbett für die Verkäufer

Bild vergrößern
Mit etwas Westgeld, einer Straßenkarte und einem 25 Jahre älteren Kollegen brach Schulz in solch einem Bus ins Einsatzgebiet Ost auf.

Mit einem 25 Jahre älteren Kollegen - dem Haustechniker der Firma -, etwas Westgeld und einer Straßenkarte brach Schulz im Frühjahr 1990 auf in sein Einsatzgebiet. "Wir machten uns schon ein wenig Sorgen, ob wir einfach so, mit Tausenden Katalogen an Bord, über die Grenze kommen würden", erinnert er sich. "Wir haben deswegen kleine Geschenke wie Kugelschreiber und Kalender für die Grenzer mitgenommen." Die freuten sich über die Mitbringsel mit den aufgedruckten nackten Damen und ließen sie passieren.

Schnell stellte sich heraus, dass der fremde DDR-Alltag so seine Tücken hatte. Gab es in einer Ortschaft kein Hotel, mussten die beiden Handlungsreisenden mit einem Zimmer in einem der Plattenbau-Arbeiterwohnheime vorliebnehmen. Vor ein Problem stellte sie auch der obligatorische tägliche Anruf beim Koordinator der Aktion in Ost-Berlin. Ihm mussten die Mitarbeiter melden, wie viele Bestellhefte sie am Tag verkauft hatten. Handys gab es noch nicht, öffentliche Telefone standen nur bei der Post, im Hotel oder in den Arbeiterwohnheimen zur Verfügung. Die Verbindung kam oft nicht zustande oder sie riss sofort wieder ab. Da konnte ein kurzer Anruf schnell mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Zu allem Überfluss mussten sich die Kollegen nach einem langen Verkaufstag und der unvermeidlichen Telefon-Odyssee oft auch noch ein Doppelbett teilen.

Das ganze Jahr lang Weihnachten 

Die nächste Überraschung gab es beim Einkauf im Konsum, dem DDR-Pendant zum Supermarkt. Dort lernten die beiden schnell, dass echte Ladenhüter in der sozialistischen Warenwelt lange Bestand hatten - und nicht so schnell aus den Regalen verschwanden. "Einmal wollten wir einen kleinen Klapptisch für unsere Kasse kaufen", erzählt Schulz von einem Einkauf. "Es war Frühling, und da standen doch tatsächlich noch Schlitten, Schlittschuhe und Weihnachtsdekoration herum."

Bild vergrößern
Beate-Uhse-Katalog aus dem Jahr 1989. Bereits im November verteilte das Unternehmen in den grenznahen Gebieten 25.000 Kataloge.

Solche Ladenhüter waren die Kataloge von Beate Uhse nicht, dennoch gab es Tage, an denen Schulz und sein Kollege nur wenige verkaufen konnten. Er erinnert sich an einen Morgen vor dem Tor einer Fabrik. "Das war ein Schuss in den Ofen, die hatten es alle eilig, und niemand wollte was von uns wissen." Aber meistens war ihr Transporter mit dem unübersehbaren Beate-Uhse-Schild sofort von einer Traube neugieriger DDR-Bürger umringt. Jeden Abend stopften die beiden Verkäufer das eingenommene Geld in eine große Plastiktüte und machten sich auf den Weg zur Post, wo sie die Ostmark einzahlten.

Weniger prüde als im Westen 

Das unkeusche Verhalten der Ostbürger überraschte Schulz. Während die Leute im Westen die gekauften Erotika schnell in der Tasche verschwinden ließen und nach Hause eilten, blieben die DDR-Bürger gleich am Lkw stehen, blätterten gemeinsam durch die Seiten mit Dessous, Sexspielzeugen und Aufklärungsbüchern. Dabei diskutierten sie amüsiert über ihre Lieblingsstücke. "Insbesondere die Frauen waren in der DDR sehr selbstbewusst", erinnert sich Schulz. "Sie hatten in beruflichen und auch sexuellen Dingen ein anderes Standing als im Westen."

Nur ein Mal musste Schulz eine Schimpftirade über sich ergehen lassen. Er hatte gerade den Stand aufgebaut, als ein hellblauer Trabi aus einer Seitenstraße schoss, über den Bordstein rumpelte und vor ihm zum Stehen kam. Heraus sprang ein Pfarrer im Talar, seine Faust schwingend. Er fand es alles andere als lustig, dass das Unternehmen Beate Uhse seine "Schäfchen" in Versuchung führen wollte.

Doch sein Schimpfen half nichts: Die Verkaufstour wurde ein voller Erfolg, Beate Uhse eroberte den ostdeutschen Markt im Sturm. Ende 1990 eröffnete die Flensburgerin den ersten Sex-Shop in Ost-Berlin, und bald schon folgten Läden in Schwerin und Rostock.

Weitere Informationen

Beate Uhse: Die Sexshop-Pionierin

Die Frau, die den ersten Sexshop der Welt gründete, wäre am 25. Oktober 100 Jahre alt geworden. Beate Uhse hat ein vielfältiges Erbe hinterlassen. Im Stammhaus in Flensburg gehen allerdings die Lichter aus. mehr

"Beate Uhse wollte nie wieder arm sein"

Zum 100. Geburtstag von Beate Uhse spricht ihr Adoptivsohn Dirk Rotermund über eine außergewöhnliche Mutter und Unternehmerin. Auch Rotermund selbst blieb der Erotik-Branche treu. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 25.10.2009 | 19:20 Uhr

Mehr Geschichte

02:06
Hamburg Journal

Norddeutsche Geschichte