Stand: 13.11.2019 14:41 Uhr  | Archiv

Grabgesänge 1989: Abschied von der FDJ

von Siv Stippekohl
Gründungsfeier der FDJ im Berliner Friedrichstadtpalast am 8. November 1947 © dpa - Bildarchiv
Am 8. November 1947 findet die Gründungsfeier der FDJ im Berliner Friedrichstadtpalast statt.

"Wir standen oben und haben geheult, und die saßen unten und haben geheult", erinnern sich die Schauspieler Ingrid Michalk und Ekkehard Hahn an jenen denkwürdigen Liederabend im Mecklenburgischen Staatstheater am 4. November 1989: Fünf Tage vor dem Mauerfall singen neun Schauspieler FDJ-Lieder aus fast versunkenen Tagen. Es ist ein Abschied von den Idealen ihrer Jugend - Ideale, die über 40 Jahre zuvor am selben Ort verkündet wurden.

Der große Meilenstein Schwerin

Die Geschichte beginnt mit der Ouvertüre aus Ludwig van Beethovens "Egmont" beim Festakt zur Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Mecklenburg. Das Schweriner Staatstheater ist an diesem Sonntag, den 10. März 1946, restlos überfüllt. "Jungen und Mädchen von Schwerin, seid euch der Größe der Stunde bewusst, Schwerin ist der große Meilenstein in der Geschichte der Freien Deutschen Jugend!", erklärt Edith Baumann, die damalige Stellvertreterin und spätere Ehefrau Erich Honeckers, in ihrer Festrede: "Und wenn einmal die Geschichte der deutschen Jugendbewegung nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes geschrieben werden soll, dann wird es heißen, dass der immer als so reaktionär bezeichnete Bezirk Mecklenburg-Vorpommern es war, der in seiner Landeshauptstadt den ersten Meilenstein der Freien Deutschen Jugend gelegt hat."

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FDJ: "Überparteilich, einig und demokratisch"

Gruppen mit dem Namen "Freie Deutsche Jugend" gibt es bereits während des Zweiten Weltkriegs. Sie werden von deutschen Flüchtlingen im Exil gegründet. Bereits wenige Wochen nach Kriegsende genehmigt die sowjetische Militäradministration die Bildung von "antifaschistischen Jugendkomitees". Zugleich verbietet sie jedoch die Gründung anderer Jugendorganisationen. Am 7. März 1946 wird die FDJ formell gegründet und Erich Honecker zu ihrem Ersten Vorsitzenden ernannt. "Überparteilich, einig und demokratisch" soll die neue Jugendbewegung sein.

Doch mit der Überparteilichkeit der FDJ ist es bald vorbei. Bereits auf dem III. Parlament der Jugendfreunde 1949 bezeichnet der Verband sich als aktiver Helfer der politisch fortschrittlichen Kräfte. 1952 erkennt die FDJ in ihrem Statut die führende Rolle der SED an. 1957 ist sie endgültig auf ihre Rolle festgelegt als "zuverlässiger Helfer und Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse".

Kaum ein Jugendlicher kommt in der DDR an der FDJ vorbei

Von der Pionierorganisation über Schule und Studium - an der FDJ kommt in der DDR kaum ein Jugendlicher vorbei. Formal ist die Mitgliedschaft im einzigen zugelassenen Jugendverband zwar freiwillig, doch in Wirklichkeit hat mit Benachteiligungen zu rechnen, wer die Mitgliedschaft verweigert. In der Bundesrepublik wird die FDJ 1951 verboten. In der DDR hat die FDJ zu Beginn erhebliche Mühe, Mitglieder zu gewinnen. Das ändert sich im Laufe der Jahre, christliche Schüler werden beispielsweise Anfang der 50er-Jahre an den Schulen unter Druck gesetzt. Sind 1947 nur 16 Prozent aller Jugendlichen in dem Jugendverband organisiert, sind es 1989 bereits 88 Prozent.

Ein wesentlicher Bestandteil der FDJ ist der Gesang. Bereits 1946 erscheint das erste Liederbuch mit "Massenliedern für die Jugend", die die jungen Leute auf die Ideale des Sozialismus einschwören sollen. "Weg der alte, her der neue Staat! Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut! Um uns selber müssen wir uns selber kümmern und heraus gegen uns, wer sich traut", heißt es etwa im Aufbaulied der FDJ, 1948 komponiert von Paul Dessau, getextet von Bertolt Brecht. Von Brecht stammt auch der Text des Solidaritätslieds, das mit den Zeilen beginnt: "Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nicht vergessen die Solidarität!"

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Grabgesänge - der 4. November 1989

Die Geschichte der FDJ in Mecklenburg-Vorpommern beginnt am 10. März 1946 im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin mit Musik. Und im Grunde endet sie auch dort - ebenfalls mit Musik. Am 4. November 1989 sind im Schweriner Staatstheater die Lieder der FDJ noch einmal zu hören. Der Regisseur Christoph Schroth inszeniert einen Liederabend, bei dem neun 50- bis 60-jährige Schauspieler die alten FDJ-Lieder aus ihrer Jugendzeit singen. Die Sänger stehen dabei vor einem fahnenroten Hintergrund, über ihnen hängt ein Wandbild mit ihren Jugendfotos.

Zu den Sängern gehören auch Ingrid Michalk und Ekkehard Hahn. Ingrid Michalk wurde über ihre Bühnen-Engagements hinaus mit der Shakespeare-Verfilmung "Viel Lärm um nichts" von 1964 bekannt. Ekkehard Hahn ist einem größeren Publikum durch Hörfunk- und Fernsehauftritte vertraut. An der Entwicklung des FDJ-Liederabends sind die Schauspieler beteiligt: "Ich erinnere mich sehr genau, wie wir für diesen Abend diese Lieder alle gesichtet haben", erzählt Michalk. "Ein Stück Jugend kam da wieder hoch. Manchmal mit großem Erschrecken - manchmal haben wir uns auch ausgeschüttet vor Lachen." Und Hahn ergänzt: "Als wir die Lieder einstudierten, stand uns dauernd das Wasser in den Augen."

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Propagandalieder und Grabgesänge - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (246 KB)

"Das ist ja eigentlich ein toller Text"

"Das Entscheidende war aber", resümiert Hahn, "dass wir diese Lieder ganz anders sangen, als wir sie damals gesungen haben. Also nicht im Marschschritt, wo man immer durchhörte: 'Rumms, rumms, rumms, rumms, das neue Leben muss anders werden'. Man konnte marschieren dazu. Das haben wir geändert. Die Lieder kriegten plötzlich einen Tiefgang, der vorher nicht drin war, nach dem auch keiner gesucht hat. Man dachte: Mein Gott, das ist ja eigentlich ein toller Text, den wir da gesungen haben." Diese Art der Neuinterpretation passt zur Stimmung der Wendezeit. So ist die Premiere am 4. November für alle Beteiligten aufwühlend. "Wir standen oben und haben geheult, und die saßen unten und haben geheult. Jede Vorstellung war anders: immer noch intensiver, beeindruckender", erzählt Hahn.

Erinnerungen werden wieder wach: An die Nachkriegsjahre und an die Hoffnung, die der Sozialismus damals keimen ließ. Ingrid Michalk denkt an ihre Jugendzeit zurück: "Ich weiß, dass wir die Lieder teilweise mit Inbrunst gesungen haben, auch mit dem guten Glauben, im besten Land der Welt zu leben. Die permanente Frage war: 'Bist Du für den Frieden? Ja, dann bist Du für alles' - dieser Tenor schwingt in all diesen Liedern mit." Nachdenklich fährt sie fort: "Da war schon eine große Trauer, dass die Ideale den Bach runtergegangen sind." Trauerarbeit - die leistete diese Produktion des Mecklenburgischen Staatstheaters im November 1989: Wie in einer Art Bumerang-Bewegung wurden hier die Propagandalieder der FDJ zu Grabgesängen auf die DDR und ihren gescheiterten Gesellschaftsentwurf.

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