Stand: 14.09.2020 08:00 Uhr  | Archiv

"Es ist manches nicht genutzt worden"

Gustav Graf von Westarp im Porträt. © NDR
Gustav Graf von Westarp kommt 1994 nach Mecklenburg-Vorpommern. Heute ist er Bürgermeister von Goldberg.

"Nach der Wende bin ich nicht gekommen, sondern erst, als es dann schon peinlich war, dass ich noch nicht hier war", sagt Gustav Graf von Westarp und grinst. 1994 war das. Er habe sich damals auch Brandenburg und Sachsen-Anhalt genau angesehen, erzählt er. Aber der gebürtige Niedersachse entschied sich für Mecklenburg-Vorpommern. Das Licht hier und das weite Land gefallen ihm. Er habe sich gedacht, dass man hier unbedingt etwas machen müsse, erzählt der heutige Bürgermeister von Goldberg. Damals kauft er Schloss Basthorst bei Schwerin und baut es zu einem Tagungshotel um.

"Unglaublicher Aufbruch" im Osten

Wenn von Westarp sich an die ersten Jahre nach der Wende 1990 erinnert, spricht er vor allem von der Atmosphäre damals: "Überall war ein unglaublicher Aufbruch, eine Gestaltungsmöglichkeit, die immer noch faszinierend ist", sagt er. "In den sogenannten alten Bundesländern sind diese Möglichkeiten damals nicht vorhanden gewesen." Seine Möglichkeiten, mitzugestalten, hat von Westarp seitdem genutzt. Er ist Landesvorsitzender der Freien Wähler, kandidierte bei der Landtagswahl 2016 als Spitzenkandidat seiner Partei. Die landete allerdings deutlich unter der 5-Prozent-Hürde. Trotzdem sorgte sie zuletzt für Aufsehen - mit einer erfolgreichen Volksinitiative, nach der die Straßenausbaubeiträge abgeschafft wurden. Seit einem Jahr ist von Westarp ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Goldberg, seit mehr als zehn Jahren sitzt er in der Gemeindevertretung der Stadt.

Der Fehler: "Keine neue Aufgabe gesucht"

NVA-Kaserne bei Goldberg. © NDR
Die Artur-Becker-Kaserne bei Goldberg steht heute leer.

Im Jahr der Wiedervereinigung lebten hier noch fast 5.000 Menschen. Heute sind es knapp 3.500. Mit dem Ende der DDR und dem gleichzeitigen Aus der Nationalen Volksarmee verlor die Stadt auch ihren NVA-Standort. Von der Artur-Becker-Kaserne hatte sie seit den 60er-Jahren profitiert. Dann verlässt das 8. Panzerregiment den Ort. "Als das Militär abgewickelt wurde, hat man sich keine neue Aufgabe gesetzt, das ist der Fehler gewesen", sagt Bürgermeister von Westarp heute. Andere Städte hätten in der gleichen Situation Visionen gehabt, etwa Kurort zu werden. In Goldberg habe man "sich verwaltet und sich selber beklagt", so sein Urteil.

Hoffnung durch Gewerbegebiet

Luftaufnahme des Gewerbegebietes bei Goldberg. © NDR
28 Millionen Mark Fördermittel fließen nach der Wende für ein Gewerbegebiet, das heute nur zu 30 Prozent ausgelastet ist.

Ein Großprojekt steht 1991 aber doch an: Einen Kilometer vom Goldberger Stadtzentrum entfernt entsteht damals ein Gewerbegebiet: 12 Hektar groß, 28 Millionen Mark Fördermittel fließen. Die Stadt will den Mittelstand vor Ort fördern: "Es ist eine sehr günstige Phase, wenn man Gewerbegebiete anbieten kann - noch dazu erschlossen - zu sehr günstigen Konditionen", wirbt der parteilose Bürgermeister Dieter Wollschläger damals für den Standort. Die Goldberger gehen davon aus, dass der Betrieb hier bald auf Hochtouren läuft. Heute ist das Gebiet nur zu 30 Prozent ausgelastet. Aber dafür, meint der neue Bürgermeister von Westarp, passten die Betriebe, etwa aus der Landwirtschaft, besser zum Ort.

ZAST bringt unruhige Zeiten

Im Herbst 1992 sorgt Goldberg bis in die internationale Presse für Aufsehen. In der Stadt soll eine Außenstelle der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber - ZAST genannt - entstehen. Das Land braucht ein Ausweichquartier. Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ist erst wenige Wochen her. Etwa 300 Asylbewerber sollen, so Mecklenburg-Vorpommerns damaliger Innenminister Lothar Kupfer (CDU), auf dem ehemaligen Kasernen-Gelände untergebracht werden  - vorübergehend bis zum Frühjahr 1993. Doch die Goldberger blockieren ihren Ort, fürchten Kriminalität und sehen den Tourismus in Gefahr. Man habe mit den knapp 60 Asylbewerbern im Ort bisher keine Probleme, beteuert Bürgermeister Wollschläger damals. Doch die ZAST sei ein Durchgangslager, in das alle zwei Wochen neue Menschen kämen.

Gescheitertes Großprojekt

Wenige Jahre darauf heißt die große Hoffnung für Goldberg "Discovery Land". Auf dem früheren Panzerkasernen-Gelände will ein Investor einen Vergnügungspark bauen - für mehr als 125 Millionen Euro. Er verspricht 300 neue Arbeitsplätze. Viele in der Region wollen den Park, einige sehen darin die letzte Chance für Goldberg. Auch Fördergeld des Landes soll zunächst fließen. Doch dann fehlen dafür Unterlagen. Und: Ein Anwohner klagt gegen den Bebauungsplan der Gemeinde - mit Erfolg. Die geplante Achterbahn wird nie montiert. Seitdem ist es wieder ruhig geworden um Goldberg.

Potentiale im Tourismus für Goldberg nutzen

Eine Straße in Goldberg im Jahr 2010. © NDR
Heute führt die B 192 direkt durch die Stadt, das soll sich mit der neuen Umgehungsstraße ändern.

Gustav Graf von Westarp setzt dennoch weiter auf Tourismus. Sein Credo: Schwächen als Vorteile zu verkaufen: "Es wird beklagt, dass man so weit weg ist von allem. Die Chance ist, das zu nutzen." Der Bürgermeister von Goldberg hat einiges vor. Besonders wichtig für ihn: die geplante Umgehungsstraße. Denn die B192 führt mitten durch das Stadtzentrum. Der Lärm durch den Verkehr sorgt für Frust bei Anwohnern und Gewerbetreibenden in der Stadt. Über eine Lösung des Problems wird seit Jahrzehnten diskutiert - schon seit 1991. Nun aber soll die neue Straße tatsächlich kommen, sagt von Westarp. Und: "Es ist manches nicht genutzt worden, was hätte genutzt werden können oder sollen."

 

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