Sendedatum: 09.11.1989 20:00 Uhr

Ein paar Meter neben der Revolution

von Viktoria Urmersbach

Mit der Kamera am falschen Ort

Seine Kollegen aus Hamburg von den Tagesthemen warten zu dieser Zeit dringend auf Bilder von der Revolution. Um 22.42 Uhr eröffnet Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs die Sendung mit den Worten: "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

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Live-Schalte zum Grenzübergang Invalidenstraße: Robin Lautenbach mit Passanten.

Dieser letzte Satz ist falsch. Offen sind nur einzelne Grenzübergänge in Berlin, andere noch geschlossen. Das können die Zuschauer deutlich sehen, denn nun wird zu Robin Lautenbach geschaltet. An der Invalidenstraße bleibt er lange allein, denn hierher kommen noch gar keine Ostberliner. Also interviewt er einige Passanten, die schon von anderen Grenzübergängen berichten können: An der Sonnenallee sei es voll, in Wedding, an der Bornholmer Brücke und am Checkpoint Charly sei auch viel los, erzählen sie. Frustrierend für den Reporter, und so klingt auch sein Schlusssatz für die Tagesthemen: "Hier am Grenzübergang Invalidenstraße haben die Grenzer ihre neuen Anweisungen wohl noch nicht verstanden", sagt er und gibt zurück zu Hanns Joachim Friedrichs in Hamburg.

Knapp neben der Revolution

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Tagesthemen am 9. November 1989

Moderator Hanns Joachim Friedrichs verkündet die Maueröffnung und Robin Lautenbach berichtet live aus Berlin: die Tagesthemen vom Abend des Mauerfalls. extern

"Die Revolution startete ohne mich. Ich stand knapp daneben, vielleicht anderthalb Kilometer Luftlinie südlich," schmunzelt Lautenbach heute über die absurde Situation. Technisch war es undenkbar, mit der Außenübertragung umzuziehen - stundenlang hatte es gedauert, die Antenne und damit die Verbindung ins Studio aufzubauen. Nun konnte Lautenbach unmöglich noch einmal von einem anderen Ort aus anfangen, eine Leitung herzustellen. Der Journalist muss warten, bis die Revolution ihn erreicht. Für die Tagesthemen eine schwierige Situation: Ein Großereignis ohne Bilder, auch wenn die Nachrichtenagenturen den Mauerfall schon melden. Ihre letzte Hoffnung ist Gudow.

Die Revolution in Gudow: Ein einsamer Trabi

Gerade wollen Kühn und seine Kollegen wieder einpacken, da heißt es: "Achtung, jetzt kommt ein Trabi!" Und tatsächlich, von Ferne naht der erste Wagen, der an diesem Abend aus Mecklenburg in den Westen will. "Eine Familie reist im Trabant nach Hamburg - Verwandte besuchen." So sah die Revolution am Grenzübergang in Gudow aus. "Die Leute waren überraschend wenig emotional. Wir aber auch: Man konnte das erst noch gar nicht erfassen, was gerade passiert war." Für die Tagesthemen ist diese Live-Schalte ein Glücksfall, für den sogar die Sendung verlängert wird. Erst im Laufe des Abends, so Kühn, dämmert es ihm, dass er gerade einen ganz besonderen Moment erlebt hat. Er muss nämlich in Gudow übernachten, um auch Bilder für die nächsten Tage zu liefern.

Nach der Tagesschau stürmen Bürger die Mauer in Berlin

Doch die Fernsehnachrichten vom Ansturm auf die Grenzposten entfalten ihre Wirkung schnell: Nach der Ausstrahlung der Tagesthemen stürmen Tausende Berliner in Ost und West auf die Mauer zu und erzwingen die Öffnung. Auch an der Invalidenstraße drängen Menschen von beiden Seiten, bis das Tor geöffnet wird. Robin Lautenbach steht plötzlich im Gedrängel und kann endlich Interviews führen. Stundenlang spricht er mit den Berlinern. "Sinnlose Fragen waren das, so nach dem Motto 'Wohin gehen Sie jetzt?', aber die Antworten waren emotional und es war eine Riesenfreude. Einfach ein historischer Moment!", erinnert er sich. Es wird eine lange Nacht und im Nachtmagazin kann die ARD endlich Bilder von der Revolution senden.

"Schön war das"

Auch für Tilmann Bünz wird es spät. Er verfolgt die Pressekonferenz, die Helmut Kohl in Polen gibt und hält Kontakt zu den Reportern vor Ort. "Das westdeutsche Fernsehen hat das Ereignis forciert", glaubt Bünz. "Ohne uns", so ist er sich sicher, "wäre es wohl nicht ganz so schnell gegangen. Wir waren in diesen unsicheren Zeiten eine verlässliche Quelle - uns vertrauten auch die Ostdeutschen."

Erst gegen zwei Uhr nachts ist seine Schicht zu Ende, zu Hause warteteseine Frau Jutta - sie ist überglücklich über die Nachrichten und kann sich den ganzen Abend nicht vom Fernseher lösen. Direkt danach nehmen beide zwei Wochen frei und fahren nach Duderstadt, den Heimatort seiner Frau. Im Nachbardorf Ecklingerode verläuft die Grenze. Das Ehepaar macht sich am Morgen des 17. November dorthin auf, um bei der Öffnung dabei zu sein. "Guten Morgen, die Herren, hieß es ganz förmlich um fünf Uhr morgens von den Grenzbeamten. Auf beiden Seiten waren die Grenzgänger auf eine kleine Feier vorbereitet: Die Ostdeutschen hatten sogar ein Fass Bier mitgebracht." An diesem Tag ist Tilmann Bünz nicht als Journalist unterwegs - Fotos oder Filmaufnahmen macht er nicht. Er feierte mit seiner Familie: "Da war ich einfach Mensch. Schön war das."

Weitere Informationen

9. November 1989: Der Tag, an dem die Mauer fällt

Mit Montagsdemos und Massenfluchten zwingen die DDR-Bürger ein Regime in die Knie. Am 9. November 1989 öffnen sich die Grenzen, 327 Tage später ist Deutschland wiedervereinigt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Tagesschau | 09.11.1989 | 20:00 Uhr

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