Stand: 08.05.2020 16:40 Uhr  | Archiv

Kriegsende 1945: "Es kommen noch schwere Zeiten auf uns zu"

Der 8. Mai 1945 markiert das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs und den Zusammenbruch des Nationalsozialismus. An diesen Tag, der sich nun zum 75. Mal jährt, wollen wir gemeinsam mit Heinrich August Winkler erinnern. Er ist ein renommierter und wegweisender Historiker, der die Vergangenheit immer wieder in das Blickfeld der Gegenwart holt und Impulse für die Zukunft gibt.

Herr Winkler, Sie haben diesen 8. Mai 1945 aus wissenschaftlicher Sicht eingehend beleuchtet, aber Sie waren selbst auch Zeitzeuge, als Sechsjähriger. Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag? Welche Bilder, welche Gefühle haben sich eingeprägt?

Heinrich August Winkler © dpa Foto: Hendrik Schmidt
Heinrich August Winkler hielt 2015 die Rede im Bundestag zum Gedenken an den 70. Jahrestag des Kriegsendes.

Heinrich August Winkler: Ich habe den Tag des Einzugs der amerikanischen Truppen im südwürttembergischen Schelklingen am 22. April 1945 in sehr lebhafter Erinnerung. Die Erinnerung an einen symbolischen Akt: Zwei GIs gingen in die ehemalige Klosterkirche, holten zwei Eiserne Kreuze aus Holz heraus, stellten sie an die Außenmauer der Kirche und schossen die Hakenkreuze in der Mitte heraus. Diese Symbole der NS-Herrschaft standen als Memento an den Untergang des sogenannten Dritten Reiches über ein Jahr lang an der Außenseite der Kirche. Und jedermann, der sie sah, hatte Anlass, über die Bedeutung des Endes der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nachzudenken.

Als Sechsjähriger haben Sie darüber wahrscheinlich noch nicht in der Form nachgedacht, wie das ein Erwachsener getan hat. Aber wie hat sich das für Sie angefühlt? Was war das für eine Stimmung?

Winkler: Das Bewusstsein, dass eine schreckliche Zeit hinter uns liegt, hatte ich auch als Kind, weil ich von meiner Mutter und von meiner Großmutter nichts anderes hörte. Es muss der 2. Mai gewesen sein, als die Nachricht vom Tode Hitlers über den Rundfunk kam, und meine Großmutter zu mir sagte: "Hitler ist tot." Ich fragte: "Ist das gut?", und sie sagte: "Ja!" Nach einer ganz kurzen Pause fügte sie hinzu: "Aber es kommen noch schwere Zeiten auf uns zu." Und damit meinte sie nicht nur materiell schwere Zeiten, sondern wohl auch, dass Deutschland jetzt zur Rechenschaft gezogen werden würde für die Verbrechen, die unter Hitler durch Deutsche begangen worden waren. Daran kann ich mich lebhaft erinnern, auch an den Augenblick, als ich im Oktober 1946 bei einer Kinoaufführung die Wochenschau über das Ende des Nürnberger Prozesses sah. Und als Göring sein "Unschuldig" sprach, gab es einen vereinzelten Ruf aus dem Publikum: "Bravo!"

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An welcher Stelle setzt denn das bewusste Erinnern, das bewusste Nachdenken über die Geschehnisse im Nationalsozialismus ein?

Winkler: In den frühen 50er-Jahren. Das hing eng zusammen mit meinem erwachenden Interesse an Politik, an den Übertragungen über die Debatten zur Wiederbewaffnung im Deutschen Bundestag. Das war für viele in meiner Generation damals ein außerordentlich einschneidendes Erlebnis. Wir fingen an, uns politisch zu engagieren. Ich wurde in einem Schüler-Arbeitskreis in Ulm an der Donau aktiv, und da wurde auch über die NS-Vergangenheit diskutiert. Wir haben eine Gedenkveranstaltung zum Attentat auf Hitler zum elften Jahrestag des 20. Juli veranstaltet, weil das die einzige Gedenkfeier war, die es damals in Ulm gab. Das zeigt so ein bisschen, dass es auch in den 50er-Jahren durchaus bei der heranwachsenden Generation eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit gab, und einige Lehrer haben das aktiv unterstützt.

Gedenkfeiern funktionieren immer nach einem bestimmten Schema. Bei aller Eindringlichkeit gleichen sich die Reden oft in vielen Teilen, und wichtige Worte geraten in Gefahr, zu Floskeln zu werden, zu versteinern. Ist die Art und Weise, wie wir gedenken, noch zeitgemäß? Kann noch, muss noch Neues gesagt werden?

Winkler: Jeder Redner, jede Rednerin steht vor der Notwendigkeit, in eigene Worte zu fassen, was sich als Eindruck von der Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 ihm oder ihr besonders eingeprägt hat. Es kommt nicht auf die Originalität der Veranstaltung oder der Rede an, sondern auf die Glaubwürdigkeit und Eindringlichkeit. Sicherlich sucht jede neue Generation auch einen neuen Zugang zu dieser widerspruchsvollen deutschen Geschichte.

Wenn Sie heute Ihre Rede noch einmal formulieren müssten, welche neuen Impulse würden Sie hinzufügen?

Winkler: Ich würde wahrscheinlich auf die Frage eingehen, warum sich die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in beiden Teilen des geteilten Deutschlands so unterschiedlich vollzogen hat. Auf den ersten Blick war die DDR oder zuvor die Sowjetische Besatzungszone viel radikaler im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Man denke an die Enteignung des Großgrundbesitzes oder des Großunternehmertums in den ersten Jahren nach 1945. Aber die Tatsache, dass sich die SED als die Partei der Sieger betrachtete, führte auch dazu, dass ihr Antifaschismus schablonenhaft blieb und die freie gesellschaftliche Auseinandersetzung über eine nationale Schuld der Deutschen konnte in den heutigen neuen Bundesländern vor der Wende nicht geführt werden - das widersprach der Staats- und Parteidoktrin der SED.

Ich erkläre es mir auch damit, dass sich manche apologetischen nationaldeutschen, antiwestlichen, illiberalen Lesarten der deutschen Geschichte im Osten Deutschlands eher behauptet haben als im Westen. Wenn man erklären will, warum eine Bewegungen wie Pegida in Dresden entstanden ist oder warum die AfD in den neuen Bundesländern stärker ist als in den alten, dann kommt man nicht drum herum, auch die sehr unterschiedliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ins Auge zu fassen. Dass die Westdeutschen eine andere Art der Debatte führen konnten, ist kein Verdienst. Es ist ein Glück, dass sie es mit demokratischen Besatzungsmächten zu tun hatten, während die Sowjetunion versuchte, ihr Herrschaftsmodell - mehr oder minder gleich oder abgewandelt - in der DDR durchzusetzen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Ausschnitt der Europa-Karte vom 1. Mai 1945 aus dem "Atlas of the World Battle Fronts in Semimonthly Phases" des United States War Department, 1945, der die Gebietslage in zweiwöchigen Abständen dokumentiert. © This image is a work of a U.S. Army soldier or employee, taken or made as part of that person's official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain. Foto: United States War Department, General Staff 1945

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.05.2020 | 19:00 Uhr

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