Stand: 22.04.2015 21:37 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

20. April 1945: US-Truppen stürmen den Brocken

Rund 10.000 Gefangene überleben die gnadenlosen Märsche nicht, die über die unterschiedlichen Routen durch das Mittelgebirge führen. Für sie kommt die Befreiung durch die Alliierten zu späte.

Als die Amerikaner am 10. April 1945 von Südwesten den Harzrand erreichen, treffen sie zunächst kaum auf Widerstand. In Langelsheim passieren die Soldaten das Denkmal an der Kirchstraße. Gegenwehr gibt es nicht. Auch eine Panzersperre am Orteingang von Goslar stellt kein größeres Hindernis dar. Goslar hat sich buchstäblich in letzter Minute zur Lazarettstadt erklärt, berichtet die heute 87-jährige Hannelore Giesecke. Die letzten deutschen Kampfverbände sind abkommandiert worden. "Im Grunde genommen haben wir das große Los gezogen, dass ein paar Männer verhindert haben, dass Goslar verteidigt wurde. Wenn die nicht abgezogen wären, hätten die militärischen Einheiten Goslar bombardiert."

Verlustreicher "Häuserkampf" in den Wäldern

Direkt hinter Goslar aber herrscht wieder Krieg. Auf ihrem Vormarsch in Richtung Elbe geraten die US-Truppen schon am Sudmerberg schwer unter Beschuss. Versprengte Truppen aus dem Ruhrgebiet und Nazigrößen aus Braunschweig verstecken sich in den Wäldern und leisten Widerstand. Diese "Widerständler" werden von den Nationalsozialisten "Werwölfe" genannt. Friedhart Knolle vom Verein "Spurensuche Harz" nennt sie schlicht "Menschen, die ihre eigene Haut retten wollten". Im Harz hätten sich die Nazigrößen aus Braunschweig und anderen harznahen Städten ausgekannt. "Da hatte man vorher Urlaub gemacht, kannte die Wege, die Wanderhütten", erklärt Knolle. US-Soldaten hätten die Situation als eine Art Häuserkampf mit Bäumen anstelle von Häusern beschrieben. Die Kämpfe seien verlustreich und vor allem "sinnlos verlustreich" gewesen, sagt Knolle.

Amerikanische Truppen erstürmen den Brocken

Die Topografie des Harzes, seine vielen Bäume und auch die Höhlen boten den deutschen Soldaten Verstecke. Bis weit in den April hinein hätten hier noch viele an einen Sieg der Deutschen geglaubt, so Knolle. Am 20. April 1945 erstürmen US-Truppen den Brockengipfel. Am 7. Mai kapitulieren die letzten Verbände im Harz. Doch einige deutsche Soldaten kämpfen in den Wäldern noch bis weit in den Mai hinein gegen die Amerikaner.

Todesmärsche durchs Mittelgebirge

Seit Anfang April 1945 werden unterdessen Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mittelbau-Dora in Nordhausen und Bad Gandersheim durch den Harz gejagt. Ausgemergelte Gestalten schlurfen in Holzpantinen durch die Harzorte, wie der Geologe Firouz Vladi vom Verein "Spurensuche in Osterode" erzählt. Die SS-Wachmannschaften treiben die Häftlinge vor sich her. Diese müssen "nicht nur ihren eigenen müden Leib schleppen, sondern sie haben auch noch die Karren, auf denen die SS-Bewacher ihr Hab und Gut transportierten, ihre Verpflegung und Waffen beispielsweise, durch die Dörfer über den Harz gezogen", schildert Vladi. Wer "gehfähig" ist, wird vorwärts gejagt. "Fußlahme" werden erschossen - jeder, der zu langsam ist und der Gruppe nicht hinterherkommt, wird erschossen.

Holzpantinen schlurfen durch die Orte

40.000 Männer aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora mit seinen Außenstellen in Ellrich, Nüxei, Wieda, Mackenrode und Osterhagen sowie aus dem Konzentrationslager Brunshausen bei Bad Gandersheim werden auf die Todesmärsche über den Harz geschickt. 10.000 Häftlinge kommen dabei ums Leben, viele verhungern oder sterben krank und entkräftet, andere werden erschossen. Die übrigen schleppen sich durch die Harzorte. Zeitzeugen berichten von den schlurfenden Geräuschen der Holzpantinen auf den Straßen. Hilfe von Einheimischen habe es aus Angst vor den SS-Wachmannschaften kaum gegeben, sagt Vladi: "Wir kennen viele Berichte von Versuchen zu helfen, wo Bürger einem durchziehenden Tross Wassereimer auf die Straße gestellt hatten. Die Eimer wurden von den Wachmannschaften umgetreten." Vereinzelt hätten Brot oder gekochte Kartoffeln am Straßenrand gelegen.

"Festung Harz" eher ein Mythos der NS-Offiziere

Das Ziel der Todesmärsche sind Orte mit Bahnanschluss. Von dort geht es in überfüllten Güterwagons weiter in die Konzentrationslager Ravensbrück oder Dachau. Zehntausende belgische, französische und russische Häftlinge werden in den letzten Kriegswochen durch den Harz gequält, während sich die offenbar unbelehrbaren Übriggebliebenen, die noch immer an einen Sieg der Deutschen glauben, in den gleichen Wäldern verstecken. Sie versuchen, die Festung zu halten - diese Festung habe es nie gegeben, sagt Friedhart Knolle. Während andere Quellen davon sprechen, der Harz sei am 8. April 1945 offiziell zu einer Festung erklärt worden, nennt Knolle das "einen Mythos". NS-Offiziere hätten nach 1945 in ihren Memoiren wohl nur von der "Festung Harz" geschrieben, um sich selbst ein Denkmal zu setzen, vermutet Knolle.

"Die Menschheit lernt es nicht"

Der Begriff "Festung Harz" wurde von Neonazis im Harz weiter benutzt - die NS-Propaganda funktioniere eben weit über das Kriegsende 1945 hinaus, sagt Knolle. Auch die Hoffnung, die damals und später die Menschen bewegte - nie wieder Krieg - hat sich nicht erfüllt. "Die Menschheit lernt es nicht", meint Zeitzeugin Hannelore Giesecke. "Wir haben damals immer gesagt: Lasst mehr Frauen regieren, die werden das verhindern. Aber wie die Geschichte zeigt, machen es die Frauen genauso. Ich glaube, wir können es nicht anders."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 22.04.2015 | 17:00 Uhr

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