Stand: 06.08.2015 15:34 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

August 1975: Die Heide brennt

von Janine Kühl, NDR.de

Die bisher größte Brandkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik beginnt an einem schönen Sommertag. Anfang August 1975 ist es in Niedersachsen ungewöhnlich heiß und trocken. Etwa zwei Monate hat es vielerorts nicht mehr geregnet, die Temperaturen liegen konstant über 30 Grad. Statt der gewöhnlichen 80 beträgt die Luftfeuchtigkeit lediglich 20 Prozent. Zudem weht ein starker Wind. Am 8. August bricht in Stüde im Landkreis Gifhorn ein Brand aus. Weitere Brände in der Südheide entstehen am 9. und 10. August bei Gifhorn und Celle. Bei den vorherrschenden Bedingungen breiten sie sich schnell aus und drohen außer Kontrolle zu geraten.

Als die Heide brannte

Ausschnitte der Dokumentation mit Originalaufnahmen vom August 1975 und Zeitzeugenberichten.

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Freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Bei so vielen Brandherden ist es schwierig, genügend Personal und Tanklöschfahrzeuge zu jedem einzelnen Feuer zu bringen. Dieter Witt, damals Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Unterlüß bei Celle, erinnert sich an den 10. August: "Die Freiwillige Feuerwehr Unterlüß hat acht Mann nach Eschede geschickt. Es war so heiß, dass die Tanklöschfahrzeuge auf dem Asphalt Spuren hinterlassen haben." In den ausgedehnten Kiefer-Monokulturen, aber auch im Bruchholz, das von einem Orkan im Jahr 1972 liegen geblieben ist, finden die Flammen Nahrung. Der Wind facht das Feuer zusätzlich an und lässt bis zu 40 Meter hohe Feuerwände entstehen.

Fünf Feuerwehrleute kommen in den Flammen um

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An die Verstorbenen erinnert ein Gedenkstein bei Meinersen.

Witt ist mit einem Löschfahrzeug bei Queloh im Einsatz und kämpft dort mit Kollegen gegen die Flammen: "Das Feuer kam übers Stoppelfeld. Mit einer einfachen Pumpe haben wir von einer Zisterne Wasser gepumpt. Da bin ich allein über brennende Teerstraßen gefahren. Das war teilweise lebensgefährlich, aber wir kannten uns gut aus." Auch bei Meinersen im Kreis Gifhorn kämpfen Feuerwehrleute gegen die Flammen. Durch den drehenden Wind wird das Feuer in eine andere Richtung getragen - und schneidet fünf von ihnen den Fluchtweg ab. Die Männer aus Fallersleben und Hohenhameln werden von der Feuerwalze überrollt und kommen ums Leben.

Kreisdirektor verkennt die Gefahr

Nach dieser Tragödie wird die Kritik an den Verantwortlichen auf Kreisebene immer lauter. Doch sie beharren lange darauf, die Feuer allein bekämpfen zu können. "Es wurde damals nicht so ernst genommen. Und es hieß wie so oft: Dat is us Füer (Das ist unser Feuer)!“, blickt Hans-Erich Ahrens, damals Feuerwehrmann in Hermannsburg, zurück. Der Celler Oberkreisdirektor Axel Bruns, der das Ausmaß der Katastrophe zu spät erkannt hat, muss nach dem Brand seinen Posten räumen. Am Montag, dem 10. August, erklärt der Lüneburger Regierungspräsident Hans-Rainer Frede schließlich den Katastrophenfall und bittet die anderen Bundesländer um sofortige Hilfe.

Hilfe aus dem gesamten Bundesgebiet

In den folgenden Tagen kämpfen Tausende Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet gegen die verheerenden Feuer. Feuerwehren aus Hamburg, Bremen und Frankfurt eilen zur Hilfe. Bundesgrenzschutz, Zoll und Mitglieder der Forstverwaltung sind im Einsatz. Das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst und andere Hilfsorganisationen kümmern sich um die Versorgung der Feuerwehrleute sowie um die Evakuierten. Auch britische und niederländische Einheiten, die in der Lüneburger Heide stationiert sind, beteiligen sich. Als problematisch erweist sich allerdings die Kommunikation: Unterschiedliche Funkkanäle und überlastete Telefonleitungen erschweren die Absprachen.

Löschflugzeuge und Panzerschneisen

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Bei der Bekämpfung der Waldbrände 1975 sind die lokalen Feuerwehren auf Hilfe aus dem gesamten Bundesgebiet angewiesen.

Große Hoffnungen setzen die Verantwortlichen in den Einsatz dreier französischer Löschflugzeuge und zahlreicher Polizeihubschrauber. Doch oft verpufft das in Säcken abgeworfene Wasser einfach in der heißen Luft. Schwere Bergepanzer der Bundeswehr walzen breite Schneisen in den Wald, um eine weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern.

Kompetenzgerangel bremst die Arbeit

Während die Einsatzkräfte in der Südheide an vorderster Front die Flammen bekämpfen, wütet zwischen den Entscheidungsträgern auf Landes- und kommunaler Ebene ein Kompetenzgerangel, das zu Verzögerungen und Missverständnissen führt. Infolgedessen agieren viele Einheiten eigenständig und erzielen nicht die erhoffte Wirkung. Mitte der Woche setzt Niedersachsens Innenminister Rötger Groß den bisherigen Einsatzleiter, General Paul Kühne vom Bundesgrenzschutz, ab. Zu seinem Nachfolger bestimmt er Oberstleutnant Albert Mally.

Feuer auch im Wendland

Am Vormittag des 12. August wird eine Rauchsäule bei Trebel im Wendland entdeckt. Doch die Alarmierung der Ortswehren nimmt 1975 viel Zeit in Anspruch. Walter Ziegeler, damals Sachgebietsleiter für Feuerwehr und Katastrophenschutz bei der Kreisverwaltung Lüchow, erinnert sich: "Es gab ja noch keine zentrale Steuerung für Alarm. Man wählte manuell schön brav per Wählscheibe, damit vor Ort die Sirenen gestellt wurden." Anders als in der Südheide zögern die Lüchow-Dannenberger aber nicht, Hilfe anzufordern. Aufgrund guter Kontakte stellt die Lüneburger Panzerbrigade 8 innerhalb weniger Stunden Panzer zum Anlegen von Brandschneisen zur Verfügung. Bundeswehr-Hubschrauber sorgen für einen Überblick aus der Luft.

Feuer bedroht Ortschaften

Noch am 12. August vernichtet das Feuer in Lüchow-Dannenberg 2.000 Hektar Wald- und Ackerfläche und kommt mehreren Dörfern gefährlich nahe. Viele von ihnen müssen evakuiert werden. Da sich das Feuer nach Osten in Richtung DDR-Grenze ausdehnt, gibt es Warnungen an die DDR-Behörden. "Gegen 19.30 Uhr wurde es eng. Der Wind drehte, sodass sich das Feuer in Richtung der Ortschaften ausdehnte. Die Bevölkerung musste gewarnt werden. Wir hatten wahrlich zu tun, die Orte vor dem Feuer zu bewahren. Das ist dann auch gelungen", so Ziegeler.

Feuerwehrmann beim Löschen eines Waldbrandes. © dpa/Picture-Alliance Foto: Rainer Jensen

1975: Die Lüneburger Heide brennt

NDR 1 Niedersachsen -

Zehn Tage kämpfen die Einsatzkräfte gegen das verheerende Feuer in der Lüneburger Heide. Die Bilanz der Katastrophe: Fünf Tote und 7.400 Hektar niedergebrannter Wald.

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Dramatische Rettungsaktion aus der Luft

Zoll, BGS und Polizei übernehmen Verkehrslenkung und Luftüberwachung. "Die Polizeihubschrauber haben per Lautsprecher einige Feuerwehrleute rausgeholt, die wären sonst verbrannt", erinnert sich Ziegeler an dramatische Rettungsaktionen. Auch bei Celle retten Hubschrauber eingeschlossene Soldaten aus der Luft von einer Lichtung und lotsen Feuerwehrleute aus einer Gefahrenzone. Hier steht am 13. August ein Waldgebiet von 50 Quadratkilometern in Flammen. Einige Ortschaften müssen evakuiert werden. In dem kleinen Dorf Hustedt vernichtet das Feuer mehrere Häuser. Im Kreis Gifhorn hingegen ist der Brand weitgehend eingedämmt.

Unzureichende Wasserversorgung

Die Wasserversorgung ist eines der zentralen Probleme. "Es gab nicht so viele Tanklöschfahrzeuge, und der Funk war nicht so ausgebaut. An Wasser zu kommen war das Problem, da hatten wir lange Wege“, berichtet der Hermannsburger Feuerwehrmann Hans-Erich Ahrens. In der Südheide schafft die Bundeswehr ein wenig Abhilfe, indem sie eine mehrere Kilometer lange Rohrleitung für Löschwasser baut. Eine Gasleitung wird zur Wasserleitung umfunktioniert. In Lüchow-Dannenberg stellt eine Westerholzer Spedition sechs große Tankfahrzeuge zur Verfügung.

250 Kilometer lange Rauchfahne

Neben den Großfeuern müssen die Einsatzkräfte auch kleinere Brände bekämpfen, beispielsweise bei Undeloh, Winsen/Luhe sowie bei Bad Harzburg. Das gewaltige Ausmaß der Katastrophe zeigt die Aufnahme eines sowjetischen Satelliten: eine 250 Kilometer lange Rauchfahne über Niedersachsen. Auf dem Höhepunkt der Brände sind 15.000 Feuerwehrleute und rund 11.000 Bundeswehrsoldaten im Einsatz; dazu unzählige weitere Helfer.

Einsatzkräfte zehn Tage voll gefordert

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Knapp 8.000 Hektar Wald- und Moorflächen verbrennen.

Erst am 18. August wird der Katastrophenalarm für beendet erklärt. Fünf Menschen sind in den Flammen umgekommen, zwei Helfer sind an Herzversagen gestorben. Zahlreiche weitere haben schwere Brandverletzungen erlitten. "Das waren schon heikle Situationen. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man das nicht mitgemacht hat", sagt der Hermannsburger Ahrens über seinen schwersten Einsatz.

Die Lehren aus der Katastrophe

Aus den Fehlern und Unzulänglichkeiten bei der Bekämpfung der Brände ziehen die Verantwortlichen zahlreiche Lehren: Die Feuerwehr erstellt Waldbrandeinsatzkarten, schafft Fahrzeuge mit Allradantrieb, Vielkanal-Funkgeräte sowie Tanklöschfahrzeuge mit größerem Fassungsvermögen an. Bei entsprechender Waldbrandwarnstufe beobachtet der Feuerwehr-Flugdienst die Wälder. Zudem legt man befestigte Zufahrtswege an, um den Einsatzfahrzeugen den Weg zum Brand zu erleichtern. Zahlreiche Löschwasser-Entnahmestellen und Teiche sollen die Wasserversorgung garantieren.

Ursachen nie vollständig aufgeklärt

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In der Südheide benötigt die Natur rund 20 Jahre, um sich von der Brandkatastrophe zu erholen.

Die Ursachen für die verheerenden Brände können nie vollständig aufgeklärt werden. Zigaretten, Brandstiftung, Funkenflug der Bahn - vermutlich war es eine Vielzahl von Auslösern. Insgesamt fallen über 8.000 Hektar Wald-, Moor- und Heidefläche dem Feuer zum Opfer.

Karte: Brandherde in der Heide

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 11.08.2005 | 15:52 Uhr

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