Stand: 13.10.2016 06:00 Uhr

Als die Hamburger endlich wieder wählen durften

Der starke Mann der SPD: Max Brauer

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Max Brauer bestimmt lange Zeit die Geschicke der Stadt: Im April 1953 empfängt er den Bundeskanzler Konrad Adenauer (l.) im Rathaus.

Mit dem Wahlsieg der Sozialdemokraten beginnt die Nachkriegsära von Max Brauer in Hamburg. Auf einer SPD-Versammlung kurz nach dem Urnengang wird er einstimmig und "mit Beifallsstürmen ohnegleichen" zum Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters gekürt. "Ich werde meine Kräfte restlos für die schwere Aufgabe, die meiner harrt, einsetzen", sagt Max Brauer am 21. Oktober 1946. Im Blick hat er vor allem die Bekämpfung des Hungers in der Stadt, die Schaffung von "würdigen, deutschen Wohnstätten" und den Wiederaufbau des Hafens. Das Problem der Staatsbürgerschaft bleibt für Max Brauer: Nur ein Deutscher darf Bürgermeister von Hamburg werden. Und so erhält der SPD-Politiker kurzerhand am 25. Oktober seine Einbürgerungsurkunde - aus den Händen von Noch-Bürgermeister Rudolf Petersen.

CDU bleibt außen vor

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Ende Oktober 1946 kommt die neu gewählte Bürgerschaft zu ihrer ersten Sitzung zusammen.

Obwohl die SPD auf keinen Regierungspartner angewiesen ist, verzichtet sie auf eine Alleinregierung. So entsteht ein Bündnis mit der FDP und der KPD. Auch die CDU soll zunächst mit an Bord sein, aber die SPD bricht die Gespräche nach kurzer Zeit ab. Die Christdemokraten hätten darauf bestanden, das Wirtschaftsressort zu übernehmen, heißt es zur Begründung. Die CDU ihrerseits behauptet, die SPD habe nie ernsthaft eine Koalition mit der CDU beabsichtigt. Drei Senatoren-Posten übernimmt die FDP, die KPD stellt einen Senator. Mit der SPD-Politikerin Paula Karpinski gehört erstmals eine Frau dem Hamburger Senat an - als Jugend-Senatorin.

"Mehr als ein Debattierklub"

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Für viele Familien in Hamburg geht es lange Zeit ums nackte Überleben - vor allem im harten Winter 1946/47.

Mitte November 1946 wählt der neue Senat dann Max Brauer zum Ersten Bürgermeister. "Er galt als autoritäre Person, nicht nur innerhalb seiner Partei", sagt Historiker Strupp im Gespräch mit NDR.de. "Und als ehemaliger US-Bürger konnte er seine Standpunkte besonders energisch gegenüber den Briten vorbringen." So forderte Brauer in seiner Regierungserklärung die Militärregierung auf, für ausreichend Lebensmittel in der Stadt zu sorgen, keinen Wohnraum zu vergeuden und Kohle nur dann zu exportieren, wenn der Mindestbedarf im Land gedeckt sei. Auch wenn die Besatzung noch einige Zeit dauern sollte: "Die neue gewählte Bürgerschaft war mehr als ein Debattierklub", sagt Strupp. Nach und nach seien Befugnisse von den Briten auf den Senat übergegangen - etwa im Justizwesen und bei der Polizei.

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Mit der D-Mark kamen die Waren

NDR Info: ZeitZeichen

Am 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in Kraft. Plötzlich gab es Waren, die in der inflationären Reichsmark-Zeit gar nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt zu haben waren. Audio (14:58 min)

Drei Monate Dauerfrost

Was bei der Bürgermeisterwahl noch niemand ahnen konnte: Wenige Wochen später beginnt für die Hamburger Bevölkerung eine große Leidenszeit. Der Winter 1946/47 sollte einer der kältesten des 20. Jahrhunderts werden. Von Mitte Dezember bis Anfang März herrscht Dauerfrost - zeitweise mit Temperaturen von bis zu minus 25 Grad. 85 Menschen erfrieren, knapp 500 weitere Hamburger sterben an einer Lungenentzündung. Die Vorräte an Kohle und Lebensmittel gehen zur Neige.

Am 28. Dezember 1946 verkündet Max Brauer deshalb ein Notprogramm: Es gibt nur zwei Stunden Strom am Tag für Privathaushalte. Kinos, Theater und Schulen bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nur stark eingeschränkt und Geschäfte sind nur von 10 bis 15 Uhr geöffnet. Die Lage bleibt lange dramatisch, erst mit dem Tauwetter im März schöpfen die Hamburger wieder Hoffnung. Aber erst mit der Währungsreform im Sommer 1948 bessert sich der Lebensalltag grundlegend. Nun sind die Geschäfte wieder mit reichlich Waren gefüllt,und es gibt ausreichend Baumaterial für den Wiederaufbau der Stadt.

"Eine bemerkenswerte Leistung vollbracht"

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Max Brauer nach seinem Wahlsieg 1957: Drei Jahre später gibt er das Bürgermeisteramt an seinen Nachfolger Paul Nevermann ab.

"Die erste Bürgerschaft und der erste Senat nach dem Krieg haben angesichts der Zeitumstände eine bemerkenswerte Leistung vollbracht", urteilt später der Hamburger Wahlforscher Walter Tormin. "Sie haben die Not vor der Währungsreform gemildert, so gut sie es vermochten."

Die SPD gewinnt auch die nächste Hamburger Bürgerschaftswahl im Oktober 1949: Max Brauer kann im Amt bleiben. Nur von 1953 bis 1957 muss er nach einer Wahlschlappe eine Zwangspause als Bürgermeister einlegen. Schließlich gibt er im Dezember 1960 sein Amt im Alter von 73 Jahren an Paul Nevermann ab. Bei seinem Abschied verleiht ihm die Universität Hamburg die Ehrendoktorwürde, die Bürgerschaft ernennt ihn zum Ehrenbürger.

Die Hamburger Bürgermeister seit 1946

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.10.2016 | 19:30 Uhr

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