Stand: 25.04.2020 16:00 Uhr

Heiße Fracht: Der erste Castor-Transport

von Carina Werner
Polizeibeamte tragen im April 1995 eine Demonstrantin im niedersächsischen Dannenberg weg, die ein Schild mit der Aufschrift "Stopp Castor" hält. © dpa - Bildfunk Foto: Rick
Unter anderem mit Sitzblockaden versuchen Tausende Demonstranten im niedersächsischen Wendland, den Castor-Transport im April 1995 nach Gorleben aufzuhalten.

"Deutschland im Aufruhr", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung" nach dem ersten Castor-Transport ins niedersächsische Gorleben vor 25 Jahren. Zu Recht: Sitzblockaden, brennende Strohballen, wütende Aktivisten, verzweifelte Bauern, überforderte Polizisten - der erste Castor-Transport mit hoch radioaktivem Müll aus dem baden-württembergischen Atomkraftwerk Philippsburg nach Gorleben hält 21 Stunden lang die Republik in Atem. Am 25. April 1995 um 10.30 Uhr erreicht er das Zwischenlager. Doch der Kampf tobt nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Politik.

Gorleben, ein Politikum mit Zündstoff

Protestplakat gegen den Bau der Atommülldeponie Gorleben. © dpa
Auch mit Plakaten protestierten die Aktivisten gegen den Bau der Atommülldeponie in Gorleben.

1977 betritt Gorleben in Ostniedersachsen die politische Bühne: Der kleine, dünn besiedelte Ort nahe der DDR-Grenze wird zum vorläufigen Standort für ein "Nukleares Entsorgungszentrum" erklärt. Hier sollen eine Wiederaufarbeitungsanlage und ein Endlager für Atommüll entstehen. Gorleben wird zum Zündstoff, zum Politikum, zum Symbol für das brisante Problem der Atommüllentsorgung. 1983 wird das sogenannte Transportbehälterlager fertiggestellt, eine oberirdische Betonhalle. Hier soll der Atommüll in den nächsten Jahrzehnten gelagert werden, bis ein Endlager zur Verfügung steht.

VIDEO: Die Standortentscheidung Gorleben (9 Min)

Sicherheitsbedenken weichen Druck und Recht

Doch bis der erste Castor Richtung Gorleben rollt, vergeht noch ein gutes Jahrzehnt: Kontroversen zwischen der Bundesregierung und dem Land Niedersachsen verzögern die Transporte. Im Sommer 1994 ordnet das Bundesamt für Strahlenschutz die Einlagerung eines Castoren aus dem Atomkraftwerk Philippsburg bei Karlsruhe an. Vor allem die niedersächsische Umweltministerin und ehemalige Greenpeace-Aktivistin Monika Griefahn (SPD) meldet Sicherheitsbedenken an und versucht, den Transport aufzuhalten. Am Ende muss sie sich dem politischen Druck und der Rechtsprechung beugen.

Stichwort: Castor

Castor ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung "cask for storage and transport of radioactive material". Die sechs Meter langen Behälter aus Gusseisen und Stahl dienen der Lagerung und dem Transport hoch radioaktiver Materialien. Dieser Markenname der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) wird im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Synonym für Brennelementbehälter und Behälter für hochradioaktive Abfälle verwendet.

Im November 1994 soll der erste Castor-Transport stattfinden, doch in letzter Sekunde gelingt es dem Lüneburger Verwaltungsgericht, die Fahrt zu stoppen, da der Castor nicht vorschriftsgemäß beladen wurde. "In jeder Küche kann beim Kuchenbacken mal etwas Backpulver daneben gehen", kommentiert die frischgebackene Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) die Sicherheitsbedenken, wie das "Greenpeace Magazin" schreibt.

Merkel verpflichtet Schröder

Die damalige Umweltministerin Angela Merkel 1995 nach einer Fahrt in den Erkundungsschacht in Gorleben. © dpa
1995 besucht die damalige Bundesumweltministerin Angela Merkel den Erkundungsschacht in Gorleben.

Im Februar 1995 verpflichtet Angela Merkel das niedersächsische Umweltministerium endgültig, den Castor-Transport nach Gorleben zuzulassen. Nach langem Hin und Her ist die Landesregierung zum Einlenken gezwungen. "Die ist von keinerlei Zweifeln angerührt", entrüstet sich der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) über die Frau, die ihm später auch noch die Kanzlerschaft abjagen wird.

Größter Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte

Unterdessen erlebt die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland ein Revival. Umwelt-Aktivisten protestieren bereits Monate zuvor, organisieren Demos und Straßenblockaden. Vereinzelt gibt es auch radikale Aktionen, werden beispielsweise Stücke aus Schienengleisen herausgeschnitten. Doch die meisten Atomkraftgegner setzen auf gewaltfreien Widerstand. "Wir bleiben friedlich", erklärt die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg im Vorfeld.

Eine Puppe sitzt samt gelben Holzkreuz in der Hand im niedersächsischen Klein Gusborn (Landkreis Lüchow-Dannenberg). © dpa-Bildfunk Foto: Philipp Schulze
Das gelbe "X" ist zum Symbol der Atomkraftgegner geworden.

Auf die Aktionen von gewaltbereiten Atomkraftgegnern haben sie jedoch keinen Einfluss. Da auch die Polizei mit massivem Widerstand rechnet, werden für den "Tag X" Tausende Polizisten und Beamte des Bundesgrenzschutzes aus Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin zur Verfügung gestellt. Mit etwa 15.000 Sicherheitskräften ist der erste Castor-Transport der bis dahin größte Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte.

Grünes Licht am 24. April - Aktivisten sind vorbereitet

Am 24. April 1995 um 20.05 Uhr ist es soweit: Der Castor-Transport startet aus dem Atomkraftwerk Philippsburg. Unter einer blauen Plane: ein 120 Tonnen schwerer Castor mit neun abgebrannten Brennstäben.

Per Bahn geht es über 700 Kilometer zunächst bis ins niedersächsische Dannenberg. Je näher der Zug dem Norden kommt, desto häufiger gibt es Zwischenfälle. Baumstämme, aber auch Menschen blockieren die Gleise. Aktivisten verwenden Wurfanker, in denen sich die Stromabnehmer der Lokomotiven verfangen. Im Rhein-Main-Gebiet kommt der Berufsverkehr eine Stunde lang zum Erliegen. Auf der letzten Strecke Uelzen-Dannenberg werden Bahnschwellen untergraben und Schienen durchsägt.

Nach 14 Stunden Bahnfahrt trifft der Zug am 25. April um 10.30 Uhr im Verladebahnhof Dannenberg ein. Dort wird die heiße Fracht auf einen Lkw verladen, der gegen 12 Uhr seine Fahrt aufnimmt. Mehr als sechs Stunden braucht der Lkw für die letzten 18 Kilometer. Von Hunderten Polizisten im Laufschritt flankiert, kommt der Transport nur schleppend voran.

Gorleben im Ausnahmezustand

Sitzblockade in Dannenberg am 23. April 1995. © dpa - Bildarchiv Foto: DB Woelk
Sitzblockaden in Dannenberg im April 1995: Die Polizei musste die Demonstranten wegtragen.

An diesem 25. April befindet sich Gorleben im Ausnahmezustand. Sämtliche Schulen sind geschlossen, Bauern organisieren per Trecker einen Protestmarsch. Tausende Polizisten treffen auf Tausende Demonstranten. Überall sieht man Transparente, "Stoppt Castor" oder "Tschernobyl ist das Stalingrad der Atommafia" steht darauf. Überall sind Anti-Atomkraft-Lieder zu hören. Es sind "überwiegend friedlich protestierende Bürger", wie Alfred Soetbeer, Sprecher des Einsatzstabs der Polizei, bekannt gibt.

Doch um den Transport aufzuhalten, zünden Aktivisten auf der Lkw-Strecke auch Strohballen und Autoreifen an. Bauern sägen Bäume um und blockieren damit die Straßen. Familien bilden Sitzblockaden. Immer wieder werfen sich Menschen in den Weg und müssen weggetragen werden, notfalls mit Gewalt. Polizisten gehen mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor. Die Gegenseite kontert mit fliegenden Steinen. 35 Verletzte zählt später der Ermittlungsausschuss Gorleben. 29 Personen werden vorläufig festgenommen.

Um 17.12 Uhr passiert der Lkw das Eingangstor des Zwischenlagers. Dass sie den Castor-Transport letztlich nicht aufhalten können, war den Atomkraftgegnern sicherlich klar. Sie konnten ihn nur verzögern und dadurch immer weiter verteuern - und haben dies auch bei weiteren Castor-Transporten nach Gorleben immer wieder getan.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 25.04.2020 | 19:30 Uhr

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