Stand: 10.02.2010 16:16 Uhr  | Archiv

Natürliche Kräfte an der Rügener Steilküste

von Sabine Ledosquet
Muscheln am Ostseestrand. Foto: Susanne Schimmelmann, Mölln © NDR Foto: Susanne Schimmelmann, Mölln
Kalkhaltige Muschelschalen lagerten sich während der Kreidezeit auf dem Meeresboden ab.

Vor etwa 70 Millionen Jahren erstreckte sich ein großes, flaches, lauwarmes Schelfmeer vom heutigen England bis zum Kaspischen Meer. In diesem Lebensraum lebten viele Klein- und Kleinstlebewesen wie Fische und Tintenfische, Seeigel und Muscheln, Algen, Korallen und Schwämme bis hin zu einzelligen Organismen. Die kalkhaltigen Schalen, Panzer und Skelette dieser Meeresbewohner lagerten sich im Laufe vieler Jahrtausende während der Kreidezeit auf dem Meeresboden ab und bildeten eine bis zu 500 Meter mächtige Kreideschicht.

Kreide schob sich in der letzten Eiszeit nach oben

In der letzten Eiszeit wurden die Kreideablagerungen aus der Tiefe gehoben, aufgefaltet und zusammengeschoben. Viele Fachleute vermuten, dass die Kreideschicht vor etwa 20.000 - 50.000 Jahren durch die Anhebung eines unterirdischen Salzstockes an die Oberfläche gelangt ist. Vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren zogen sich die Gletscher zurück und der Küstenverlauf wurde durch mehrfaches Sinken und Ansteigen des Meeresspiegels gestaltet. Dieser Prozess setzt sich bis in die Gegenwart fort.

Biologen und Geologen gehen davon aus, dass in der Rügener Senke besonders viele mikroskopisch kleine Meeresorganismen, Panzergeißeltierchen und Kalkalgen gelebt haben. Deren Panzer bestand aus feinsten Kalkscheiben, die heutzutage mit Hilfe eines Elektronenmikroskops sichtbar gemacht werden können. Die Kreide auf Rügen weist eine besondere Feinheit in der Struktur auf.

Die Natur formt die Felsen

Wissower Klinken nach Absturz © MB Naturfilm Foto: Dr. Dirk Blumenberg/Telse Meyer
Die relativ weichen Kreidefelsen sind besonders leicht angreifbar durch die Erosionsprozesse.

Seit ihrer Entstehung sind die Kreidefelsen vielen Einwirkungen und Formungskräften der Natur ausgesetzt: Meeresbrandung, Gezeiten, Strömungen, Sturmfluten, Regen und Frost sowie tektonische Kräfte aus dem Inneren der Felsen greifen sie beständig an.

Die Rügener Kreidefelsen sind weich, feinstückig und zerrüttet - da haben die Elemente der Natur ein vergleichsweise leichtes Spiel. An anderer Stelle wird das abgebrochene und abgestürzte Material wieder angelandet. Ein natürlicher und steter Prozess.

Meer und Regenwasser wirken auf die Felsen

Das Meer nagt seit vielen Jahrhunderten am Fuß der Kreidefelsen. Die Felsen werden unterspült, es bilden sich Hohlräume und Brandungshohlkehlen im Gestein. Die Kreidefelsen verlieren im Laufe der Zeit an den Fußpunkten ihre Stabilität. Der Meeresspiegel steigt und die Strände werden schmaler. Menschliche Eingriffe kommen hinzu. Größere Steine dienten seit Jahrhunderten als natürliche Wellenbrecher an den Stränden auf Rügen - viele von ihnen wurden entfernt, als man 1889 anfing, die Sassnitzer Hafenmole zu bauen. So konnte die Kraft des Meeres ungebremst auf die Kreidefelsen einwirken.

Quellaustritt im Nationalpark Jasmund.  Foto: Dieter Lindemann, Sassnitz
Die Kreide nimmt Regen und Quellwasser auf wie ein Schwamm und wird dadurch schmierig zud instabil.

Der Boden im Nationalpark Jasmund besteht aus Kreide, aus eiszeitlichen Geschiebemergeln, aus Sanden und aus organischen Verbindungen wie Torf. Oberhalb der Kreidefelsen ist der Boden seit Jahren aufgeweicht und übersättigt. Der überwiegende Teil des Niederschlags sammelt sich im Erdboden oder im Gestein. Neben zehn regulären Bächen hat es in den letzten Jahren weitere ober- und unterirdische Rinnsale gegeben. Sie speisen die zahlreichen Quellmoore des Nationalparks oder mäandrieren bis zur Steilküste. Das Regen- und Quellwasser wird an den Kreideschichten aufgestaut und mit der Zeit von diesen aufgenommen. Die Kreide kann große Mengen von Wasser aufnehmen und bildet dann eine schmierig, weiße und schwere Masse, die leicht abrutschen kann.

Frost spaltet den Fels

Der Wechsel von Frost und Tauwetter setzt in jedem Winter den Kreidefelsen zu. Auf der einen Seite dringt Schmelzwasser in Felsspalten ein. Wenn das Wasser erneut gefriert und sich dabei ausdehnt, kann es zu kleineren und größeren Abplatzungen kommen. Auf der anderen Seite friert die durchnässte Kreideschicht im Winter selber metertief durch - weitere Risse und Spalten sind im Frühjahr vorprogrammiert. Kommt es in der Folgezeit erneut zu langanhaltenden Regenfällen, rutscht die durchnässte Kreide einfach ab. Durch das stete Wechselspiel von Auftau- und Gefrierprozessen wird das Gestein aufgelockert und mürbe gemacht.

Kreide "rutscht" dem Meer entgegen

Küstenforscher bestätigen, dass zusätzlich tektonische Kräfte aus dem Gesteinsinneren Druck auf die Kreidefelsen ausüben. Die Rissbildung in den Rügener Kreidefelsen zeugen von diesen immensen inneren Kräften. Eiszeitliche Gesteinsschichten und Sande, die unter und hinter den Kreideschichten liegen, üben Druck auf die Kreideschicht auf der Witterungsseite aus. Die Kreide liegt wie auf einer schiefen Ebene und rutscht Stück für Stück dem Meer entgegen.

Rügens Kliffs sind in ständiger Bewegung

Kreideküste auf Rügen © NDR Foto: Norbert Brandt aus Neubrandenburg
Die Steilufer Rügens weichen immer weiter zurück - im Schnitt 34 Millimeter pro Jahr.

Fachleute gehen davon aus, dass die Summe dieser Einwirkungen zu dem großen Abbruch im Februar 2005 geführt hat. Überall in Mecklenburg-Vorpommern nagen Meer und Witterung an der Substanz der Steilufer, nicht nur auf Rügen, auch auf Fischland und Usedom. Im Schnitt weichen die Steilküstenhänge von Mecklenburg-Vorpommern um 34 Millimeter pro Jahr zurück. "Aktive Kliffs" nennen die Fachleute diese Hänge, die in Bewegung sind und beständig natürlich verformt werden, langfristig und unaufhaltsam.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 14.01.2013 | 19:30 Uhr

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