VIDEO: Die Varusschlacht - Fakten und Mythen (5 Min)

Mythos Varusschlacht: Wie besiegten die Germanen die Römer?

Stand: 21.04.2022 11:10 Uhr

Im Jahr 9 nach Christus besiegen die Germanen unter Arminius die Truppen des römischen Feldherrn Varus. Später wird die Schlacht mythisch verklärt. Und noch immer sind Fragen offen. Seit 20 Jahren bietet das Varusschlacht-Museum in Kalkriese Einblicke.

"Varus, Varus, gib mir meine Legionen zurück!", soll der römische Kaiser Augustus im Jahr 9 nach Christus gerufen haben, als er erfährt, dass mehr als 15.000 römische Soldaten von den Germanen niedergemetzelt wurden. Die vermeintlich unzivilisierten Germanen mit ihrem Anführer Arminius sollen die Elitetruppen der 17., 18. und 19. Legion in einem brutalen Kampf vernichtet haben. Die Römer waren geschockt - die germanischen Stämme galten ihnen bislang als "Barbaren" und nicht als ebenbürtige Feinde.

Arminius stilisiert zum ersten deutschen Nationalhelden

Bis heute gilt die Varusschlacht - auch bekannt als Hermannsschlacht oder Schlacht im Teutoburger Wald - als wichtige kriegerische Auseinandersetzung der Antike. In Deutschland wurde das Geschehen im 19. und 20. Jahrhundert gar mythisch überhöht zur Geburtsstunde der deutschen Nationalgeschichte, Arminius zum ersten deutschen Nationalhelden stilisiert. 

Historisch Verkleidete Darsteller der Varusschlacht bei den Römer- und Germanentagen in Kalkriese © NDR Foto: Martin Bremer
AUDIO: Jahr 9: Die Varusschlacht (15 Min)

Der Hintergrund der Varusschlacht

Eiserne Maske eines römischen Gesichtshelms, Fundort: Kalkriese,1990. © picture-alliance / akg-images / Museum Kalkriese Foto: Museum Kalkriese
Diese römische Legionärsmaske wurde 1990 in Kalkriese gefunden.

Doch was geschah in der Varusschlacht genau? Warum gerieten Römer und germanische Stämme aneinander? Wo fand die Schlacht statt? Und wie genau? Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, immer neue Spuren und Hinweise zu deuten. Eine verbreitete Theorie sieht die Ereignisse so:

Im Jahr 6 nach Christus bestimmt Kaiser Augustus den römischen General Quintilius Varus zum Oberbefehlshaber am Rhein. Zu dieser Zeit sind die germanischen Stämme bereits ein Sicherheitsproblem für die römische Provinz Gallien. Diese Provinz, mit dem Rhein als Ostgrenze, wollen sie vor den "Barbaren" schützen. Zudem will Rom, so die gängige Auffassung der Historiker, langfristig auch die germanischen Siedlungsgebiete unter seine Herrschaft bringen.

Als Statthalter soll Varus nun auch östlich des Rheins den römischen Machtanspruch demonstrieren. Er spricht römisches Recht und treibt Steuern ein - ganz so, als gehörten die Germanen bereits zur Bevölkerung der römischen Provinzen. Eine Taktik, mit der sich weder Rom noch Varus bei den germanischen Stämmen beliebt machen - und vermutlich einer der Gründe, warum es zur Varusschlacht kommt.

Roms Soldaten im Hinterhalt? Die These von der Kriegslist

Hermann als Sieger: Gemälde um 1839 von Wilhelm Lindenschmit d.Ä. © picture alliance / akg-images Foto: akg-images
Eine gängige Annahme ist, dass der Cherusker-Fürst Arminius, auch bekannt als Hermann, die Römer mit einer List in den Hinterhalt geführt haben soll.

Lange ist man davon ausgegangen, dass sich die römischen Truppen unter Varus im September des Jahres 9 nach Christus auf dem Weg von der Weser in ihr Winterlager nach Xanten am Rhein befinden - begleitet von einer germanischen Hilfstruppe. Derartige Truppen unterstützten das römische Heer im Kampf und fungierten auch als Kundschafter. Anführer der Hilfstruppe ist der 25-jährige Arminius ("Hermann"), ein Fürst vom Stamm der Cherusker. Der Sohn aus reichem Hause besitzt das römische Bürgerrecht, ist in Rom zum Offizier ausgebildet worden und gilt als verlässlicher Bundesgenosse.

Doch Arminius berichtet Varus, ein Stamm plane den Aufstand - eine Kriegslist. Varus lässt sich davon überzeugen, einen Umweg zu nehmen. Der Überlieferung zufolge führt die Marschroute über einen schmalen, unbefestigten Weg zwischen Berg und Sumpf. Nicht mehr als vier Legionäre können auf der schmalen Trasse nebeneinander gehen. Das macht sie militärisch verwundbar, denn die römischen Legionen entfalten ihre gefürchtete Wirkung vor allem durch ihre geordnete Kampfformation. Der Zug der Römer erstreckt sich nun über mindestens 15 Kilometer, ist langsam und an den Flanken nicht geschützt - das perfekte Ziel für einen Überraschungsangriff.

Arminius und die Germanen lauern im Hinterhalt, so die langjährige Annahme. Sie greifen die römischen Soldaten im Wald von einer selbst errichteten sogenannten Rasensodenmauer - einem Wall - aus etwa anderthalb Meter Höhe und auf einer Länge von bis zu zwei Kilometern an. Zum Schluss kämpft Mann gegen Mann. Nach drei Tagen sind die Römer vernichtet.

Germanischer Überfall auf römisches Lager statt Hinterhalt?

Doch möglicherweise hat es sich auch ganz anders zugetragen. Als in den 90er-Jahren eine Wallgrabenanlage in Kalkriese bei Bramsche - das als wahrscheinlichster Austragungsort der Schlacht gilt - freigelegt wird, gehen die Forscherinnen und Forscher zunächst noch davon aus, dass es sich hier um den berüchtigten Hinterhalt der Germanen handelt. Doch es gibt bereits erhebliche Zweifel, ob dieser Wall tatsächlich von Germanen und nicht vielmehr von Römern angelegt wurde. In den Jahren 2016 und 2017 kommen bei Grabungen weitere Wallgräben zum Vorschein - und die Skepsis scheint berechtigt. Denn diese Art von Wallgräben sind Archäologen zufolge typisch für römische Lager gewesen. Die Annahme, dass die Römer in Kalkriese ein Lager gebaut hatten, würde das bisher angenommene Szenario der Varusschlacht erheblich verändern. Dann hätten die Germanen den Römern dort keinen Hinterhalt gestellt, sondern das Lager der Römer überrannt. Vor Ort informiert seit 2002 das Museum und Park Kalkriese. Besucher können dort unter anderem das rekonstruierte Kampffeld begehen.

Ort der Varusschlacht: Kalkriese oder Teutoburger Wald?

Das Hermannsdenkmal auf dem 386 Meter hohen Teutberg im Teutoburger Wald. © dpa - Report Foto: Horst Ossinger
Das Hermannsdenkmal auf dem 386 Meter hohen Teutberg entstand in Anlehnung an den damaligen Forschungsstand, die Varusschlacht habe im Tueroburger Wald stattgefunden.

Der genaue Ort der Varusschlacht ist bis heute unter Wissenschaftlern umstritten. Mehrere Orte werben damit, Schauplatz der legendären Schlacht gewesen zu sein. Bei Detmold steht seit 1875 auf dem Teutberg das 53 Meter hohe Hermannsdenkmal zu Ehren von Arminius. Der Erbauer des Standbilds, Ernst von Bandel, orientierte sich am damaligen Stand der Forschung, die davon ausging, dass die Varusschlacht im Teutoburger Wald stattgefunden habe.

Spektakuläre Funde in Kalkriese liefern Argumente

Ein römischer Dolch von einer Ausgrabungsstelle. © VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land gGmbH
Zu den Ausgrabungsstücken, die auf eine große Schlacht zwischen Römern und Germanen in Kalkriese schließen lassen, gehört auch dieser römische Dolch.

Mittlerweile gilt Kalkriese bei Bramsche vielen Archäologen als wahrscheinlicher Ort. Die systematischen Ausgrabungen in Kalkriese begannen 1989, nachdem britische Amateur-Archäologen nahe des Orts römische Münzen und Schleuderbleie entdeckt hatten. Zwischen dem Kalkrieser Berg und dem Großen Moor, südwestlich des Sees Dümmer, entspricht das Geländeprofil recht genau der überlieferten Beschreibung. Und es wurden zahlreiche Indizien für eine Schlacht gefunden: römische Waffen und Münzen, Menschen- und Tierknochen und die besagten Wallgräben.

Die Römer in Haltern

Varusschlacht: Ein Mythos entsteht

Die Varusschlacht, in der die Germanen als vermeintlich Schwächere die überlegenen Römer schlugen, wurde im Verlauf der deutschen Geschichte mythisch verklärt. Besonders Arminius - von Martin Luther erstmals als Hermann bezeichnet - entwickelte sich zur legendären Befreier-Figur und Idealbild des Deutschen, eingesetzt im Kampf gegen Napoleon ebenso wie im Ersten Weltkrieg. Als Nachfolger dieses "germanischen Heldens und Führers" stilisierte sich später auch Adolf Hitler.

Römer schicken weitere Truppen nach Germanien

Trotz der verheerenden Niederlage in der Varusschlacht zog sich Rom nicht gänzlich aus Germanien zurück: Kaiser Augustus schickte den Heerführer Tiberius und später Germanicus auf massive Feldzüge gegen die Germanen. Da auch diese Kämpfe für Rom verlustreich waren, beschloss Tiberius, inzwischen selbst römischer Kaiser, im Jahr 16 nach Christus, sich auf das wichtigste Ziel der römischen Politik in Germanien zu konzentrieren: die Sicherung des Rheins zum Schutz Galliens. Erst gut 230 Jahre später unternahmen die Römer mit der Schlacht am Harzhorn einen weiteren Feldzug.

Weitere Informationen
Jule Materlik, Restauratorin, zeigt einen römischen Pferdegeschirranhänger. © dpa-Bildfunk Foto: Friso Gentsch

Was blieb von der Varusschlacht?

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Dieses Thema im Programm:

DAS! | 06.01.2022 | 18:45 Uhr

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