Stand: 09.10.2012 12:00 Uhr  | Archiv

Making-of: Dein Feind und Helfer

von Sibrand Siegert, NDR.de
Der Rostocker Fischer Friedrich-Franz Peters © Erwin Peters Foto: Erwin Peters
Der Rostocker Fischer Friedrich-Franz Peters rettete 1944 einen Airforce-Soldaten vor dem Ertrinken. Sein Sohn besuchte den Geretteten 67 Jahre später.

"Ich bin Erwin", sagt Erwin Peters, als ich seine Wohnung im Ostseebad Warnemünde betrete. Seine grauen Haare sind akkurat nach hinten gekämmt, das 78 Jahre alte Gesicht wettergegerbt, der Händedruck fest. Erwin geht an ein schwarzes Buffet im Wohnzimmer und holt einen Ordner hervor. So lerne ich Erwins Vater, Friedrich-Franz Peters, kennen und Staff Sergeant John M. Russell...

Abschuss über der Ostsee

Friedrich-Franz Peters fischt am 11. April 1944 auf der Ostsee. Wie jeden Tag. Über Rostock tobt die Luftschlacht zwischen deutschen Abfangjägern und Flugzeugen der U.S. Air Force. Der Zweite Weltkrieg hat auch Norddeutschland längst erreicht. Friedrich Franz beobachtet, wie ein US-Soldat aus einem B-17 Bomber mit dem Fallschirm abspringt und in den Fluten der Ostsee verschwindet. "Wenn Menschen in Not sind, muss ich helfen", schreibt er Jahre später in einem Bericht. Also steuert der Fischer seinen Kutter Richtung Unglücksstelle und findet tatsächlich den scheinbar leblosen Körper. Als er ihn an Bord hievt, zucken die Lippen des Soldaten. Friedrich-Franz Peters holt den Soldaten zurück ins Leben, notiert sich Namen und Erkennungsnummer und liefert den Amerikaner beim Zoll ab. Sie werden sich nie wieder sehen.

67 Jahre später: Flug über den "großen Teich"

Gute zwei Stunden braucht Erwin für die Geschichte. Ich sitze im Wohnzimmer, lausche und notiere. Ich muss alles ganz genau wissen. Denn John M. Russell lebt. Er ist 88 Jahre alt, lebt in Kalifornien und Erwin und ich fliegen da hin. "Soll ich meinen guten Sonntagsanzug einpacken?", fragt Erwin. "Kann nicht schaden", antworte ich. Erwin ist aufgeregter, als er zugibt. Er ist das letzte Mal beim Kindertag der Wehrmacht geflogen. Das war Anfang der 40er-Jahre, und der Flug ging von Warnemünde nach Nienhagen und zurück. Seitdem ist Erwin nie außerhalb Europas unterwegs gewesen. Der Flug nach San Francisco ist also eine große Sache für ihn.

"Dad schläft schon" 

Von San Francisco geht es weiter nordwärts. Wir müssen nach Redding. Weitere vier Stunden dauert das mit dem Auto. Mit dabei sind Kameramann Mike-Thomas Römisch und Jesse Watts, der amerikanische Ton-Assistent. In Redding angekommen, stecken wir den vollkommen übermüdeten Erwin in sein Hotelbett und fahren in den Elmira Drive. Linda Thompson öffnet uns die Tür. Wir betreten ein Haus, das einem Museum gleicht. Auf Kommoden stehen Bombermodelle aus Weltkriegstagen, eine US-Flagge hängt im Wohnzimmer, Flugzeugstaffeln mit Pilotennamen schmücken eine Wand. "Dad schläft schon", sagt Linda und gießt Tee ein. Mit ihr besprechen wir den ersten Drehtag. Schlafen kann ich in der Nacht kaum.

Die Uniform passt immer noch

NDR Reporter Sibrand Siegert © ndr.de Foto: Udo Tanske
Für NDR Reporter Sibrand Siegert war es das intensivste Interview seiner bisherigen Laufbahn.

Es ist das intensivste Interview meines bisherigen beruflichen Lebens. Die Hitze der Scheinwerfer machen dem Mann zu schaffen, doch John Moses Russell sitzt mit 88 Jahren aufrecht in seiner Weltkriegsuniform. Die passt immer noch. Russell durchlebt den 11. April 1944 noch einmal. Er zuckt zusammen, wenn er davon berichtet, wie Geschosse sein Flugzeug treffen. Er ahmt das Zischen von Raketen nach, die durch die Luft fliegen. Er weint, dankt Gott für seine wundersame Rettung und kann die große Lücke seines Lebens doch nicht aufhellen. Wer hat ihm das Leben gerettet? John Moses Russell hatte einen zweistündigen Black-out. Er hat keine Ahnung, wer ihn aus dem Wasser gezogen hat und somit am Leben hielt. "Ich wache erst wieder in einer Zelle auf und schaue direkt auf ein Bild von Adolf Hitler", sagt Russell.

Zwei Fremde umarmen sich

Am nächsten Tag schließt sich die Lebenslücke. Erwin Peters klopft vorsichtig an die Haustür. John M. Russell öffnet. Er trägt ein Hawaii-Hemd mit bunten Flugzeugen, Erwin Peters Poloshirt. Beide Männer sind unsicher, die Sprachbarriere trennt sie vorerst. Dabei hat Erwin Peters extra Vokabeln gebüffelt. Doch das Eis bricht schnell, als Erwin Peters auf Englisch von der Rettung zu erzählen beginnt. Erst stockend, dann mutiger. Nur das Surren der Kassette in der Kamera und das gelegentliche Schluchzen von John sind zu hören. Am Ende von Erwins Erzählung umarmen sich die beiden. Dann füllt sich das Haus.

800 Jahre im Wohnhaus

Die Geschichte hat die Runde gemacht. Redding ist eine Hochburg von Veteranen. In Rollstühlen, mit Krückstock, an der Hand geführt, rücken die Weltkriegsveteranen an. 800 Jahre versammeln sich bestimmt im Haus im Elmira-Drive. Alle schütteln Erwin Peters aus Warnemünde die Hand, zwei amerikanische Fernseh-Teams interviewen ihn. Er schafft es sogar auf die Seite 1 des "Redding Record Searchlight", der Lokalzeitung. Er ist der stille Held einer Geschichte, die nach mehr als 60 Jahren zu Ende erzählt ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.10.2012 | 12:00 Uhr

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