Stand: 14.08.2012 14:21 Uhr

Land unter: Jahrhundertflut an der Elbe

von Kathrin Weber, NDR.de
Dresden unter Wasser: Mit einem Spürpanzer ist die Bundeswehr im Katastrophengebiet unterwegs.

August 2002: In vielen Teilen Deutschlands herrscht schönes Sommerwetter, aber in einigen Regionen im Osten und Südosten braut sich etwas zusammen. Statt Sonnenschein kommt Regen vom Himmel, viel Regen. In Zinnwald-Georgenfeld im östlichen Erzgebirge fallen am 12. August 312 Liter Niederschlag pro Quadratmeter - so viel wie sonst in drei Monaten. Auch in anderen Teilen Sachsens, in Bayern und in Tschechien regnet es heftig. Die Folge: Staustufen laufen über, die Pegel der Elbe und ihrer Nebenflüsse steigen sprunghaft an. Kleine Bäche werden zu reißenden Strömen. Zahlreiche Orte und Landstriche werden überflutet.

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14. August 2002: Der Innenhof des Dresdner Zwingers steht unter Wasser. In dem Gebäude befindet sich auch die Gemäldegalerie.

Am schlimmsten trifft es Sachsen. Viele Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten, Menschen müssen mit dem Hubschrauber aus den Wassermassen gerettet werden. In Dresden wälzt sich eine Flutwelle durch den Hauptbahnhof, die Universitätsklinik muss evakuiert werden, viele Gebäude - darunter die Semperoper und die Gemäldegalerie im Zwinger - stehen unter Wasser. Auch Pirna und Meißen werden überflutet. 21 Menschen sterben bei der Katastrophe.

Norddeutschland bereitet sich auf die Flutwelle vor

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Deichplanen und Sandsäcke sollen die Häuser in der Altstadt von Hitzacker vor dem Wasser schützen.

Von Sachsen rollt die Flutwelle über Sachsen-Anhalt und Brandenburg Richtung Norden. Behörden und Anwohner dort sind alarmiert und bereiten sich auf das Schlimmste vor. In Amt Neuhaus erhöhen Helfer die alten DDR-Deiche, die noch nicht vollständig erneuert sind, mit Sandsäcken. In der Elbtalaue werden Campingplätze geräumt und das Vieh von den Weiden getrieben. In Hitzacker sichern die 500 Bewohner der ungesicherten Altstadt ihre Häuser mit Holzplatten, mauern Türen und Fenster zu und bringen Wertgegenstände in höherliegende Etagen. Genauso machen es die Bewohner der Elbstraße im schleswig-holsteinischen Lauenburg. Bürgermeister Harald Heuer hat ein mulmiges Gefühl und befürchtet eine "Katastrophe".

Landkreise lösen Katastrophenalarm aus

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Banges Warten in Lauenburg: Wie hoch wird der Pegel der Elbe steigen? Werden die Deiche halten?

In allen norddeutschen Bundesländern sind Feuerwehr, Bundeswehr und Hilfsorganisationen in Alarmbereitschaft. Die Behörden bereiten Evakuierungspläne vor und verteilen Hunderttausende von Sandsäcken. Gebannt schauen alle auf die steigenden Pegel, in Hitzacker steigt das Wasser etwa zehn Zentimeter pro Stunde. Am 18. August lösen die betroffenen Landkreise Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein), Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) sowie Lüneburg und Lüchow-Dannenberg (Niedersachen) Katastrophenalarm aus.

Das Wasser kommt, die Deiche halten

Am 21. August erreicht die Flutwelle zunächst Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, wenig später auch Schleswig-Holstein. Das Wasser steigt aber nicht so hoch wie befürchtet. Dennoch werden die Elbdörfer in Mecklenburg-Vorpommern zwischen Dömitz und Boizenburg, einige umliegende Dörfer und Amt Neuhaus evakuiert, weil die Behörden mit Deichbrüchen rechnen. Auch die Bewohner der Lauenburger Unterstadt werden aufgefordert, ihre Häuser verlassen. In Hamburg müssen lediglich in den Vier- und Marschlanden einige Bewohner ihre Sommerhäuser räumen. Die Stadt selbst ist nicht vom Hochwasser bedroht, weil die Elbe hinter dem Stauwehr in Geesthacht breiter und tiefer wird und die ausgedehnten Wasserflächen des Hafens dem Wasser genügend Raum bieten, um sich zu verteilen.

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Mit Hundertausenden von Sandsäcken gelingt es Soldaten und freiwilligen Helfern, die Deiche zu sichern.

Dagegen steht die ungeschützte Altstadt von Hitzacker am 22. August etwa 1,50 Meter unter Wasser. Obwohl die Pegel nun nicht mehr steigen, ist die Anspannung in den Gemeinden an der Elbe und ihren Nebenflüssen weiterhin groß, denn das Wasser drückt gegen die aufgeweichten Deiche. An vielen Stellen - etwa zwischen Dömitz und Boizenburg - sickert es durch, Hilfskräfte bessern die Stellen aus. Lediglich in dem 26-Seelen-Ort Laasche im Landkreis Lüchow-Dannenberg sind die Mühen vergebens - dort bricht der Deich und überflutet die Ortschaft. Ansonsten halten die Deiche dem Druck stand - nicht nur, weil sich die Flutwelle langsam abschwächt, sondern auch, weil in Brandenburg und Sachsen-Anhalt fünf Havelpolder geöffnet wurden und dort Wasser abfließen konnte. Ab 25. August fallen die Pegel schneller als erwartet, sodass die Landkreise bereits am 27. August den Katastrophenalarm aufheben können.

Immense Schäden, hohes Spendenaufkommen

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Das Hochwasser - hier in Hitzacker - richtet einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden an.

Zerstörte Straßen und Eisenbahnbrücken, beschädigte Deiche, Wohn- und Gewerbegebäude, Felder, deren Ernte nicht mehr verwertbar ist: Das Elbehochwasser 2002 ist bis heute die teuerste Naturkatastrophe in der deutschen Geschichte. 11,6 Milliarden Euro beträgt der Gesamtschaden - eine immense Summe, davon entfallen allein 8,6 Milliarden auf Schäden in Sachsen. Nur ein kleiner Teil davon ist durch Versicherungen abgedeckt. Ohne Unterstützung stehen die betroffenen Haushalte, Firmen und Landwirte allerdings nicht da, sie erhalten Soforthilfe, um über die Runden zu kommen und die schlimmsten Schäden zu beseitigen. Zehn Milliarden Euro stellen Bund, Länder, Gemeinden und die EU zur Verfügung. Bund und Länder verschieben die zweite Stufe der Steuerreform um ein Jahr von 2003 auf 2004. Rund 7,1 Milliarden Euro kommen so für den Fonds "Aufbauhilfe" zusammen.

Auch die Spendenbereitschaft ist enorm: Ob Firmen, Vereine oder Privatleute - alle zeigen sich solidarisch. "Ich habe mich dazu entschieden, eine Spende zu leisten, und hoffe, dass sich mir einige anschließen werden", sagt Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher und gibt eine Million für die Flutopfer. Viele tun es ihm gleich. Selbst aus dem Ausland kommt finanzielle Hilfe. Das Deutsche Rote Kreuz sammelt in der größten Spendenaktion seiner Geschichte rund 146 Millionen Euro von über 1,3 Millionen Spendern. Insgesamt gehen auf den verschiedenen Spendenkonten gut 500 Millionen Euro ein.

Ist der Hochwasserschutz heute ausreichend?

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An der Elbpromenade in Hitzacker zeigen Markierungen an, wie hoch das Wasser hier bei Überflutungen in der Vergangenheit stand.

Nach der Katastrophe stellt sich nicht nur die Frage nach der Schadenregulierung, sondern auch die nach den Ursachen. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Für viele Umweltexperten und Politiker steht fest: Der Mensch trägt mit seinen Eingriffen in die Natur maßgeblich dazu bei. Begradigte Flussläufe, immer mehr versiegelte Flächen, Bodenerosion und die Abholzung von Wäldern begünstigen Naturkatastrophen wie das Elbehochwasser 2002.

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Nach der Flut wurde viel Geld in den Bau und die Erneuerung von Deichen, Mauern und Rückhaltebecken investiert und das Meldesystem verbessert. Aber reicht das aus, um künftige Flutkatastrophen zu vermeiden? Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zieht zehn Jahre nach der Flut eine kritische Bilanz: "Bundesregierung und Elbanrainer-Länderregierungen haben nach der Jahrhundertflut 2002 vor der Presse versprochen, den Flüssen mehr Raum zu geben. Und kaum hatten sie den Presseraum verlassen, war das Versprechen schon vergessen", sagt BUND-Vorsitzender Hubert Weiger. Sämtliche bisher umgesetzten Maßnahmen könnten die Wassermassen von 2002 bei Weitem nicht aufnehmen.

Überschwemmungen können in Zukunft zunehmen

Auch die deutsche Versicherungswirtschaft ist wenig optimistisch, sie erwartet eine deutliche Zunahme an Katastrophenschäden. Laut einer Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft muss Deutschland schon in den nächsten 30 Jahren mit einem Anstieg an Überschwemmungen rechnen. Ein Hochwasser, wie es heute statistisch alle 50 Jahre vorkommt, könne in drei Jahrzehnten schon alle 20 Jahre auftreten. Grund dafür sei der Klimawandel.

Karte: Hier rollte die Flutwelle im Norden

 

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Hallo Niedersachsen | 12.08.2012 | 19:30 Uhr

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