Sendedatum: 03.06.2000 19:00 Uhr  | Archiv

"Niemand ist aus Vergnügen weggegangen"

von Bert Lingnau
Kartoffelernte in der DDR, 1967. © picture-alliance/ ZB Foto: Dieter Demme
Kartoffelernte in der DDR.

Seit den Dreißigerjahren leben Heinrich und Johanne Traue mit ihren fünf Kindern in dem Dorf Carpin im Süden Mecklenburg-Vorpommerns. Ihr 60 Hektar großer Bauernhof bringt gute Erträge - bis im Mai 1945 die Rote Armee einmarschiert und ihren Viehbestand stark dezimiert. "Wir hatten buchstäblich nur noch Hund und Katze, selbst der Storch auf dem Dach war erschossen", erinnert sich Helga, die jüngste Tochter.

Ob Getreide, Eier, Zuckerrüben oder Schafswolle - das staatlich auferlegte Ablieferungssoll für landwirtschaftliche Produkte, mit dem die Versorgung der Bevölkerung gesichert werden soll, kann die Familie nicht mehr erfüllen. Sie erhält erste Verwarnungen. Im November 1946 spitzt sich die Lage zu: Ablieferungskommissionen durchsuchen die Carpiner Höfe und inhaftieren mehrere Bauern, auch Heinrich Traue und seinen Sohn Joachim.

Haft, Enteignung, Vertreibung

Im Schnellverfahren findet die Verhandlung vor dem Landgericht Güstrow statt. "Wirtschaftssabotage" lautet der Vorwurf gegen Vater und Sohn. Das Urteil wird rasch gesprochen: Heinrich Traue erhält acht Jahre Gefängnis, sein Sohn sechs. Nach einer Revision des Prozesses, bei dem ein Westberliner Anwalt hilft, wird das Strafmaß auf fünf und dreieinhalb Jahre reduziert. Heinrich und Joachim Traue werden in völlig überfüllte Zellen gesteckt. Die Haft zerstört die Gesundheit des fast 70-jährigen Vaters. Im August 1949 hat das Gnadengesuch der Familie Erfolg: Nach zwei Jahren und neun Monaten werden Vater und Sohn vorzeitig entlassen.

Justizvollzugsanstalt Neustrelitz. © picture-alliance/ ZB Foto: Jens Kalaene
Justizvollzugsanstalt Neustrelitz.

Doch wohin? Die Familie wurde mittlerweile enteignet, der Hof in kleinere Flächen aufgeteilt und an Neusiedler vergeben. Die Traues wohnen nun auf engstem Raum bei Verwandten in Carpin. Dort erhalten sie am 21. Dezember 1949 vom Bürgermeister Besuch - und die Nachricht, dass sie, da mittlerweile enteignet, das Dorf binnen zehn Tagen verlassen müssen. In der Silvesternacht ziehen die Traues mit ihrer wenigen Habe in die 35 Kilometer entfernte Stadt Mirow. Dort wird ihnen eine neue Wohnung in einem düsteren Hinterhof zugewiesen.

"Ich wette, das ist die Stasi"

Helga Traue macht einer Ausbildung zur landwirtschaftlichen Lehrerin. 1950 nimmt sie eine Stelle in der Nähe von Friedland an, später wechselt sie nach Neubrandenburg. Dort wird ihr im November 1952 mitgeteilt, sie solle im Einwohnermeldeamt erscheinen. Sie bespricht sich mit ihrer Arbeitskollegin. "Wir standen in einem abgedunkelten Zimmer, guckten auf die Straße, und da sagt sie: 'Ich weiß, was das ist. Guck mal da runter, da gehen zwei Männer immer auf und ab. Ich wette, das ist die Stasi.'"

Die Arbeitskollegin liegt richtig. Am nächsten Tag wird Helga Traue von einem kleinen, freundlichen Mann im Einwohnermeldeamt empfangen. Er stellt ihr den Posten einer Schulleiterin in Aussicht, wenn sie mithelfe, Staatsfeinde ausfindig zu machen. Helga Traue wagt es nicht, abzulehnen. Der fremde Mann diktiert ihr Wort für Wort eine Verpflichtungserklärung. Jahrzehnte später findet sie das Schreiben in ihren Stasiakten wieder. Darin heißt es: "Ich, Helga Traue, geboren am 20.7.27 in Bernsdorf in Schlesien, erkläre mich bereit, der Verwaltung der Staatssicherheit im Kampf gegen Feinde der Deutschen Demokratischen Republik zu helfen und zu unterstützen. […] Ich bin mir bewusst, dass ich bei Brechung meiner Schweigepflicht zur Verantwortung gezogen werde."

Noch während des Schreibens fasst Helga Traue einen Entschluss: Sie muss fort. "Schon bei der Überschrift, bei dem Wort 'Verpflichtung', da begann es in meinem Hirn wirklich hart zu arbeiten. Und mir war klar: Ich kann das, was ich mir vorgenommen habe, nämlich hier in Mecklenburg zu bleiben, bei den Eltern zu bleiben, für die Eltern zu sorgen, nicht durchhalten. Dieses hier ist einfach das Zeichen dafür, dass ich weggehen muss."

Flucht in den Westen

Regale mit Akten des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit. © Gero Breloer Foto: Gero Breloer
Regale mit Akten des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit.

Schon bald bekommt sie ihren ersten Auftrag: Sie soll einen ehemaligen Mithäftling ihres Vaters in Berlin bespitzeln. Am 22. November 1952 reist sie in die Hauptstadt. Ein Stasi-Mitarbeiter verfolgt sie bis zum Zug, in dem Glauben, sie fahre, wie verabredet, im Auftrag der Staatssicherheit. Am Berliner Ostbahnhof angekommen, taucht sie in der Menschenmenge unter und läuft zur S-Bahn. "Unbeschreiblich war die Erleichterung, als ich wusste, ich bin im französischen Sektor", erinnert sie sich.

Am 13. Januar 1953 wird sie nach Hannover ausgeflogen. Kurz darauf setzt die Staatssicherheit ihren Vater, der noch immer in Mirow lebt, unter Druck, er solle seine Tochter dazu bewegen, zurückzukehren - anderenfalls müsse er den Rest seiner Haftstrafe noch absitzen. Von diesen Drohungen berichtet Heinrich Traue seiner Tochter später. Und auch, wie er daraufhin ein Foto aus seiner Brusttasche gezogen und gesagt habe: "Schauen Sie dieses Mädchen an. Für dieses Mädchen und dessen Freiheit sitze ich gerne den Rest meines Lebens ab." Bis zu seinem Tod 1957 lebt Heinrich Traue in Mirow. Seine Frau siedelt kurz vor dem Mauerbau in den Westen über.

Nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung 1990 zieht es Helga, die inzwischen Rutzenhöfer mit Nachnamen heißt, zurück nach Carpin. Sie hat zwei Ziele: die Rehabilitierung von Vater und Bruder und die Rückübertragung des elterlichen Hofes. Die Rehabilitierungen erfolgen im März 1993, doch bei der Rückgabe des Landes gibt es Probleme. Ihre Forderungen sorgen für Unruhe unter den Carpiner Einwohnern, vor allem unter denen, die nun um ihren Besitz fürchten müssen. Da das Grundstück in viele kleine Parzellen aufgeteilt und verkauft wurde, sind über zwanzig Familien betroffen. Die Einheimischen halten die Ansprüche der "Westlerin" für maßlos und glauben, sie sei damals freiwillig in den "fetten Westen" gezogen.

Verhärtete Fronten

Viele enteignete Höfe wurden in kleinere Grundstücke aufgeteilt und verkauft.  Foto: Theodor de Vries, Nenndorf
Viele enteignete Höfe wurden in kleinere Grundstücke aufgeteilt und verkauft.

Doch Helga Rutzenhöfer bleibt bei ihrem Entschluss: "Wir können nicht einfach das achtlos liegen lassen, wofür unsere Eltern gearbeitet haben, was ihnen auf diese schreckliche Art und Weise genommen wurde. Wenn der Gesetzgeber einem die Möglichkeit gibt, davon etwas zurückzubekommen, so empfinde ich das als meine Pflicht, das in Anspruch zu nehmen." 1994 werden ihr 35 Hektar von der einstigen Wirtschaft rückübertragen. Sie zieht zurück nach Carpin und hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

Es dauert Jahre, bis es eine erste Annäherung gibt. Im Mai 1998 trifft sich Helga Rutzenhöfer mit zwei Carpinern, deren Land von der Rückübertragung betroffen ist. Sie zeigt ihnen alte Dokumente: die Ausweisung der Familie aus dem Dorf sowie ihre Verpflichtung zur Mitarbeit bei der Stasi. Die beiden Männer reagieren verblüfft. Einer sagt: "Ich bin ganz wütend auf die alten Carpiner, die mussten das doch wissen. Warum hat uns keiner erzählt, was hier geschehen ist?'" Nach dieser Begegnung kommt es zu einer gewissen Entspannung zwischen der Heimkehrerin und den Bewohnern im Dorf.

"Niemand ist aus Vergnügen weggegangen"

Helga Rutzenhöfer will, dass Heimkehrer und Daheimgebliebene miteinander ins Gespräch kommen: "Niemand ist aus Vergnügen weggegangen. Die meisten haben sich die Entscheidung bitterschwer gemacht. Viele sind gescheitert drüben. Und das ist mein Anliegen, dass man voneinander etwas erfährt. Das ist das Einfachste der Welt, finde ich, dass man mal fragt, wie ist es dir gegangen, wie bist du überhaupt zurechtgekommen, was denkt und empfindet man dann, wenn man kein Zuhause hat?" Doch Helga Rutzenhöfer macht sich keine Illusionen. Die Leute im Dorf werden ihr, auch wenn sie über das wahre Schicksal der Familie aufgeklärt sind, nicht gerade um den Hals fallen.

Downloads

"Niemand ist aus Vergnügen weggegangen" - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (124 KB)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.06.2000 | 19:00 Uhr

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