VIDEO: EXODUS: Reise von 4.500 Holocaust-Überlebenden (44 Min)

"Exodus 1947": Briten internieren Holocaust-Überlebende bei Lübeck

Stand: 09.09.2022 08:57 Uhr

Am 8. September 1947 verweigern die Briten 4.500 Holocaust-Überlebende die Einreise nach Palästina und bringen sie in ein Lager bei Lübeck. Die weltweite Empörung darüber beschleunigt die Gründung Israels.

von Irene Altenmüller

Sie sind dem Nazi-Grauen entkommen und hoffen nun auf einen Neuanfang und eine friedliche Zukunft: Am 11. Juli 1947 verlassen 4.515 jüdische Geflüchtete, darunter Hunderte Kinder, den Hafen von Sète in Südfrankreich an Bord der "President Warfield". Ihr Ziel: Palästina, das sich bereits über Jahre zum Zufluchtsort für geflüchtete Juden entwickelt hat.

Briten wollen weitere Einwanderung von Juden verhindern

Palästina steht 1947 noch unter dem Mandat der Briten - und diese wollen die Einwanderung weiterer Jüdinnen und Juden in ihr Mandatsgebiet unbedingt unterbinden. Die Regierung fürchtet um ihren Einfluss in der Region und will die Konflikte mit den Arabern nicht weiter verschärfen. Illegale Einwanderer schieben die Briten regelmäßig ab oder internieren sie in Lagern in Palästina, später auch auf Zypern.

"President Warfield": Drängende Enge, aber gute Stimmung

Illegale jüdische Einwanderer auf dem Schiff Exodus © picture alliance / AP Images
An Bord der "President Warfield" befinden sich Hunderte Kinder und Jugendliche, die meisten von ihnen sind Waisen.

Die Fahrt der "President Warfield" beobachtet der britische Geheimdienst daher genau: Das Schiff, ursprünglich ein für nur rund 400 Menschen ausgelegter US-amerikanischer Vergnügungsdampfer, war von einer jüdischen Untergrundorganisation eigens gechartert und umgebaut worden, um möglichst viele Menschen nach Palästina bringen zu können. Das Risiko, aufgegriffen zu werden, nimmt man damals bewusst in Kauf und geht davon aus, dass die Briten das Schiff wegen der vielen Kinder, Jugendlichen und Alten an Bord schon nicht aufhalten werden. Die drängende Enge an Bord des viel zu kleinen Schiffs ist erdrückend, die Stimmung bei den Passagieren dennoch gut.

Das Schiff wird in "Exodus 1947" umgetauft

"Wir haben gelacht, wir haben gesungen, wir haben getanzt. Für uns war das eine Reise ins Gelobte Land", erinnert sich der 2018 verstorbene Noah Klieger in der NDR Dokumentation "Exodus - Die Reise von 4.500 Holocaust-Überlebenden". Auf See taufen Besatzung und Passagiere die "President Warfield" in einer feierlichen Zeremonie in "Exodus 1947" um, in Anlehnung an den biblischen Auszug der Israeliten aus Ägypten ins Gelobte Land. Sie hissen die weiß-blaue Flagge mit dem Davidstern - die spätere Flagge Israels.

Am 18. Juli 1947 entern Briten die "Exodus"

Doch die Briten sind entschlossen, ein Zeichen gegen die illegale Einwanderung zu setzen. Zunächst versuchen sie, das Schiff auf See zum Umkehren zu zwingen. Als das nicht funktioniert, rammen britische Soldaten die "Exodus" in der Nacht zum 18. Juli und versuchen, das Schiff zu entern. Die Menschen an Bord wehren sich verzweifelt, halten die Eindringlinge mit Holzlatten und Eisenstangen auf, werfen Konservendosen nach den Soldaten. Zahlreiche Menschen werden verletzt, vier sterben: zwei Passagiere, ein Besatzungsmitglied und ein britischer Soldat.

Tausende begrüßen die "Exodus" in Haifa

Jüdische Flüchtlinge unter Deck  der "Exodus" am 18. Juli 1947 bei der Einfahrt in den Hafen von Haifa. © picture-alliance/ dpa Foto: epa/Pinn Hans/Israeli Government Press Office Handout
Die Menschen von der "Exodus" dürfen in Haifa das Schiff nur verlassen, um anschließend an Bord der Gefangenenschiffe zu gehen.

Nach stundenlangen Kämpfen geben die jüdischen Flüchtlinge auf. Die Briten übernehmen das Schiff und lenken es in den Hafen von Haifa. Dort empfangen Tausende Menschen die "Exodus", gemeinsam mit den Geflüchteten an Bord stimmen sie die haTikwa, die jüdische Freiheitshymne an, die spätere Nationalhymne des Staates Israel. Reporter und Kamerateams sind vor Ort, ihre Bilder und Berichte gehen um die Welt.

"Wir waren so nah und hatten es doch nicht geschafft"

Doch die Menschen an Bord der "Exodus", die den Holocaust überlebt und in Europa alles verloren haben, dürfen nicht einreisen. Stattdessen bringt man sie auf drei Gefangenenschiffe. "Es war wie in der Bibel bei Moses, der das Gelobte Land sah, aber nicht betreten durfte. Wir waren so nah und hatten es doch nicht geschafft", so Jitzchak Birn in der "Exodus"-Dokumentation, der damals als Waisenkind allein an Bord war.

Noch am selben Tag legen die Schiffe ab und bringen die verzweifelten Menschen zunächst zurück nach Frankreich. Nur wenige alte und gebrechliche Passagiere geben dort auf und gehen von Bord, die anderen weigern sich. Daraufhin entschließen sich die Briten zu einem fatalen Schritt: Sie bringen die Geflüchteten nach Deutschland - ausgerechnet ins Land der Nazi-Mörder.

8. September 1947: Jüdische Geflüchtete landen in Hamburg

Jüdische Flüchtlinge werden unter Anwendung von Gewalt am 8. September 1947 von Bord eines Gefangenen Schiffs gebracht. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Als sich mehrere jüdische Geflüchtete weigern, von Bord zu gehen, tragen die Briten sie gewaltsam von Bord.

"Es waren so viele, die aus den Vernichtungslagern kamen. Und jetzt sollten sie zurück in das Land, aus dem sie gerade entkommen waren", erinnert sich Arie Itamar, der die Ereignisse an Bord damals als Kind erlebt. Am 8. September 1947 legen die Schiffe in Hamburger Hafen an. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit werden die Juden und Jüdinnen, teils unter Gewaltanwendung, von Bord gebracht.

In vergitterten Zügen transportieren die Briten die Menschen nach Lübeck. "Dieser Zug mit Gittern davor erinnerte viele an die Deportationszüge nach Auschwitz", so Arie Itamar. "Ich weiß nicht ob, die britische Regierung uns dafür bestrafen wollte, dass wir auf der 'Exodus' gefahren sind. Vielleicht war es auch einfach ein Mangel an Sensibilität."

"Zurück in Nazi-Deutschland"

Juden und Jüdinnen von der "Exodus" auf dem Weg ein Lübecker Lager 1947. © picture alliance / Everett Collection
Die Briten bringen die Menschen in vergitterten Zügen nach Lübeck - ein Alptraum für die Holocaust-Überlebenden.

In Lübeck angekommen, ist der Widerstand der Flüchtlinge gebrochen. Sie werden auf Lkw verladen und in das Lager Pöppendorf im Waldeshusener Forst gebracht. Elf Wachtürme, ein zwei Meter breiter Stacheldrahtzaun, Scheinwerfer mit Flutlicht und patrouillierende Soldaten sichern es. "Ich hatte das Gefühl, wieder zurück in Nazi-Deutschland zu sein. Hunde, Stacheldraht und dauernd diese Maschinenpistolen. Das einzige, was sie nicht getan haben: Sie haben uns nicht umgebracht", so Zeitzeuge Shaya Hasit.

Weltweite Empörung über britisches Vorgehen

Der britische Umgang mit den Holocaust-Überlebenden ruft weltweit Entrüstung hervor. "Erst durch diese Ereignisse entstand eine Wahrnehmung für die Probleme der jüdischen Flüchtlinge", so der Historiker Simon Waldman. "Zugleich war die Idee der Briten, man könne die illegale Einwanderung stoppen, indem man die Flüchtlinge einfach zurückschickt, spektakulär gescheitert."

Jüdische Geflüchtete werden international zum Thema

Das Problem der jüdischen "Displaced Persons" wird zum Thema der internationalen Politik. US-Präsident Harry S. Truman schaltet sich persönlich ein, um die britische Regierung zum Einlenken zu bewegen, in New York gehen Tausende auf die Straßen und demonstrieren gegen die harte Linie der Briten. Bis zum 5. November 1947 halten sie die Holocaust-Überlebenden im Lager Pöppendorf fest.

29. November 1947: UN-Mehrheit für jüdischen Staat

Immer mehr Länder unterstützen nun die jüdischen Pläne für einen eigenen Staat. Am 29. November 1947 stimmt schließlich eine Mehrheit der Vereinten Nationen der Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu. Damit ist der Weg frei: Am 14. Mai 1948 ziehen sich sich letzten britischen Streitkräfte aus Palästina zurück, die Gründung des Staates Israel wird ausgerufen.

Frieden kehrt mit diesem Schritt jedoch nicht ein in die Region: Palästinenser und jüdische Einwanderer bauen ihre Fronten aus, auch mit militärischen Mitteln. "Ich kam vom einen Krieg in den nächsten", so das Fazit der "Exodus"-Passagierin Henia Marcus. Gleich im ersten Krieg Israels gegen die Araber stirbt ihr Bruder.

"Exodus": Teil des Gründungsmythos Israels

Geflüchtete jüdische Kinder von der "Exodus" hinter Stacheldraht in einem Lübecker Lager 1947. © picture alliance / akg-images
Die Bilder der "Exodus"-Flüchtlinge gingen um die Welt - und beeinflussten die weltweite Stimmung zugunsten eines jüdischen Staats.

Viele Historiker gehen davon aus, dass das Schicksal der "Exodus"-Flüchtlinge mit dazu beigetragen hat, dass sich die internationale Stimmung zugunsten eines eigenen jüdischen Staats drehte und so die Gründung des israelischen Staats beschleunigte. Die Geschehnisse rund um die "Exodus" gingen in den Gründungsmythos Israels ein und sind dort heute Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Bronzetafel in Hamburger Hafen erinnert an die "Exodus"

In Deutschland erinnert dagegen kaum etwas an das Schicksal der "Exodus"-Flüchtlinge. An den Hamburger Landungsbrücken erinnert lediglich eine unscheinbare Bronze-Tafel an das Drama, das sich am 8. September 1947 im Hafen abspielte. Keine Gedenkstätte erinnert im Waldeshusener Forst an das Lager, in dem Tausende jüdische Menschen und Holocaust-Überlebende nur zwei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes erneut auf deutschen Boden gefangen gehalten wurden.

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Unsere Geschichte | 03.07.2022 | 23:45 Uhr

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