Stand: 20.03.2018 00:01 Uhr

Die 68er und die Frauen

von Guido Pauling

Die 68er-Jahre werden heutzutage im Westen meist auf nur zwei Arten betrachtet: nostalgisch oder ablehnend. Man war dabei - oder war dagegen gewesen. Allen voran: die Männer. Dutschke versus Springer, Ohnesorg versus Schah - das war die vorherrschende Perspektive. Später dann der Kampf im Rückblick: Kohl und Strauß versus Schröder und Fischer. Die Sicht der Frauen auf die Ära '68? Fehlanzeige. Im öffentlichen Diskurs spielte und spielt die weibliche Perspektive '68 kaum eine Rolle. Dabei hatte es einer der bekanntesten Musiker der 60er- und 70er-Jahre seinen männlichen Zeitgenossen ins Gesicht geschrien. Man hätte ihm nur mal zuhören müssen.

Frauen marschieren bei einer Demonstration 1968 und schieben dabei Kinderwagen vor sich her © imago / ZUMA / Keystone
1968 gehen Mütter mit ihren Kindern auf eine Demonstration.

Ende April 1972 veröffentlichte Ex-Beatle John Lennon in den USA eine neue Single; wieder ein Song, den er mit seiner Frau Yoko Ono geschrieben hatte. Die Botschaft war drastisch: "Die Frau ist der Nigger der Welt." Mit diesem Zitat seiner Frau Yoko Ono wollte der Provokateur Lennon klar machen, wie diskriminiert, wie gering geschätzt Frauen in der westlichen Nach-68er-Gesellschaft immer noch waren. Doch er wurde missverstanden - mit Absicht oder aus Dummheit. Das böse Wort "Nigger" durfte in Amerika nicht benutzt werden; viele US-Radiosender weigerten sich, den Song zu spielen. Anders gesagt: Nicht nur die Reaktionäre, auch die von ihrer gesellschaftsverändernden Großartigkeit überzeugten 68er weigerten sich, zuzuhören und Lennons Botschaft zu verstehen.

Weißer Mann als Stereotyp im gesellschaftlichen Ringkampf

"Offensichtlich gab's ein paar Leute, die seltsam darauf reagiert haben, aber die waren gewöhnlich weiß und männlich!", kommentierte Lennon sarkastisch. Erstaunlich, wie aktuell das heutzutage klingt, wo der weiße Mann wieder ein Stereotyp im gesellschaftlichen Ringkampf ist - und zwar nicht bloß als Bezeichnung für einen Konservativen, sondern überhaupt für "den typischen Westler" - und damit auch für die angeblich so freigeistigen 68er.

Autorenfoto Christina von Hodenberg © Rob Haines Foto: Rob Haines
Kritisiert die Sicht auf die einseitige sexuelle Revolution der 1960er-Jahre: die Historikerin Christina von Hodenberg.

"Die sexuelle Revolution der 60er-Jahre war erst mal nur für die Männer da. Also es ging darum, dass die Männer Promiskuität leben dürften", sagt die Historikerin Christina von Hodenberg in einem aktuellen Interview für die ARD-Sendung "titel, thesen, temperamente". Lennon stellt schon Anfang der 70er ernüchtert fest: "Wir lassen sie ihr Gesicht anmalen und tanzen. Doch wenn sie kein Sklave sein will, sagen wir, dass sie uns nicht liebt".

Gründung erster selbstverwalteter Kindergärten

Eine Anklage der Macho-Männerwelt - wohlgemerkt in der Wir-Form. Selbstkritisch betrachtet Lennon sich und seinen Blick auf Cynthia, seine erste Frau - und beurteilt das Verhalten nahezu aller Männer seiner Generation, die sich links fühlt und für etwas Besseres hält als die Generation der Väter: "Wir lassen sie unsere Kinder austragen und aufziehen, und dann verlassen wir ihre Wohnung, weil sie eine fette Glucke ist. Wir sagen ihr, ihr Platz sei zu Hause. Und dann beschweren wir uns, dass sie zu weltfremd ist, um eine echte Freundin zu sein."

Tatsächlich gab es gesellschaftliche Veränderung durch Frauen. Doch wer denkt 50 Jahre später an selbstverwaltete Kindergärten, wenn auf "die 68er" geblickt wird? Das herkömmliche 68er-Bild hat weiße Flecken; es verkennt die Leistungen vieler Frauen für eine andere Gesellschaft - erkämpft gegen die politisierenden eigenen Männer. So sagt die emeritierte Professorin und ehemalige 68er-Aktivistin Susanne Schunter-Kleemann mit dem wehmütigen Wissen einer Zeitzeugin: "Ich freue mich immer, wenn ich heute auf der Straße einen Vater mit Kinderwagen sehe: Das gab's damals nicht. Es war einfach eine andere Rollenauffassung."

Lennon besingt diese Rollenauffassung schon 1972 - und kein Mann will die Zeile gerne hören: "Wenn du mir nicht glaubst, schau dir die an, mit der du zusammen bist!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.03.2018 | 14:20 Uhr

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