Das Großsteingrab "Heidenopfertisch" im niedersächsischen Visbek. © picture alliance/imagebroker Foto: W. Rolfes

Das Geheimnis der Hünengräber in Norddeutschland

Stand: 19.08.2022 05:00 Uhr

In zahlreichen Wäldern Norddeutschlands trifft man auf Ansammlungen tonnenschwerer Findlinge, die aus der Jungsteinzeit stammen. Ob die Hünengräber wirklich Ausdruck eines Totenkults sind, ist umstritten.

Manchmal sind sie kreisrund, manchmal haben sie eine längliche Form, nicht immer sind sie mit einem Deckstein versehen. Mal sind die riesigen Steine von einem Erdwall umgeben - mal unter Sand, Moos und Blättern halb verschüttet. Diese Findlingsgruppen in norddeutschen Wäldern haben Jahrtausende überdauert und zeugen von einer jungsteinzeitlichen Kultur im Norden - rund 3.000 Jahre vor Christus.

Hünengräber: Grabanlagen oder mystische Orte?

Was hat es mit diesen Steinsetzungen auf sich? Der volkstümliche Name "Hünengrab" oder niederdeutsch "Hunebedden" ("Riesenbetten") verweist auf Objekte eines urzeitlichen Totenkults: Zwischen den gigantischen Steinen könnten die Verstorbenen eine letzte Heimstatt gefunden haben.

Doch haben Forscher selten Knochenreste in den Anlagen gefunden - und wenn überhaupt, dann niemals ein ganzes Skelett. Deshalb sprechen Wissenschaftler heute lieber neutral von Dolmen (das ist bretonisch für "Steintisch" und wird international als Fachbegriff verwendet) oder Megalithanlagen (aus griechisch "mega": groß, "lithos": Stein).

VIDEO: NDR Retro: Das Hünengrab in der Ahlhorner Heide (stumm) (2 Min)

"Offensichtlich standen die Menschen im 4. Jahrtausend vor Christus in einer Stresssituation: Vielleicht war es die Notwendigkeit, durch solche Großsteinanlagen, die ja die Landschaft bestimmten, Territorien zu kennzeichnen und sich gegen andere Clans abzugrenzen", mutmaßt Claus von Carnap-Bornheim vom Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf vor einigen Jahren im Gespräch mit dem NDR. "Möglicherweise fühlten sie sich aber auch den Göttern gegenüber dazu verpflichtet."

Museum
Rekonstruierte steinzeitliche Gebäude auf dem Gelände des Steinzeitparks in Albersdorf. © Steinzeitpark Dithmarschen

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Muskelkraft und die Gesetze der Physik

In jedem Fall war das Aufstellen der tonnenschweren Riesensteine eine enorme Gemeinschaftsleistung. Die Großsteinanlagen entstanden in der Hochphase der sogenannten Trichterbecherkultur: Gerade war der Steinzeitmensch sesshaft geworden, hatte mit Ackerbau und Viehzucht begonnen, gerade war auch das Rad erfunden worden.

Ohne die Ausnutzung simpler Gesetze der Physik wäre das Bewegen der gigantischen Steine undenkbar gewesen. Mit Seilen zogen unsere Vorfahren die Findlinge, wuchteten sie auf Baumstämme, die als Schienen und Rollen dienten. Zum Aufrichten nutzten sie eine Kombination von Muskelkraft und Hebelwirkung. Die Decksteine ließen sich über eine angeschüttete Rampe hochbefördern.

Hünengrab ist nicht gleich Hügelgrab

Großdolmen, Polygonaldolmen, Urdolmen, Ganggräber: Wissenschaftler haben die Anlagen nach wiederkehrenden Baumustern typisiert. Begriffsverwirrung herrscht jedoch manchmal selbst in amtlichen Karten - nicht selten werden die Hünengräber mit den in ganz Mitteleuropa vorkommenden Hügelgräbern verwechselt, die aus der Bronze- oder Eisenzeit datieren. Hügelgräber jedoch bestehen ausschließlich aus Erdmaterial.

Heutige Spuren alter Kulturen

Laut Claus von Carnap-Bornheim ist um 3500 v. Chr. pro Monat in Schleswig-Holstein eine Megalithanlage errichtet worden. Die Mehrzahl der in Südskandinavien und der norddeutschen Tiefebene - von der Weichsel bis in die östlichen Niederlande - errichteten Anlagen entstand in der mittleren Jungsteinzeit zwischen 3500 und 2800 v. Chr.

Ein Großsteingrab im Waldhusener Forst bei Lübeck. © NDR Foto: Maxi Schmeißer
Die mächtigen Felsblöcke der Großsteingräber haben Jahrtausende überdauert.

Knapp 900 Megalithanlagen sind noch in Deutschland zu finden, ein Bruchteil des einstigen Bestands. Manche der Steine bilden heute Kirchenmauern, zahlreiche Findlinge verschwanden mit der einsetzenden Industrialisierung beim Hafen- und Straßenbau. Auch wo sie beim Bestellen der Felder störten, mussten die Steinsetzungen weichen. Eine komplette Megalithanlage bei Quitzerow (Kreis Demmin) wurde 1924/25 abgetragen, um aus den Steinen ein Kriegerdenkmal zu errichten. Schätzungen zufolge ist nur noch ein Sechstel der jungsteinzeitlichen Bauwerke mehr oder minder erhalten.

Dennoch gibt es überall im Norden Zeichen unserer Vorfahren zu entdecken. Die "Straße der Megalithkultur", die sich 330 Kilometer lang durch das westliche Niedersachsen windet, verbindet zwischen Osnabrück und Oldenburg allein 70 solcher Großsteingräber.

Großsteingräber im Landkreis Lüneburg

Ein eindrucksvolles Beispiel sind auch die "Sieben Steinhäuser" bei Fallingbostel in der Lüneburger Heide. Menschen, die im norddeutschen Flachland die bäuerliche Wirtschaftsform einführten, errichteten diese fünf Großsteingräber um 3000 vor Christus. Sie gehören zu den meistbesuchten archäologischen Denkmälern Norddeutschlands. Andere bekannte Steingräber im Landkreis Lüneburg sind im Schieringer Forst bei Barskamp, auf dem Strietberg oder in der Totenstatt bei Oldendorf/Luhe zu finden. Das Archäologische Museum in Oldendorf/Luhe informiert über die sechs Grabstätten, die an einem Rundwanderweg liegen.

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