Stand: 27.12.2013 11:55 Uhr  - Hallo Niedersachsen  | Archiv

Als Borkum einen Antisemiten als Pastor hatte

von Carsten Valk

Er wusste, worauf er sich einlässt. Als Pastor Jörg Schulze 2011 auf die Insel Borkum kommt, um dort die evangelisch-lutherische Kirche zu leiten, kennt er die traurige Geschichte bereits: Einer seiner Vorgänger war ein glühend-fanatischer Antisemit. Nicht erst, wie man vermuten könnte, in den 30er-Jahren, als die Nazis an die Macht kamen, sondern von 1920 bis 1926. "Ein schweres Erbe", wie Schulze sagt.

Lange ist auf der Insel über dieses Thema geschwiegen worden. Zwar waren die Fakten bekannt, auch ein Taschenbuch zum Thema "Bäder-Antisemitismus" hat es bereits gegeben. Doch ein breiter Diskurs setzt erst ein, als ein Arbeitskreis der Gemeinde sich mit dem Thema 2011 ausführlich auseinandersetzt.

Spuren des Antisemitismus auf Borkum

Pastor Münchmeyer streitet für alles, was deutsch ist

Man mag sich irritiert die Augen reiben: Gerade ein Pastor, der rechtsextremes Gedankengut propagiert? Es war tatsächlich so: Pastor Ludwig Münchmeyer streitet für alles, was deutsch ist. Er verfasst rechtsextreme Schriften. Ob sonntags in der Messe oder wochentags auf deutschen Abenden: Er hält Vorträge mit Titeln wie diesen: "Borkum, der Nordsee schönste Zier, bleibt du von Juden rein". Er kämpft energisch für "deutsche Bezeichnungen" auf den Speisekarten. Man könnte meinen, dass Münchmeyer Anfang der 20er-Jahre mit dieser Haltung noch in der Minderheit ist - gerade und besonders als Pastor. Doch die Stimmung auf der Insel Borkum ist zu diesem Zeitpunkt schon deutlich nationalistischer geprägt als in vielen anderen Teilen des Reiches.

Antisemitsche Texte im "Borkumlied" und auf Postkarten

Jeden Tag spielt die Kurkapelle im Musikpavillon direkt am Strand das "Borkumlied": Zur Melodie des Kaiser-Marsches werden darin niedrigste, antijüdische Klischees bedient:

"An Borkums Strand nur Deutschtum gilt
nur Deutsch ist das Panier (…)
Doch wer dir naht mit platten Füßen,
mit Nasen krumm und Haaren kraus,
der soll nicht deinen Strand genießen,
der muss hinaus! Der muss hinaus! Hinaus!"

Viele Urlaubsgäste kennen den Text; auf zahlreichen Postkarten ist er abgedruckt. Gesungen wird er beim allabendlichen Kurkonzert - lange vor 1933.

In den Hotels der Insel das gleiche Bild: Viele werben damit, "judenfrei" zu sein. "Die Juden wurden bereits im Vorfeld einer Borkumreise gewarnt. In der Badezeitung hieß es, Juden müssten sich nicht wundern, wenn sie in unflätiger Weise auf der Insel beschimpft würden", erzählt Pastor Schulze.

Bronzetafel als Gedenken und Mahnung zugleich

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Pastor Jörg Schulze hat sich daran gemacht, die dunkle Geschichte Borkums aufzuarbeiten.

Jahrzehntelang war all dies kein Thema auf Borkum. Jetzt ist es wieder eins. Nicht nur in der Gemeinde von Jörg Schulze, auch bei den Urlaubern wächst das Interesse in den letzten Jahren. Es gibt Vortragsabende, im Juni 2014 wird eine Bronze-Gedenktafel an der evangelischen Kirche aufgehängt. Die Überschrift ist genauso kurz wie unmissverständlich: "Nie wieder".

Vom Pastor zum "Reichsredner"

Und was wurde aus Pastor Münchmeyer? Der sieht sich 1926 gezwungen, sein Amt als Pastor aufzugeben - allerdings nicht wegen seiner politischen Gesinnung. In einem Prozess, der über die Grenzen Borkums hinaus für Aufsehen sorgt, wird ihm nachgewiesen, dass er sich sexuelle Übergriffe hat zuschulden kommen lassen. Und zwar dort, wo es am einfachsten ist: bei den Mädchen seiner Gemeinde. Münchmeyer verlässt Borkum und wird "Reichsredner" der NSDAP. Beim ersten größeren Wahlerfolg der Partei 1930 zieht er als Abgeordneter in den Reichstag ein.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.07.2013 | 19:30 Uhr

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