Stand: 01.09.2019 19:30 Uhr  - Hamburg Journal

33 Tage im Kellerverlies - der Fall Reemtsma

von Irene Altenmüller, NDR.de

"Mitternacht; da war der Wald, in dem man mich ausgesetzt hatte, dann war da das Dorf gewesen, das erste Haus, in dem noch Licht brannte, und der darin wohnte, hat mich ohne Wenn und Aber hereinkommen lassen, obwohl ich ihm wie ein sonderbarer Strolch vorgekommen sein muss. Ich habe meine Frau angerufen, gesagt: 'Ich bin's. Ich bin frei.'" Mit diesen Worten hat Jan Philipp Reemtsma die ersten Minuten in Freiheit nach seiner Entführung beschrieben. 33 Tage und Nächte hatte der damals 43-Jährige in einem Kellerverlies verbracht. Am 26. April 1996 ließen ihn die Entführer gegen Zahlung von 30 Millionen D-Mark endlich frei.

Großteil des Lösegelds bis heute verschollen

Die Entführung des Hamburger Literaturwissenschaftlers, Mäzens und Multimillionärs gilt als einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Selten war ein Entführungsopfer so lange in der Hand seiner Entführer, nie wurde so viel Lösegeld bezahlt - 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken. Von der Beute wurden bis heute nur rund 1,5 Millionen Mark sichergestellt. Ein großer Teil dürfte allerdings bei der Geldwäsche und auf der Flucht aufgebraucht worden sein.

Ermittlungen

Fall Reemtsma: "Hohe Todeswahrscheinlichkeit"

Der Chef der damaligen Sonderkommission, Dieter Langendörfer, erinnert sich an die Ermittlungen im Entführungsfall Reemtsma. Video

Verschleppt und in Ketten gelegt

Die Entführung beginnt am Abend des 25. März 1996. Reemtsma verlässt sein Wohnhaus im Hamburger Stadtteil Blankenese, um sich aus seinem 50 Meter weit entfernten Arbeitshaus ein Buch zu holen. Auf dem Weg dorthin fangen ihn die Täter ab. Sie schlagen ihn nieder, verbinden ihm die Augen mit Klebeband und bringen ihn in ein eigens für die Entführung angemietetes Haus in Garlstedt im Landkreis Osterholz nördlich von Bremen. Dort legen sie ihr Opfer in Ketten. In dem Raum befinden sich nur ein Tisch, ein Stuhl, eine Matratze und ein Campingklo. Bevor die Täter zu Reemtsma hereinkommen, klopfen sie. Dann muss er sein Gesicht auf die Matratze drücken. Um später nicht wieder erkannt zu werden, redet der Kopf der Entführer, Thomas Drach, nur auf Englisch mit Reemtsma.

Hamburg damals: Die Reemtsma-Entführung

Hamburg Journal -

Vor 20 Jahren wurde der letzte Entführer des Millionenerben Jan Philipp Reemtsma verurteilt. Der Fall sorgte jedoch weiter für Schlagzeilen - und wirft Schatten bis in die Gegenwart.

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Der Erpresserbrief - mit einer Handgranate beschwert

Noch am Abend der Entführung findet Reemtsmas Ehefrau Ann Kathrin Scheerer einen Erpresserbrief. Er ist auf einer Mauer vor ihrem Haus abgelegt und mit einer Handgranate beschwert. Darin fordern die Entführer 20 Millionen Mark Lösegeld und drohen damit, ihre Geisel zu ermorden, falls Presse oder Polizei eingeschaltet werden sollten. Reemtsmas Frau informiert die Polizei dennoch in derselben Nacht.

Zwei Geldübergaben scheitern

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Ein Polaroidfoto, auf dem ein Erpresser Reemtsma mit einer Kalaschnikow bedroht, ist das erste Lebenszeichen des Entführten.

Zwei Tage später schicken die Entführer ein erstes Lebenszeichen: ein Polaroidfoto ihres verletzten Opfers sowie einen Brief mit Handlungsanweisungen. Schon bald ahnen sie, dass die Polizei informiert ist und drohen in einem weiteren Brief: "Sollte die (Lösegeld)-Übergabe aus polizeitaktischen Gründen scheitern, (...) schneiden wir Herrn Reemtsma einen Finger ab. Eine gebrochene Nase hat er bereits."

Am 3. April um 2.45 Uhr ruft einer der Entführer an, die Stimme verfremdet durch einen Verzerrer. Doch die verabredete Geldübergabe durch Reemtsmas Ehefrau und den zum Geldboten bestimmten Anwalt Gerhard Schwenn scheitert. Erst eine Woche später melden sich die Entführer erneut. Sie lotsen Schwenn am 13. April erst nach Luxemburg, dann auf einen Parkplatz bei Trier, wo Schwenn, wie von den Entführern gefordert, den Geldsack über einen Zaun wirft. Doch Schwenn hat sich verspätet, weil eine mitfahrende Polizeibeamtin ihren Pass vergessen hat. Niemand holt die Millionen ab. Getarnte Polizisten sammeln das Geld am nächsten Morgen wieder ein. Das Bangen um das Opfer beginnt erneut.

Lösegeldübergabe ohne Polizei

Die Entführer beschreiten nun einen neuen Weg. In Absprache mit Jan Philipp Reemtsma nehmen sie Kontakt zu dem Hamburger Pastor Christian Arndt und dem Kieler Soziologieprofessor Lars Clausen auf. Beide sind private Vertraute des Entführten. Sie sollen die Verhandlungen und die Geldübergabe in eigener Regie übernehmen. Die Polizei bleibt diesmal außen vor. Die Lösegeld-Forderung erhöhen die Erpresser auf 30 Millionen.

Am Abend des 24. April brechen Arndt und Clausen mit zwei Reisetaschen auf. Ihr Inhalt: 30 Millionen Mark, ein Teil davon in Schweizer Franken. Bei Krefeld lassen die beiden den Wagen an einem Feldweg zurück. Wenig später melden sich die Entführer: Sie haben das Geld erhalten. Stunden danach bringen die Entführer Reemtsma in einen Wald bei Harburg im südlichen Hamburg. Dort lassen sie ihn frei. Es ist der 26. April 1996, kurz vor Mitternacht.

Die Medien halten still

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Geheime Botschaften: Mit Zeitungs-Annoncen richtet die Polizei sich an die Entführer.

Was in der Öffentlichkeit erst später bekannt wird: Schon kurz nach der Entführung waren bei Journalisten Gerüchte über die Entführung durchgesickert. Polizei und Familie appellieren jedoch an sie, nicht darüber zu berichten, um Reemtsmas Leben nicht zu gefährden. Die Kooperation gelingt: Alle Medien halten sich zurück, obwohl immer mehr Journalisten von dem Verbrechen erfahren. Erst nach Reemtsmas Freilassung stürzen sie sich auf den Fall, berichten tagelang in allen Einzelheiten.

Eine Hamburger Tageszeitung ist von Anfang an in besonderer Weise in den Entführungsfall eingebunden: In einem ihrer ersten Erpresserbriefe fordern die Entführer Reemtsmas Ehefrau Ann Kathrin Scheerer auf, eine Kleinanzeige in der "Hamburger Morgenpost" zu schalten. Titel der Grußbotschaft: "Alles Gute Ann Kathrin", dazu eine Faxnummer. In den folgenden Tagen und Wochen verwendet die Polizei den Weg über die Kleinanzeigen fast täglich, um mit den Entführern in Kontakt zu treten, etwa um Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren oder ein Lebenszeichen zu erbitten. Für Außenstehende erscheinen die Texte rätselhaft. Sie enthalten Botschaften wie: "Sag mal, warum hast du mir kein Bild geschickt?", "Das Warten wird unerträglich" und immer wieder: "Melde Dich."

Interview

Das Stillschweigen der Medien im Fall Reemtsma

Kuno Haberbusch leitete beim NDR die Redaktion des Politmagazins Panorama, als Reemtsma entführt wurde. Im Interview erinnert er sich an die Rolle der Presse. Video

Haupttäter Drach wird erst 1998 gefasst

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Im Jahr 2001 wird Thomas Drach zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Seit Oktober 2013 ist er wieder frei.

Einen Monat nach dem Ende der Entführung gehen der Polizei in Spanien zwei Komplizen des Haupttäters Thomas Drach ins Netz. Die Polizei hatte das Haus in Garlstedt ausfindig gemacht, in dem die Täter ihr Opfer gefangen hielten und war über den Mietvertrag auf die beiden gestoßen. Sie werden zu fünf und zehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Ein dritter Komplize stellt sich 1998 und erhält sechs Jahre Haft.

Die Fahndung nach Thomas Drach, den mehrere Zeugen als Bewohner des Hauses in Garlstedt identifiziert hatten, verläuft zunächst erfolglos. Erst 1998 wird er in Argentinien verhaftet. Zwei Jahre später wird er nach Deutschland ausgeliefert und 2001 zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Eigentlich soll Drach im Juli 2012 aus dem Gefängnis entlassen werden, doch der Reemtsma-Entführer wird im November 2011 zu einer weiteren Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten wegen räuberischer Erpressung verurteilt. Drach soll 2009 mit zwei Briefen aus der Haft heraus versucht haben, einen Bekannten zur Erpressung seines jüngeren Bruders Lutz anzustiften. Im Oktober 2013 ist es dann so weit: Thomas Drach kommt nach mehr als 15 Jahren Haft unter strengen Auflagen aus dem Gefängnis frei.

Jahrelange Jagd nach Lösegeld-Millionen

Die Frage nach dem verschwundenen Lösegeld indes bleibt. Neben den staatlichen Ermittlern ist auch eine von Reemtsma beauftragte Sicherheitsfirma jahrelang auf der Suche nach den Millionen. Drachs Bruder Lutz, der 2002 in Madrid gefasst wurde, hatte 2004 gestanden, knapp vier Millionen Euro aus dem Reemtsma-Lösegeld gewaschen zu haben und erhielt sechseinhalb Jahre Haft. Ein weiterer Komplize wird 2008 wegen Geldwäsche zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Im Februar 2015 wird bekannt, dass Wolfgang Koszics, einer der Reemtsma-Entführer, bereits im Februar 2014 in Portugal tot aufgefunden wurde. Er war von einer Klippe gestürzt - unklar ist, ob durch einen Unfall, Selbstmord oder aber durch Fremdverschulden. Ob es einen Zusammenhang zu den verschwundenen Millionen gibt, bleibt im Dunkeln. Wie das Geld selber auch: Ein Großteil des Lösegelds gilt als verschollen beziehungsweise verprasst. Seit 2016 ist die Suche offiziell beendet.

Weitere Informationen

Auf den Spuren von Reemtsma-Entführer Drach

Zwei Jahre nach der Entführung des Millionärs Jan-Phillip Reemtsma wurde Thomas Drach, Kopf der Bande, festgenommen. Vom Lösegeld jedoch fehlt bis heute jede Spur. (12.08.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 01.09.2019 | 19:30 Uhr

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