Jan Philipp Reemtsma © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Jan Philipp Reemtsma: Ein Hamburger Mäzen

Stand: 24.03.2021 11:04 Uhr

Jan Philipp Reemtsma ist nicht nur Millionär, Professor, Literaturexperte, Autor und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung - sondern auch das Opfer einer der spektakulärsten Entführungen Deutschlands.

Jan Philipp Fürchtegott Reemtsma wird am 26. November 1952 in Bonn als ein Spross der Reemtsma-Tabak-Dynastie geboren. Doch Reemtsma sieht seine Zukunft nicht als Erbe des erfolgreichen Familienunternehmens. Er studiert Germanistik und Philosophie. Als er mit nur 26 Jahren Anteile des Tabak-Konzerns in Millionenwert erbt, veräußert er sie sofort.

Millionär mit Leidenschaft für Literatur

Prägend ist für den jungen Reemtsma die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Arno Schmidt im Jahr 1977. Reemtsma bietet dem schwer herzkranken Autoren 350.000 Mark an, damit dieser ein sorgenfreies Leben führen kann - eine Summe, die dem entspricht, was damals ein Literatur-Nobelpreisträger erhielt. Als Schmidt zwei Jahre später stirbt, ermöglicht Reemtsma die Gründung der Arno Schmidt Stiftung und wird Mitherausgeber von Schmidts Gesamtwerk.

Förderer von Wissenschaft und Kultur

1984 gründet Reemtsma die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), das er von 1990 bis 2015 leitete. Für Furore sorgt 1995 die Ausstellung des Instituts zu den Verbrechen der Wehrmacht. Ausstellungsgegner beklagen eine unzulässige Verunglimpfung der Wehrmacht. Befürworter sehen in ihr einen Beitrag zur schonungslosen Aufklärung der Rolle der Wehrmacht. Für Schlagzeilen sorgen auch Fehler bei der Zuordnung von Fotos. Die Ausstellung musste daraufhin überarbeitet werden.

Für Hamburg im Einsatz

Hohes Ansehen erwirbt sich Reemtsma als Forscher und Lehrer. Von 1996 bis 2007 arbeitet er als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg.

Auch außerhalb der Universität engagiert er sich in der Hansestadt: So erklärt Reemtsma sich zum Beispiel bereit, acht ehemals besetzte Häuser in der Hamburger Hafenstraße für einen symbolischen Preis zu kaufen und in eine genossenschaftliche Verwaltung zu überführen. Außerdem setzt er sich dafür ein, dass Hamburger Unternehmen, die während der NS-Zeit von der Zwangsarbeit der Häftlinge des KZ Neuengamme profitiert hatten, finanzielle Unterstützung an die Gedenkstätte zahlen sollten.

Eine der spektakulärsten Entführungen Deutschlands

Das womöglich dunkelste Kapitel in Reemtsmas Leben ist seine Entführung im Jahr 1996: 33 Tage und Nächte wird der damals 43-Jährige in einem Kellerverlies gefangen gehalten.

Hintergrund
Jan Phillipp Reemtsma auf einem von den Entführern geschossenen Polaroidfoto. © picture-alliance / dpa Foto: DB

33 Tage im Kellerverlies - Der Fall Reemtsma

Vor 25 Jahren wird Jan Philipp Reemtsma gegen ein Millionen-Lösegeld freigelassen. 33 Tage zuvor hatten Entführer ihn verschleppt. mehr

Alles beginnt am Abend des 25. März 1996, als er auf seinem Grundstück im Hamburger Stadtteil Blankenese überfallen wird. Die Täter schlagen ihn nieder, verbinden ihm die Augen mit Klebeband und bringen ihn in ein eigens für die Entführung angemietetes Haus in Garlstedt im Landkreis Osterholz. In dem Kellerverlies steht Reemtsma Todesängste aus. Zwei Lösegeldübergaben scheitern, erst der dritte Versuch gelingt. Reemtsmas Familie zahlt 30 Millionen D-Mark. Zwei Tage später wird Reemtsma freigelassen. Erst dann erfährt die Öffentlichkeit von der Entführung. Die Medien hatten nicht darüber berichtet, um das Leben der Geisel nicht zu gefährden.

Die Fahndung nach dem Drahtzieher der Entführung, Thomas Drach, verläuft lange erfolglos. Erst 1998 wird er in Argentinien verhaftet. Zwei Jahre später wird er nach Deutschland ausgeliefert und 2001 zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Seine zwei Komplizen werden bereits schnell nach dem Ende der Entführung in Spanien gefasst. Sie müssen fünf und zehneinhalb Jahren ins Gefängnis. Ein dritter Komplize stellt sich 1998 und muss sechs Jahre in Haft.

Im Prozess gegen seine Entführer tritt Reemtsma als Nebenkläger auf. Auch verarbeitet er seine Entführung, die Geiselhaft und die Befreiung in seinem Buch "Im Keller". Auf den letzten Seiten schreibt er: "Der Keller bleibt im Leben."

Weitere Informationen
Nach einem glücklichen Ende der Reemtsma-Entführung findet am 27.04.1996 eine Pressekonferenz statt. © dpa

Dossier: Die Entführung von Jan Philipp Reemtsma

Vor 25 Jahren wurde Jan Philipp Reemtsma entführt. Mit Sondersendungen und einer Multimedia-Dokumentation blickt der NDR zurück ins Jahr 1996. mehr

An diesem Haken war der Hamburger Multimillionär Jan Philipp Reemtsma fünf Wochen lang in einem Keller im niedersächsischen Garlstedt mit einer Eisenkette angebunden (undatiertes Polizeibild). © picture-alliance / dpa
89 Min

Im Keller

Jan Philipp Reemtsma wurde am 25.03.1996 vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese entführt und kam in der Nacht vom 26. auf den 27.04.1996, nach Zahlung eines Lösegeldes, wieder frei. Über diese Entführung schrieb er das Buch "Im Keller". 89 Min

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 21.03.2021 | 19:30 Uhr

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