Stand: 26.06.2018 17:48 Uhr  - NDR Kultur

"Verhältnisse treiben, statt sich treiben zu lassen"

von Andrea Heußinger

Eine enge Gasse in der Innenstadt von Norden (Landkreis Aurich): rote Pflastersteine, rechts und links typisch ostfriesische Klinkerhäuser. In einem dieser rot geklinkerten Häuser kommt am 29. Oktober 1892 ein Mädchen auf die Welt, das später fast 10.000 jüdische Jugendliche aus Nazi-Deutschland retten und ihnen so eine Zukunft ermöglichen wird. Warum aber hat trotzdem kaum jemand von Recha Freier gehört? "Das hat mich damals auch gewundert, dass ich das nicht gewusst habe", sagt Ursula Thümler, ehemalige Vorsitzende des Landesfrauenrates Niedersachsen und mittlerweile Vorsitzende des Kuratoriums "frauenORTE Niedersachsen". Vor zehn Jahren hat Thümler diese Initiative mit ins Leben gerufen: zum einen, damit Frauen wie Recha Freier die Würdigung erhalten, die sie verdienen. Zum anderen aber auch, weil Frauen wie sie auch heute noch Vorbilder sein können - und sollten.

"Andere Frauen haben das für uns erkämpft"

"Wir Frauen können heute nur so leben und eigentlich alles machen, weil wir andere Frauen vor uns hatten, die das für uns erkämpft haben", sagt Thümler. Und daran müsse man erinnern. Die in Norden geborene Jüdin Recha Freier ist bei weitem nicht die einzige Frau, deren Leistung und Verdienste über die Jahre in Vergessenheit geraten sind. An mittlerweile 36 "frauenORTEN" erinnert die Initiative des Landesfrauenrats an "historische Frauenpersönlichkeiten, die in Niedersachsen geboren sind oder hier gewirkt haben", so Landesfrauenrat-Geschäftsführerin Antje Peters. Der erste "frauenORT" wurde am 11. April 2008 in Verden eröffnet: für die Frauenrechtlerin, Politikerin, Publizistin, Lehrerin, Schauspielerin, Fotografin und erste deutsche promovierte Juristin Anita Augspurg.

Lesungen, Führungen, Theaterstücke

Die Idee selbst ist fast zehn weitere Jahre älter - und kommt aus Sachsen-Anhalt. Der Landesfrauenrat des Nachbarlandes hatte anlässlich der "Expo 2000" ein gleichnamiges Projekt gestartet. Innerhalb von zwei Jahren waren dort mehr als 30 "frauenOrte Sachsen-Anhalt" entstanden, auf die mit Schildern im öffentlichen Raum aufmerksam gemacht wird. Thümler und Peters waren begeistert von der Idee, griffen sie auf - und veränderten sie. Von Anfang an holten sie Kooperationspartner vor Ort mit ins Boot, die rund um den jeweiligen "frauenORT" kulturtouristische Angebote wie Führungen, Lesungen oder Theaterstücke entwickeln. "Wir wollten die Orte noch stärker in der Gesellschaft verankern", sagt Thümler, "damit sich die Menschen in der Region noch mehr mit der jeweiligen Frau identifizieren können". Zu jedem der mittlerweile 36 "frauenORTE" entsteht zudem ein Flyer in einheitlichem Design. Darin sind Informationen über die geehrte Frau zusammengefasst, oft enthält er einen Stadtplan, mit dessen Hilfe man sich vor Ort auf eigene Faust auf die Spuren der jeweiligen Frau begeben kann.

"Die Zahl 50 fest im Blick"

Mittlerweile deckt die Initiative vier verschiedene Themenfelder (Politik, Bildung und Beruf, Kunst und Kultur sowie Konfessionen) und einen Zeitraum von mehr als 1.000 Jahren ab. Sie erinnert an völlig unterschiedliche, immer aber besondere, kluge und zielstrebige Frauen. Möglich ist das vor allem durch das große ehrenamtliche Engagement der vielen Mitstreiter - und vor allem Mitstreiterinnen, die vor Ort die Erinnerung an Frauen wie Recha Freier und Anita Augspurg lebendig halten. An derzeit 36, Ende des Jahres dann 38 "frauenORTEN" in Niedersachsen. "Wir haben die Zahl 50 fest im Blick", sagt Peters. Wann sie sie erreichen, sei noch unklar. Dass sie sie erreichen, stehe jedoch fest.

Die "frauenORTE" in Niedersachsen im Überblick:

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturspiegel | 13.04.2018 | 19:30 Uhr

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