Wie ein Jude in Cadenberge die Nazi-Zeit überlebte

Stand: 07.11.2020 15:00 Uhr

Als Jude hat Arthur Samuel die Zeit des Nationalsozialismus nahezu unbehelligt in Cadenberge überlebt. Er blieb dem Ort im Landkreis Cuxhaven treu - und wurde in den 60er-Jahren sogar Schützenkönig.

von Christina von Saß

Sie hängt noch in der Vitrine im Schützenverein von Cadenberge: die Plakette des Schützenkönigs aus dem Jahr 1961. Darauf sein Name: Arthur Samuel. Gerade mal 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war hier - in der kleinen Gemeinde an der Elbmündung bei Cuxhaven - ein Jude Schützenkönig geworden. Wie war es dazu gekommen? Wie hatte er überhaupt die Nazizeit überlebt? Viele Jahrzehnte später machen Dietmar und Rudi Zimmeck sich auf, um diese außergewöhnliche Geschichte zu erforschen.

"Wie kann das sein?"

Rudi (links) und Dietmar Zimmeck sitzen in einem Kinosaal. © NDR
Rudi Zimmeck (li.) und sein Bruder Dietmar haben Nachforschungen zum Leben von Arthur Samuel in Cadenberge angestellt.

Beim Teetrinken war den Brüdern unlängst eingefallen, dass dieser Arthur Samuel in den 60er Jahren bei seinem Sonntagsspaziergang immer an ihrem Wohnhaus vorbeigekommen war. Man grüßte sich freundlich, und eines Tages erzählte die Mutter ganz nebenbei, dass der Herr Samuel wohl Jude sei. Diese Begebenheit war der Ausgangspunkt für die Brüder, die heute in Hannover leben, nachzuforschen: "Die Frage war, wie kann das sein? Ist er geflohen, wurde er versteckt, war er vielleicht im KZ und ist hinterher freigekommen? Das hat uns sehr interessiert", erzählt Rudi Zimmeck.

Samuel hinterließ eine eidesstattliche Versicherung

Die Recherchen der beiden führten unter anderem zum Heimatpfleger der Region, Günter Lunden. Er betreibt das Heimatmuseum im Nachbarort Geversdorf und förderte ein wichtiges Dokument zutage: eine eidesstattliche Versicherung von Arthur Samuel, die dieser 1947 abgegeben hatte. Darin beschreibt Samuel, wie er die Nazi-Zeit in Cadenberge überlebt hat. So sei er "offenbar nicht weggeschafft worden", weil er in einer "sogenannten Mischehe" lebte: "Meine Frau ist nämlich Arierin." Er habe aber den Judenstern tragen müssen. Allerdings sei es sehr wahrscheinlich, dass "niemand den Judenstern bei mir gesehen hat, da ich über meinem Anzug einen Arbeitskittel ohne diesen Stern trug und Sonntags nicht ausgegangen bin". "Er hat also schon versucht, unauffällig zu bleiben", meint Rudi Zimmeck.

Vom Viehhändler zum Tagelöhner

Eine Reproduktion einer schwarz-weiß Fotografie zeigt eine Frau und einen Mann. © NDR
Arthur Samuel lebte mit seiner Ehefrau Eugenie in einer "sogenannten Mischehe", wie er in seiner eidesstattlichen Versicherung schrieb.

Die Recherchen der Brüder stoßen auch in Cadenberge auf großes Interesse. Der Bürgermeister, Wolfgang Hess (parteilos), hat sich ebenfalls umgehört und vor Kurzem mit einem hochbetagten Bürger der Gemeinde gesprochen, der sich noch gut an Arthur Samuel erinnern kann. So habe Samuel, nachdem ihm die Nazis seine Lizenz als Viehhändler entzogen hatten, bei Bauern, beim Straßenbau und in einem Sägewerk Hilfsarbeitertätigkeiten verrichten müssen. Aus dem wohlhabenden und angesehenen Viehhändler war ein Tagelöhner geworden, der in der NS-Zeit bei Unternehmern in der Region arbeiten musste, um sich und seine Frau über Wasser halten zu können.

Händler versorgte Ehepaar mit Lebensmitteln

Dietmar Zimmeck fragt sich, wie diese Unternehmer Arthur Samuel wohl behandelt haben - denn sie kannten den Mann ja aus der Zeit, bevor die Nazis an die Macht gekommen waren: "Haben Sie ihn gegängelt und schlecht behandelt oder haben sie ein Auge zugedrückt und ihm vielleicht auch ein bisschen geholfen?" Offenbar gab es mindestens einen Lebensmittelhändler im Ort, der das Ehepaar Samuel in der Nazi-Zeit mit Lebensmitteln versorgte.

Samuel erwähnt seine Polizeihaft nicht

Recherchen der Zimmecks im Landesarchiv Niedersachsen haben allerdings auch ergeben, dass Arthur Samuel damals auch in Haft gewesen ist: 17 Tage lang in Bremen. Diese Polizeihaft erwähnt er interessanterweise in seiner eidesstattlichen Versicherung nicht. Dort schreibt er sogar, dass er in der Nazizeit kaum behelligt worden sei. Über den Grund kann heute nur spekuliert werden. Vielleicht wollte er diese Erfahrungen hinter sich lassen. Für Dietmar Zimmeck ist offensichtlich, dass Arthur Samuel "gerne in Cadenberge gelebt hat, schon vorher und dass er auch nach dem Krieg weiter dort leben wollte". Er habe sich sehr stark mit dem Ort, den Festen und der Gesellschaft identifiziert.

Leidenschaftliches Mitglied im Schützenverein

Dazu passt auch das, was die Brüder im Rahmen ihrer Nachforschungen noch herausfanden: Der Mann war offensichtlich leidenschaftliches Mitglied im Schützenverein und wurde 1961 Schützenkönig. Ist das nicht verwunderlich, nach allem was passiert war, nach Zweitem Weltkrieg und Holocaust? "Vielleicht war er ja gar nicht so der Fan der Uniformen oder der Marschmusik", meint Rudi Zimmeck. "Sondern es ging ihm vielleicht auch um die Geselligkeit und es ging ihm sicherlich um seinen Platz in der Cadenberger Dorfgesellschaft."

In Nachbargemeinden wurden Juden deportiert

"Am Ende war es ein Riesenglücksfall, dass Arthur Samuel und seine Frau überlebt haben", so Zimmeck. Denn tatsächlich wurden in der NS-Zeit nur wenige Kilometer von Cadenberge entfernt, in Osten und in Basbeck, zwei jüdische Familien deportiert und ermordet. Aus der Geschichte zieht Dietmar Zimmeck den Bogen ins Hier und Jetzt. Auch in der heutigen Zeit, in der es Ausgrenzung und antisemitische und rechtsextremistische Übergriffe gebe, müsse man sich immer wieder entscheiden: nehme man das hin oder "stelle ich mich dagegen".

Straße nach Arthur Samuel benennen?

Ihre Recherchen haben die Brüder mittlerweile aufgeschrieben und hoffen, dass sie veröffentlicht werden. Im Ort denkt man jetzt darüber nach, wie man künftig an Arthur Samuel erinnern könnte, zum Beispiel indem man eine Straße nach ihm benennt. Das heute noch existierende Grab des Ehepaars Samuel wird bereits von der Gemeinde erhalten. 91 Jahre alt ist Arthur Samuel am Ende geworden. Bei allem was man nicht weiß, ist wohl klar - das war nur möglich, weil seine Heimat Cadenberge zu ihm gestanden hat.

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Dieses Thema im Programm:

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