Stand: 29.07.2018 12:16 Uhr  - NDR 90,3  | Archiv

Vor 40 Jahren: Da waren es nur noch leere Rahmen

Auf den Tag genau 40 Jahre ist es am Sonntag her, dass ein spektakulärer Kunstraub Hamburg erschütterte. Nicht nur, dass gut zwei Dutzend Gemälde verschwunden waren; auch die Leitung der Hamburger Kunsthalle und der Senat kamen in Bedrängnis, denn dem Dieb hatte man es einfach zu leicht gemacht.

Unaufmerksame Nachtwächter und eine defekte Alarmanlage - das war die Situation in der Nacht des 29. Juli 1978. Das nutzte der damals 36-jährige Jürgen P. aus. Ein offenes Fenster im Hochparterre und 23 leere Bilderrahmen waren alles, was man am nächsten Morgen bei einem Kontrollgang gegen fünf Uhr in den Museumsräumen entdeckte.

Die Polizei ging zunächst von einer Auftragsarbeit aus und glaubte, dass das Mädchen-Portrait "Vor dem Spiegel" von Edgar Degas und das Bildnis der "Madame Lériaux" von Auguste Renoir die eigentlichen Zieln waren. Die anderen Bilder von Malern der Hamburger Schule aus dem 19. Jahrhundert habe der Dieb mitgenommen, weil einfach genügend Zeit da war. Es schellte ja keine Alarmanlage, es kam kein Nachtwächter vorbei.

Gemälde im Wert von 1,5 Millionen Mark futsch

"Es hat sich am Abend des Freitag herausgestellt, dass die Wartungsmaßnahmen, über die ich im Detail jetzt nichts sagen möchte, nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben", sagte der damalige Kunsthallen-Direktor Werner Hofmann. "Davon bin ich nicht informiert worden, wie auch keiner meiner Mitarbeiter." Die Folge: Gemälde im Wert von 1,5 Millionen Mark waren futsch. Schnell wurde eine Belohnung von 25.000 Mark vom Senat ausgelobt.

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Die Zeitungen greifen den spektakulären Diebstahl in der Hamburger Kusnthalle damals groß auf.

So rasch hatte man im Hamburger Rathaus nicht immer gehandelt, wenn es um die Sicherheit der Kunsthalle ging. Denn bereits sieben Jahre zuvor hatten sich Diebe übers Dach durch ein nicht gesichertes Oberlicht in die Räume abgeseilt und wertvolle Gemälde mitgenommen. Hofmann und die Polizei hatten schon damals gefordert: Die Alarmanlage, Baujahr 1963, müsse erneuert werden. Doch irgendwie versickerte das alles nach Beratungen, Abstimmungen zwischen den Behörden und Ausschreibungen. Passiert war nichts.

Coup in der Kunsthalle sorgfältig vorbereitet

1978 kam den Ermittlern dann Kommissar Zufall zu Hilfe. Nicht mal eine Woche nach der Tat vermeldete die Tagesschau:

"Die Hamburger Kunsthalle hat ihre gestohlenen Gemälde wieder. Die Polizei wurde durch einen Hinweis des Personals auf den Täter aufmerksam. Er wollte die Bilder später wieder an die Kunsthalle verkaufen. Der 36-Jährige hatte den Coup sorgfältig vorbereitet. Er ließ sich in einen Nebenraum der Kunsthalle einschließen. Bei seinen häufigen Besuchen in der Kunsthalle soll er von Aufsichtsangestellten erfahren haben, dass die Alarmanlage nicht funktioniert. Am späten Samstagabend löste er die Bilder aus den Rahmen und band sie mit einem Klebestreifen zu einem Bündel zusammen. Als, wie es hieß, gelernter Fallschirmjäger sprang er anschließend aus einem vier Meter hohen Fenster auf das benachbarte Gelände der Bundesbahn und entkam."

Das aufmerksame Personal, das war die Pächterin des Cafés in der Hamburger Kunsthalle. Fast täglich war ein Museumsbesucher bei ihr gewesen. Er hatte viele Gemälde fotografiert und anschließend immer einen Kaffee getrunken. Wochenlang. Nach dem spektakulären Diebstahl tauchte er aber nicht mehr auf. Sie erkannte den Mann dann am Großneumarkt und alarmierte die Polizei.

Statt Lösegeld gibt es Gefängnis

Es war Jürgen P., 36 Jahre, ehemaliger Fallschirmjäger, Tellerwäscher, Grafiker, Verkäufer und Taxifahrer. Nichts klappte so richtig und auch sein Laden für Zierfische lief schlecht. Die erbeuteten Gemälde hatte er in der Wohnung seiner Freundin versteckt. Er hatte ein paar Wochen warten wollen und die Bilder der Kunsthalle dann zum Rückkauf anbieten wollen. Doch statt der erhofften 250.000 Mark Lösegeld bekam Jürgen P. wenig später vom Landgericht dreieinhalb Jahre Gefängnis - und die Kunsthalle endlich eine neue Alarmanlage.

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NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 29.07.2018 | 10:20 Uhr

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