VIDEO: Aufklärung der Säurefass-Morde - der Film "Die Unsichtbaren" (6 Min)

Säurefass-Morde: Wie eine Polizistin den Fall ins Rollen brachte

Stand: 15.03.2024 10:30 Uhr

Zwei Frauen tötet Lutz Reinstrom bestialisch und löst sie in Säure auf, eine dritte lässt er frei. Ab 1992 wird das Ausmaß dieses grausamen Hamburger Kriminalfalls bekannt. Über die Erlebnisse einer Ermittlerin bei dessen Aufklärung kam 2024 eine Doku ins Kino.

von Jochen Lambernd

Im Freundes- und Bekanntenkreis ist er freundlich, höflich und nett. Doch Lutz Reinstrom hat noch eine andere Seite: Er ist ein gefährlicher und skrupelloser Sadist. Zwischen 1986 und 1988 tötet der gelernte Kürschner aus dem Hamburger Stadtteil Rahlstedt auf bestialische Weise zwei Frauen und löst ihre zerstückelten Leichname in Salzsäure auf. Jahrelang bleiben die Taten unentdeckt. Sogar noch, als er eine dritte Frau 1991 nach einer Entführung freilässt und danach in Haft kommt.

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Marianne Atzeroth-Freier im Büro mit Kollegen © NDR.de/Screenshot

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Gelernter Kürschner führt unauffälliges Familienleben

Lutz Reinstrom wird am 29. März 1948 in Sassnitz auf Rügen geboren. Er erlernt den Beruf des Kürschners. Später heiratet er, seine Frau und er bekommen eine Tochter. Nach außen hin führt der Mann in Rahlstedt ein unauffälliges Familienleben. Er ist Mitglied im Schwimmverein und recht beliebt. Seine sado-masochistischen Neigungen verbirgt er nicht, sondern thematisiert diese bei Gelegenheit durchaus.

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1986: Erstes Opfer wird eine Woche lang gequält

Sein erstes Opfer ist Hildegard K., sie ist 61 Jahre alt und die Ehefrau von Reinstroms früherem Lehrherren, einem Pelzhändler, mit dem er sich überworfen hat. Am 12. März 1986 bringt der Kürschner die nichts ahnende Frau unter Zwang zu sich nach Hause. In seinem Garten hat Reinstrom einen unterirdischen Bunker angelegt. Damals - zu der Zeit des Kalten Krieges und aus Sorge vor einem Atomkrieg - werden private Atomschutzgebäude öffentlich gefördert. Bei einer kleinen Einweihungsveranstaltung ist sogar Bürgermeister Klaus von Dohnanyi anwesend. Den Bunker lässt Reinstrom während des Baus um einen kleinen Zusatzraum - illegal - erweitern. Er brauche den Platz zum Trocknen und Lagern seiner Pelze, so seine Begründung. Doch der Raum soll ganz anders genutzt werden.

Geld und Schmuck entwendet

Schmuckstücke, die beim "Säurefassmörder" Lutz R. in dessen Wohnung in Hamburg-Rahlstedt gefunden wurden. (Aufnahme vom 15.12.1992). © picture-alliance/ dpa Foto: DB Hesse
Lutz R. hat seinen Opfern neben Geld auch Schmuckstücke gestohlen. Diese werden in seinem Haus in Rahlstedt gefunden.

Reinstrom fesselt Hildegard K., lässt sie in dem Extra-Raum hungern und quält sie mit Schraubzwingen - vermutlich auch für seine sexuellen Fantasien. Eine Woche dauert das Martyrium. In der Zeit stiehlt der Täter aus dem Haus seines Opfers einen fünfstelligen D-Mark-Betrag sowie Schmuck. Reinstrom zwingt Hildegard K., Briefe an ihre Angehörigen zu schreiben, damit niemand Verdacht schöpft wegen ihres Verschwindens. Sie habe ihren Mann verlassen, man möge nicht nach ihr suchen, so liest es sich. Dann tötet Reinstrom Hildegard K. in seinem Bunker. Anschließend sägt er die Leiche in Stücke, die er in ein Fass mit Säure wirft. Das Fass vergräbt er zwei Meter tief im Garten und betoniert es ein.

1988: Zweites Opfer muss einen Monat lang leiden

Am 5. Oktober 1988 schlägt der Kürschner wieder zu. Annegret B. ist eine 31 Jahre alte Industriekauffrau, die Lutz Reinstrom vom Schwimmverein kennt. Auch sie lockt er in sein Verlies, wo er die Wehrlose einen ganzen Monat lang ankettet, foltert und sexuell missbraucht, während er zugleich ihr Konto leer räumt.

Versteckte Hinweise nicht entdeckt

Auch B. muss Briefe und Karten an ihre Angehörigen schreiben und ihnen erklären, sie habe sich entschieden, künftig im Ausland zu leben, weil ihr das alte Leben nicht mehr genug geboten habe. B. gelingt es, Hinweise auf den Täter in ihren Schreiben zu verstecken. Sie schreibt bestimmte Anfangsbuchstaben dicker; zusammengesetzt ergeben diese die Worte "Hilf" und "Luz". Doch die Polizei kann diesen verzweifelten Hilferuf erst Jahre später entdecken.

Lutz Reinstrom ist zudem dazu übergegangen, die Qualen seines Opfers festzuhalten - auf Tonbändern und Polaroid-Fotos vom rasierten Kopf und dem geschundenen Körper der jungen Frau. Er zwingt Annegret B. sogar, sich vor ihrem Tod auf einer Tonbandaufnahme von ihrem Peiniger zu verabschieden und ihre Gefangenschaft zu beschreiben. Nach vier Wochen hat Lutz Reinstrom dann genug: Er tötet Annegret B., zerstückelt ihren Körper, versenkt die Teile in einem weiteren Säurefass und vergräbt dieses im Garten seines Ferienhauses in Basedow bei Lauenburg (Schleswig-Holstein).

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1991: Drittes Opfer wird freigelassen

Bis zur nächsten Tat dauert es drei Jahre. Es trifft die 53-jährige Christa S. Sie ist ausgerechnet die neue Lebenspartnerin von Reinstroms Ex-Chef, dessen Ehefrau der Kürschner bereits getötet hat. Am 6. September 1991 überwältigt Lutz Reinstrom die 53-Jährige mit einem Elektroschocker an ihrem Auto vor ihrer Garage. Er verschleppt sie in seinen Bunker nach Rahlstedt. Der Kürschner hat es diesmal auf ein Lösegeld von 300.000 D-Mark abgesehen, das er von seinem ehemaligen Chef erpressen will.

Um S. gefügig zu machen, droht er ihr, sie umzubringen. Zugleich zeigt er der mit Handschellen an ein eisernes Bettgestell geketteten Frau seine Folterfotos von Annegret B. Nach einer Woche wartet Reinstrom noch immer vergebens auf das Lösegeld. Dann kommt die Ehefrau des Sadisten vorzeitig aus dem Urlaub zurück. Reinstrom droht aufzufliegen. Überstürzt und offenbar etwas planlos schafft er Christa S. nach sieben Tagen Kerker nach Hamburg-Langenhorn und lässt die Frau vor dem Polizeirevier frei.

Die Ermittlerin Marianne Atzeroth-Freier ist als Angehörigenbetreuerin eingesetzt und kümmert sich zunächst um den verzweifelten Lebenspartner von Christa S., Reinstroms ehemaligem Chef. Dann bekommt sie den Auftrag, das Entführungsopfer Christa S. aus Langenhorn abzuholen. Auf der Fahrt zum Polizeipräsidium am Berliner Tor berichtet S. ihr von dem Bunker, in dem sie gefangen gehalten worden sei, von Folterfotos, die der Täter ihr gezeigt habe, von Astrologie und der spanischen Mafia, von der Reinstrom gesprochen habe. Diese Aussagen wirken zunächst eigenartig und schwer nachvollziehbar, aber Atzeroth-Freier hört aber zu und nimmt sie ernst.

Erster Prozess beschert Reinstrom ein mildes Urteil

Säurefassmörder Lutz R. auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung © picture alliance/rtn - radio tele nord Foto: rtn, peter wuest
Erpresserischer Menschenraub: Mehr kann die Justiz Lutz R. (mit der Hand vor den Augen) zunächst nicht vorwerfen.

Die Polizei nimmt Reinstrom am 17. September 1991 fest, er kommt in Haft. Am 26. Mai 1992 wird ihm der Prozess gemacht - jedoch nur wegen der Entführung von Christa S. Mehr ist den Ermittlern bis dahin nicht bekannt. Reinstrom muss wegen erpresserischen Menschenraubs für drei Jahre ins Gefängnis. Dieses Strafmaß verwundert zunächst, allerdings hat das Gericht offenbar den Schilderungen von Christa S. nicht recht getraut.

Im Prozess gegen Reinstrom sagt Ermittlerin Atzeroth-Freier als Zeugin aus. Im Gerichtssaal ist auch die Mutter von Annegret B. Sie vermisst ihre Tochter seit Jahren. All ihre Versuche, das seltsame Verschwinden aufklären zu lassen, sind bisher ins Leere gelaufen. Sie nimmt ihren Mut zusammen und erzählt der Beamtin noch am Prozesstag, dass es auffällige Ähnlichkeiten zum jetzigen Gerichtsfall und dem Verschwinden von Hildegard K. gebe. Die Ermittlerin nimmt sich Zeit für die Mutter und hört sich die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten an. Sie nimmt die Erzählungen ernst und fordert als ersten Schritt Akten zu den beiden alten Vermisstenfällen an.

Soko kommt Täter auf die Schliche

Suche nach einer Leiche auf dem Grundstück des "Säurefassmörders" Lutz R. in Hamburg-Rahlstedt (Aufnahme vom 04.12.1992) © picture-alliance/ dpa Foto: Rolf Rick
In rund zwei Metern Tiefe hat Lutz R. ein Fass auf dem Grundstück in Rahlstedt vergraben. Die Ermittler müssen es mühsam aus der Erde holen.

Atzeroth-Freiers Kollege Andreas Lohmeyer ist sofort überzeugt davon, dass die Ähnlichkeiten kein Zufall sind. Er bestätigt die Einschätzungen der Ermittlerin. Gemeinsam setzen die beiden - zum Teil zweifelnd beäugt von einigen Kollegen - weitere Ermittlungen durch. Sie können als ersten wichtigen Schritt nachweisen, dass Reinstrom das Auto von Annegret B. verkauft hat. Schließlich wird eine Sonderkommission gegründet, die akribisch die Zusammenhänge der Fälle herausarbeitet. Für die Angehörigen bleibt Atzeroth-Freier während der gesamten Ermittlungen und darüber hinaus die wichtigste Ansprechpartnerin, betreut sie mit viel Zuwendung und gibt ihnen Halt.

Auf dem Gelände des Sommerhauses in Basedow findet die Polizei am 1. Dezember 1992 ein vergrabenes Kunststofffass. In der Rechtsmedizin wird es untersucht, darin: die in Auflösung befindlichen Körperteile von Annegret B. Auf Reinstroms Grundstück in Rahlstedt fördern die Ermittler drei Tage später ein weiteres Fass mit menschlichen Überresten in Salzsäure zutage - dieses Mal von Hildegard K.

Was genau ist Salzsäure?

Für immer hinter Gittern

Lutz Reinstrom wird erneut angeklagt, dieses Mal allerdings wegen zweier Morde. Er wird am 22. Mai 1996 verurteilt: lebenslange Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schulde und anschließender Sicherungsverwahrung. Reinstrom widerspricht bis zuletzt den Anklagepunkten. Er bestreitet die Tötungen; es seien Unfälle gewesen. Allerdings sprechen die Fakten gegen ihn.

Ein Bagger gräbt am 18.11.2009 in Basedow (Kreis Lauenburg) Teile eines Grundstücks aus, das neben dem Grundstück des sogenannten Hamburger Säurefassmörders liegt. Dabei wurden zwei rostige Fässer ausgegraben. © picture-alliance/ dpa / Polizei Foto: DB Polizei
Angrenzend zu R.s Gelände in Basedow werden 2009 weitere Fässer entdeckt. Sie enthalten aber keine Leichenteile.

Es wird zudem bis heute spekuliert, ob Lutz Reinstrom weitere Frauen getötet haben könnte. Die Ermittlungen hätten aber keine ausreichenden Ergebnisse geliefert, sagt Ermittler Andreas Lohmeyer im Februar 2024. Auch das Verschwinden der Schwester von Hamburgs damaligem Kripo-Chef Wolfgang Sielaff wird damals geprüft. Dieser tragische Fall wird jedoch erst 2017 gelöst.

"Das war doch eigentlich ein ganz normaler Mann"

Noch heute löst der Säurefass-Fall im Hamburger Stadtteil Rahlstedt Entsetzen und Kopfschütteln aus. "Ich lebe seit über 60 Jahren hier, und dieser Vorfall hat uns alle stark erschüttert", berichtet eine Seniorin im Gespräch mit NDR.de. Auch ihr Nachbar kann die Taten nicht nachvollziehen. "Was muss in einem solchen Menschen bloß vorgehen?", fragt er sich. "Das war doch eigentlich ein ganz normaler Mann", glaubt er.

Ohne die Hartnäckigkeit, die Empathie und die Akribie von Marianne Atzeroth-Freier wäre dieser außergewöhnliche Kriminalfall womöglich nie ins Rollen gekommen. Die Kriminalbeamtin stirbt im Jahr 2017.

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Hamburg Journal | 14.02.2026 | 19:30 Uhr

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