Stand: 02.11.2011 13:06 Uhr  | Archiv

Eine Türkin und ihre Mondlandung

von Arne Schulz, NDR.de

Selma Yöndem-Ekinci hebt die Mokka-Tasse ihres Gastes hoch und betrachtet konzentriert den Kaffeesatz. Dann klopft sie mit ihren rotlackierten Nägeln auf das Porzellan: "Sie haben eine große Herausforderung vor sich. Aber glauben Sie mir, Sie werden das schaffen!" So wie sie es als erfolgreiche Unternehmerin mit türkischen Wurzeln geschafft hat. Auch wenn das niemand geglaubt hätte, damals 1971.

Als Sechsjährige zieht die Türkin mit ihren Eltern nach Heidelberg. Die ersten Schuljahre bekommt sie keine Noten, die Lehrer bescheinigen ihr mangelnde Deutschkenntnisse. Nachhilfe gibt es nicht. Yöndem-Ekinci muss sich die Sprache selbst beibringen. Schnell wird sie zur Dolmetscherin der Nachbarschaft, verbringt ihre Nachmittage mit Behördengängen - statt mit Hausaufgaben: "Ich habe schon damals die Verantwortung geliebt."

Eine Unternehmerbiografie?

Eine Verantwortung, die sie dennoch nie gewählt hat. Früh lernt Yöndem-Ekinci, sich gegen die beiden älteren Brüder durchzusetzen. Die verbieten der jugendlichen Selma einen Freund. Sie habe ohnehin andere Dinge im Kopf gehabt, sagt Yöndem-Ekinci heute. Zum Beispiel den Hauptschulabschluss, den sie mit Mühe erreicht. Oder die Berufsschule für Bürotechnik, auf der sie Stenographie und Verwaltung lernt. 1985 folgt die frisch verheiratete Selma Yöndem-Ekinci ihrem türkischen Mann nach Hamburg. Eine Unternehmerbiografie?

In Hamburg deutet nichts darauf hin. Yöndem-Ekinci bekommt Kinder und widmet sich der Familie. Nebenbei arbeitet sie als Sekretärin in wechselnden Firmen, vermittelt von einer Zeitarbeitsfirma. Schließlich entdeckt sie ein großes Talent: "Wenn andere eine Woche brauchten, um Mailadressen einzutippen, dann habe ich das an zwei Tagen geschafft." Sie wird gelobt, bekommt schließlich eine Festanstellung und arbeitet fortan in der Buchhaltung.

Selmas Mondlandung

Was für andere vielleicht nur ein kleiner Schritt, ist für Yöndem-Ekinci eine Mondlandung. Von da an sagt sie zu ihren Kindern: „Menschen fliegen zum Mond. Auch ihr werdet das schaffen, wenn ihr es wirklich wollt.“

Kein Zweifeln, kein Zaudern: Yöndem-Ekinci geht Klinken putzen, leiht sich über 100.000 Euro von Freunden, beantragt Fördergelder und Kredite, streitet um Genehmigungen bei der Stadt.

Das Hamam von Selma Yöndem-Ekinci in der Feldstraße in Hamburg. © Das Hamam Hamburg
Das Hamam in der Feldstraße in Hamburg.

Der Gang über die deutschen Behörden ist mühsam, doch am Ende hat sie alle Hindernisse beseitigt. 600.000 Euro investiert Yöndem-Ekinci in ein verwahrlostes Ladenlokal in St. Pauli. Hier soll das erste türkische Hamam Norddeutschlands entstehen. Für ihren Mut bekommt sie einen Preis: Hamburgs Unternehmerin des Jahres 2004.

Selma Yöndem-Ekinci öffnet die Tür zu ihrem Reich. Die Augen brauchen einen Augenblick, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Menschen in karierten Tüchern räkeln sich auf beheizten Marmorplatten. Dampf steigt empor zur smaragdgrünen Kuppel. Die Augen der 46-Jährigen leuchten: "An jedes kleine Detail, an jede Fliese, jeden Stein habe ich selbst Hand angelegt. Das ist mein Lebenswerk."

Dieses Thema im Programm:

Nordtour | 09.01.2010 | 18:00 Uhr

Mehr Geschichte

Besuchern bestaunen beim 26. Internationalen Automobilsalon von Genf im März 1956 einen VW Karmann Ghia Coupé. © picture alliance/KEYSTONE Foto: STR

Karmann und der Ghia: Vom Ruhm und Untergang einer Kult-Ära

Der Karmann Ghia machte das einstige Familienunternehmen aus Osnabrück weltbekannt. Doch produziert wurde dort weitaus mehr. mehr

Norddeutsche Geschichte