Stand: 06.02.2015 09:35 Uhr  - Nordmagazin  | Archiv

Mit Transparenten gegen die Staatssicherheit

Gerhard Apelt, Dr. Heinrich Rathke und Helmuth Schröder (v. l. n. r.) vor dem Tor einer Bunkeranlage bei Crivitz.
Gerhard Apelt, Dr. Heinrich Rathke und Helmuth Schröder (v. l. n. r.) gehörten zur politischen Bürgerinitiative Crivitz.

Die Friedliche Revolution in der DDR führte zu Veränderungen in nahezu allen Bereichen - nur nicht bei der Staatssicherheit. Das ganze Ausmaß ihrer Tätigkeiten wurde nur langsam publik, ihre Auflösung ging schleppend voran. In Crivitz, unweit von Schwerin, setzte sich die "Politische Bürgerinitiative Crivitz" dafür ein, eine geheime Stasi-Anlage in ihrer Nachbarschaft zu enttarnen und die Vernichtung von Akten zu verhindern. Denn in einem Waldstück, unweit der Straße 321, gab es ein gut gesichertes Gelände. Niemand wusste genau, was hinter den Zäunen im Wald vor sich ging: Geräusche von Schüssen und ab und an ein- und ausfahrende Autos ließen die Mitglieder der Bürgerinitiative nur mutmaßen, dass sich dort ein geheimes Gebäude der Stasi befand. Im Januar 1990 startete die Bürgerinitiative deshalb eine Mahnwache. Zu den Anführern gehörten der Pastor Heinrich Rathke und der Landschaftsarchitekt Gerhard Apelt - Elektrikermeister Helmuth Schröder stieß später hinzu. Sie waren sich einig: Erst die örtliche Zerschlagung aller Stasi-Einrichtungen in der gesamten DDR würde zum Ende des Überwachungsapparates führen.

Die Stasi - "Schild und Schwert" der SED

Das Ministerium für Staatssicherheit - kurz MfS oder Stasi - war integraler Bestandteil der SED-Herrschaft und galt als "Schild und Schwert der Partei". Zwar dienten auch andere Organe dem Machterhalt, wie die NVA oder die Justiz, doch nirgends waren die Genossen so eng mit einem Kontrollapparat verflochten wie hier. Ohne Überwachung, Kontrolle und Repression der Stasi war die SED-Diktatur undenkbar. Darum richtete sich der bürgerliche Protest im Herbst 1989 vor allem gegen die permanente Gängelung durch den Geheimdienst - stets in dem Wissen, dass die eigene Oppositionsgruppe ebenso überwacht und verfolgt werden könnte.

Nachdem die SED im Oktober 1989 gegenüber den Forderungen einknickte und ihr Machtmonopol verlor, änderte sich auch das Selbstbild der Stasi: Gewaltverzicht und Dialogbereitschaft wurden nun auch hier zum Thema. Zunächst veranlasste der alte Stasi-Chef Mielke neben einer Reduzierung aller Tätigkeiten auch die Sicherung aller Einrichtungen vor unerwünschten Eindringlingen. Der Grund wurde erst im Nachhinein bekannt: Am 6. November begann an allen Standorten die massenhafte Aktenvernichtung, um das ganze Ausmaß der Bespitzelung und die Verflechtung mit SED-Kadern zu vertuschen. Nachdem ehemalige Mitarbeiter die Zerstörung der Beweismittel öffentlich gemacht hatten, versuchten aufgebrachte Bürger die örtlichen Einrichtungen zu besetzen - was am 4. Dezember in Erfurt begann, verbreitete sich nun in der ganzen Republik.

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Nordmagazin | 06.02.2015 | 19:30 Uhr

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