Die Schlagzeile der "Hamburger Morgenpost" am 13. September 2001: "Terror-Piloten lebten in Hamburg!" © dpa/ Picture-Alliance

9/11: Wo die "Todespiloten" der Terroranschläge zu Hause waren

Stand: 09.09.2011 22:15 Uhr

Wenige Stunden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist klar: Die Spur der Attentäter führt nach Hamburg. Fahnder und Journalisten aus aller Welt reisen an. Eine Spurensuche zehn Jahre danach.

von Marc-Oliver Rehrmann

Jutta Katharina Werner ist kurz angebunden. "Es ist doch alles gesagt zu den Anschlägen vom 11. September", meint die Pressesprecherin der Technischen Universität Hamburg-Harburg am Telefon. Es ist September, die Anschläge jähren sich zum zehnten Mal. "Das Thema interessiert hier niemanden mehr." Was sie damit meint: Die Hochschule würde es am liebsten ungeschehen machen, dass Mohammed Atta dort von 1992 bis 2001 eingeschrieben war. Hier im Süden Hamburgs lebte er, schrieb seine Diplomarbeit und bereitete die Anschläge vor. Der Ägypter gilt als Anführer der Attentäter, er steuerte das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers in New York.

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Am 11. september 2001 steigt schwarzer Rauch aus den brennenden Türmen des World Trade Centers in New York. © picture-alliance/ dpa/dpaweb | Jason_Szenes

Zweiter Schock nach 9/11: Spur der Attentäter führt nach Hamburg

Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist klar: "Todespilot" Mohammed Atta und weitere Attentäter lebten in Hamburg. mehr

150 Interviews in zwei Wochen

Für die Hochschule im Süden Hamburgs war es ein Schock, als sie ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit geriet. Der 11. September 2001 war ein Dienstag, am Mittwoch erfuhr die Technische Universität, dass einige der mutmaßlichen Attentäter in Harburg eingeschrieben waren. Aus aller Welt reisten Journalisten an, um zu sehen, wo Mohammed Atta und seine Freunde lebten und studierten. In den zwei Wochen nach den Anschlägen gaben Mitarbeiter der Universität 150 Journalisten aus 15 Ländern Interviews. Eine Extrem-Situation für alle. Der damalige Uni-Präsident Christian Nedeß zeigte sich "erschüttert, dass die Spur des Verbrechens nach Hamburg führt". Die Universität ruft zu Spenden für die Angehörigen der Opfer in den USA auf. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" titelt "Die Krieger von Pearl Harburg" - in Anlehnung an den Angriff auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg.

"Das kriegt hier jeder mit"

Zehn Jahre später erinnert an der TU Hamburg-Harburg nicht mehr viel an die Vorfälle von damals. Nur die Baracke auf dem Gelände, in der sich Mohammed Atta und seine Mitstreiter zur Islam-AG trafen, steht noch. Sie soll 2012 abgerissen werden. Die Baracke steht nicht unter Denkmalschutz, natürlich nicht. Wissen die heutigen Erstsemester um das unrühmliche Kapitel? "Spätestens nach einigen Monaten kriegt man im Gespräch mit älteren Studenten mit, dass hier einige der Attentäter studierten", erzählt der ASTA-Vorsitzende Dominik Pöltl. Seine Universität nimmt er in Schutz. Es sei "statistischer Zufall" gewesen, dass Atta in Harburg gelandet sei.

Folgen hat das Wirken der Attentäter aber bis heute. "Religiöse Arbeitsgemeinschaften sind an der Uni nicht mehr erlaubt", berichtet Pöltl im Gespräch mit NDR.de. "Auch christliche Gruppen werden nicht zugelassen." Da gelte gleiches Recht für alle.

Journalisten stürzen sich auf jeden Weggefährten

Auch der Harburger Student Volker Hauth war nach den Anschlägen plötzlich ein gefragter Mann. Er kannte Atta näher, weil beide Stadtplanung studierten und Hauth sich sehr für den Nahen Osten interessierte. 1996 arbeiteten beide sogar einige Monate lang in Kairo zusammen an einem Forschungsprojekt. Nach den Anschlägen gab Hauth etliche Interviews, beispielsweise stand er dem amerikanischen Fernsehsender ABC eine halbe Stunde lang Rede und Antwort. Immer wieder fragten die Journalisten: Wer war dieser Atta? Woher rührte der Hass auf die Amerikaner? Auch jetzt, im Vorfeld des zehnten Jahrestages, hätten sich wieder Journalisten bei ihm gemeldet, erzählt Hauth. Er will aber kein Interview mehr geben.

Im Badezimmer von Mohammed Atta

Für die Hamburger Polizei brach kurz nach den Anschlägen ebenfalls der Ausnahmezustand aus. Schon am Abend des 11. September kommt das erste Gerücht auf, dass eine Spur der Attentäter nach Hamburg führt. Der heutige Vize-Präsident der Hamburger Polizei, Reinhard Fallak war damals dabei. "Es stellte sich dann heraus, dass es die Wohnung in der Marienstraße 54 in Harbug war, in der Atta gelebt hatte", erinnert sich Fallack. "Das Problem war, dass die Wohnung schon neu renoviert war. Aber ein paar Gebrauchsspuren im sanitären Bereich, die man den Tätern zuordnen konnte, fanden die Ermittler noch", verrät Fallack. Die Bewohner der "Terror-WG" waren bereits Monate zuvor ausgezogen, Mohammed Atta hielt sich zum Zeitpunkt der Wohnungsauflösung längst in den USA auf.

9/11 und die Stationen von Mohammed Atta

FBI und CIA rücken an

Nach den Anschlägen wird schnell eine 200 Mann starke Sonderkommission gebildet, die den Spuren der "Hamburger Terrorzelle" nachgeht. Unterstützt werden die Ermittlungen von Beamten des FBI und des Geheimdienstes CIA. Aus Washington habe es Vorwürfe gegen die Hamburger Behörden gegeben, sagt der heutige Leiter des Hamburger Amtes für Verfassungsschutz, Manfred Murck. "Vom Geburtsort des Terrorismus sprachen US-Politiker." Die Zusammenarbeit mit FBI oder CIA sei aber im Allgemeinen unproblematisch gewesen. "Die Amerikaner haben ja auch gewusst, dass sie einiges verpasst hatten", meint Murck heute.

Was wurde aus dem Zirkel um Mohammed Atta?

Von den acht Männern, die die Fahnder zur "Hamburger Terrorzelle" zählten, sind noch fünf am Leben. Drei starben am 11. September 2001, weil sie als Piloten die entführten Flugzeuge steuerten. Neben Mohammed Atta waren dies Marwan Al-Shehhi und Ziad Jarrah. Auch Ramsi Binalshibb zählte zum Kern der "Hamburger Terrorzelle". Der Jemenit erhielt aber kein Einreise-Visum für die USA. Binalshibb setzte sich nach Pakistan ab, wo er im September 2002 festgenommen wurde. Er wartet im US-Gefangenenlager Guantanamo Bay auf seinen Prozess.

Zwei mutmaßliche Helfer der Terroristen standen in Hamburg vor Gericht: Mounir El-Motassadeq wurde in einem jahrelangen Verfahren zu 15 Jahren Haft verurteilt. Abdelghani Mzoudi hingegen wird 2004 freigesprochen. Heute lebt Mzoudi in Marokko. Unbekannt ist der Aufenthaltsort von Said Bahaji. Er lebte ebenfalls in der "Terror-WG" und war wenige Tage vor den Anschlägen untergetaucht - offenbar in Pakistan. Jüngsten Medienberichten zufolge ist er weiterhin für Al Kaida aktiv.

Der achte im Bunde ist Zakariya Essabar. Auch er lebte zeitweise mit Atta in der "Terror-WG". Er erhielt kein Einreise-Visum in die USA und setzte sich vermutlich im August 2001 nach Pakistan ab. Der Generalbundesanwalt erließ gegen ihn im Oktober 2001 Haftbefehl. Essabar ist bis heute untergetaucht.

Touristen vor der Tür

Die berüchtigte Wohnung in der Marienstraße 54 ist längst wieder bewohnt. Auch wenn es nach den Anschlägen mehr als ein Jahr dauerte, bis der Makler die Drei-Zimmer-Wohnung wieder vermieten konnte. Erst Ende 2002 fanden sich zwei Studenten, die sich nicht daran störten, in den Räumen zu leben. Hausbewohner erzählen, dass immer wieder mal Touristen vorbeikommen und Fotos machen - von dem unscheinbaren Nachkriegsbau, in dem die Anschläge vom 11. September vorbereitet wurden.

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NDR Info | 11.09.2011 | 11:00 Uhr

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