Staatsoper Hannover: Marco Goecke inszeniert "Der Liebhaber"

Stand: 26.02.2021 12:21 Uhr

Das erste abendfüllende Ballett von Ballettchef Marco Goecke kommt an der Staatsoper Hannover auf die Online-Bühne - eine Inszenierung frei nach dem Roman "Der Liebhaber" von Marguerite Duras.

Mehrere Tänzer knien mit nacktem Oberkörper dich beieinander auf der Bühne. © Staatsoper Hannover Foto: Ralf Mohr
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von Agnes Bührig

Indochina zu Zeiten der französischen Kolonialzeit in den 1930er-Jahren. Auf der Fahrt über den Fluß Mekong treffen sich zwei, die sich nicht treffen dürfen. Sie, eine 15-Jährige Schülerin eines französischen Gymnasiums, und er, der Sohn eines reichen Geschäftsmannes aus einer traditionellen chinesischen Familie.

Das aufgeladene Flirren einer verbotenen Liebe liegt in der Luft. "Der Liebhaber", ein Stoff, der den Choreographen Marco Goecke schon in seiner Jugend beeindruckt hat. "Duras hat mich immer fasziniert, als Schriftstellerin", schwärmt er. "Irgendwas in ihrem Werk ist für mich ähnlich umkreisend wie der Tanz. Das ist auf eine Art ungreifbar. Die Zusammensetzung ihrer Sätze, die irgendwie ein Gefühl hinterlassen, aber auf eine ganz diffuse Art. Hauptsätze so klar in ihren Ansagen und diese Hauptsätze, die schlagen auch so ein Gefühl raus."

Energetische Bewegungssprache

Auf der Bühne ist weites Wasser, das Boden und Hintergrund bedeckt, sich brechende Wellen in ockerfarben bis dunkelgrau, die an ein impressionistisches Gemälde erinnern. Davor die Tänzer in dunklen, asiatisch anmutenden Einheitsuniformen. Die Bewegungen sind synchronisiert, die Hände krallen-gleich gespreizt, Körper in der Marco Goecke eigenen energetischen Bewegungssprache.

Mehrere Tänzer knien mit nacktem Oberkörper dich beieinander auf der Bühne. © Staatsoper Hannover Foto: Ralf Mohr
Mehrfach mussten die Probenarbeiten verschoben werden. Jetzt gibt es genaue Hygienevorschriften und mehrfach die Woche Tests.

Einer von ihnen ist der gebürtige Luxemburger Louis Steinmetz, der schon in der Patti-Smith-Hommage "Thin Skin“ und zuletzt in "Kiss A Crowe" von Marco Goecke getanzt hat: "Die anderen Stücke waren immer eher abstrakte Stücke. Hier ist es mehr Charakterarbeit. Ich habe einen Charakter und ich sollte in der Beschreibung des Charakters bleiben. Ich spiele nicht mich selbst, ich spiele jemand anderen. Ich tanze jemand anderen." 

Es geht dem Ensemble immer noch darum, sich kennen zu lernen, aneinander heranzutasten - von beiden Seiten. Schließlich ist es Corona-bedingt schon der dritte Anlauf in eineinhalb Jahren, das Ballett gemeinsam zu erschaffen. Mehrfach die Woche werden die Tänzer und Tänzerinnen auf das Virus getestet, es gelten passgenau ausgearbeitete Hygienevorschriften.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit aufbauen

Doch schwerer wiegt für Marco Goecke, dass der Abstand auch das erschwert, was der 48-Jährige mit seinem Start als Ballettdirektor an der Staatsoper Hannover in der vorletzten Spielzeit verbunden hat. Es sei immer sein Wunsch eine Kompanie zu haben, mit der er ganz intensiv arbeiten könne, sagt er: "Wenn ich irgendwo anders zu Gast bin und ein Stück mache, ist es oft ganz schwer, Schwächen zuzugeben oder Momente zuzulassen, wo ich nicht weiter weiß. Und mein Wunsch war, auch zu sagen: Ich weiß jetzt nicht mehr weiter. Und da sind wir jetzt ein Schrittchen weiter, ein Schrittchen."

Die Ich-Erzählerin aus "Der Liebhaber" steht im Roman am Ende vor der Weite des Ozeans, Projektionsfläche für Erinnerungen und Träume. Die Rückkehr der Familie nach Frankreich steht kurz bevor. Ob es im Ballett auch so endet?

"Der Liebhaber" feiert am 27. Februar 2021 um 19.30 Uhr Premiere im Livestream der Staatsoper Hannover. Der Stream ist anschließend für 30 Tage online abrufbar.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.02.2021 | 09:20 Uhr