Stand: 14.11.2018 10:06 Uhr

Niedrige Löhne schaden der Gesellschaft

von Marvin Milatz
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Viel geleistet, viel bekommen? Der Lohnzettel zeigt es schwarz auf weiß.

Wer mehr leistet, soll auch mehr bekommen. Dieser Grundsatz gilt schon beim Schulzeugnis und spiegelt sich später auf dem Lohnzettel wider. Denn hinter dem Leistungsprinzip steht der gesellschaftliche Anreiz für jeden Einzelnen, erst einmal in Vorleistung zu gehen und nach Jahren der Durststrecke dann entlohnt zu werden. Deshalb verdient eine Ärztin - nach längerer Schulzeit, nach strengen Auswahlprozessen und Studium - viel und ein Bauarbeiter, der viel schneller in den Beruf starten kann, deutlich weniger. Dabei gehen beide einer gesellschaftlich relevanten Tätigkeit nach.

Ist das ungerecht? Akzeptieren die Deutschen die ungleiche Lohnverteilung, die das Leistungsprinzip unweigerlich hervorruft? Und, was macht es mit dem Bäcker und der Krankenpflegerin - den Menschen also, die am Ende des Monats weniger Geld auf dem Konto vorfinden als andere Einkommensgruppen?

Das Wunscheinkommen liegt höher, die Verteilung bleibt

Fragt man Menschen, was sie verdienen, und danach, wie viel mehr es denn sein sollte, zeigt sich: Wenn jeder das bekommt, was er gerne hätte, lägen die Löhne jeweils höher. Allerdings ähnelt die Verteilung weiterhin sehr stark der tatsächlichen Lohnkurve, also dem, was die Befragten wirklich verdienen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Die Kerndichteschätzung (y-Achse) ist ein wissenschaftliches Verfahren, um eine Verteilung darzustellen. Letztlich lässt sich die Abbildung dennoch recht simpel entziffern, da die Kurve der relativen Häufigkeit der Befragten entspricht: Das Gehalt der meisten Menschen liegt im Mittelfeld und an den Rändern finden sich jeweils nur wenige Menschen, die entweder sehr viel oder sehr wenig verdienen.

Entscheidend ist: Die tatsächliche Lohnverteilung ähnelt der von den Befragten als fair erachteten Lohnverteilung stark. "Die Tatsache, dass es Ungleichheiten gibt, wird grundsätzlich akzeptiert", sagt die Sozialwissenschaftlerin Jule Adriaans über die Ergebnisse ihrer Studie. Zwar würden Menschen am unteren Ende der Gehalsskala gerne mehr verdienen. Die Verteilung der Wunscheinkommen liegt tendenziell eher etwas höher als der eigentliche Verdienst. Auch im höheren Verdienstbereicht zwischen vier und sechstausend Euro finden sich größere Abweichungen, aber, meint Jule Adriaans, die meisten Menschen wünschten sich keine egalitärere Gesellschaft, solange das Leistungsprinzip respektiert wird.

Konsens herrscht bei niedrigen Löhnen - mit ungeahnten Folgen

Gerade wegen des in der Gesellschaft tief verankerten Leistungsprinzips gilt wohl auch: Niedrige Löhne empfinden nicht nur Menschen, die dieses Einkommen beziehen, als zu niedrig - sondern fast alle Befragten. Bei hohen Gehältern sieht es anders aus: Die Mehrheit empfindet sie als gerechtfertigt.

Das Problem: Die niedrige Bezahlung schadet nicht nur den Niedriglohnempfängern selbst, sondern auch ihrem Arbeitgeber und sogar der Demokratie an sich. Laut der DIW-Studie geben Menschen an, die ein niedriges Einkommen beziehen, dass sie ihre Arbeitsleistung minimieren. Ebenfalls ziehen sie sich politisch zurück. Ob man sich gerecht bezahlt fühlt, hat also Folgen für das gesamte politische Gefüge im Land.

"Die gefühlte Gerechtigkeit ist in einer Gesellschaft entscheidend", sagt Stefan Liebig, Direktor des Sozio-oekonomischen Panels und Co-Autor der LINOS2-Studie. "Sollen die Menschen in Deutschland das Gefühl bekommen, dass es gerechter zugeht, sind die niedrigen Arbeitseinkommen auf jeden Fall ein prioritäres Handlungsfeld. Mit der Einführung des Mindestlohns wurden hier bereits erste Schritte unternommen."

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Stefan Liebig im Gespräch

11.11.2018 16:05 Uhr
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Der Soziologe Stefan Liebig ist Herr über Tausende von Daten. Sein Institut befragt regelmäßig Menschen nach ihren Einstellungen und Lebensumständen. mehr

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Kommentar: Soziale Anerkennung ist wichtig

Stefan Liebig, Professor für Soziologie, forscht seit Jahren zum Thema Gerechtigkeit. Im Kommentar zur ARD-Themenwoche spricht er über Wertschätzung und Verfahrensgerechtigkeit. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 12.11.2018 | 14:00 Uhr