Stand: 14.08.2018 12:41 Uhr  | Archiv

Darmprovokationstest entlarvt Unverträglichkeiten

Eine Frau beugt sich nach vorne und drückt sich eine Wärmflasche gegen den Bauch. © fotolia.com Foto: absolutimages
Ein neuer Test klärt die Usachen eines Reizdarms direkt auf der Darmschleimhaut.

Bauchschmerzen und Blähungen nach dem Essen, veränderter Stuhl, immer wieder Durchfall und ungewollte Gewichtsabnahme - das sind typische Symptome eines sogenannten Reizdarms. Doch die Verdachtsdiagnose "Reizdarm" bringt die Patienten in aller Regel nicht viel weiter. Denn warum der Darm rebelliert, bleibt oft unklar - trotz eines Untersuchungsmarathons mit Blutanalysen, Stuhlproben, Magen- und Darmspiegelung. Und wer den Auslöser nicht kennt, kann auch nicht viel gegen die Beschwerden ausrichten und leidet weiter darunter.

Definition des Reizdarmsyndroms

Von einem Reizdarmsyndrom sprechen Mediziner, wenn:

  • während der letzten drei Monate an mindestens drei Tagen pro Monat Bauchschmerzen oder Unwohlsein aufgetreten sind.
  • die Beschwerden vor mindestens sechs Monaten begonnen haben.
  • zwei von drei der folgenden Aussagen zutreffen: die Beschwerden bessern sich nach dem Stuhlgang, mit dem Beginn der Beschwerden hat sich die Stuhlfrequenz geändert, mit dem Beginn der Beschwerden haben sich Stuhlkonsistenz- und aussehen verändert.

Nahrungsmittelunverträglichkeit als Ursache?

Viele Betroffene haben das Gefühl, irgendein Nahrungsmittel nicht zu vertragen - aber welches? Dies herauszufinden ist schwierig, denn bisher konnten Ärzte bestimmte Nahrungsmittelreaktionen nur indirekt nachweisen. Kieler Forscher sind jetzt einen großen Schritt vorangekommen: Sie spritzen bei einer Darmspiegelung verdächtige Nahrungsmittel direkt auf die Darmschleimhaut und beobachten dann direkt die Reaktion. Und die kann mitunter erstaunlich heftig ausfallen.

Darmprovokationstest per Endoskop

Mit der sogenannten konfokalen Laser-Endo-Mikroskopie können die Mediziner die Darmzellen in 1.000-facher Vergrößerung im lebenden Organismus beobachten und eine Reaktion auf das getestete Nahrungsmittel im Darm direkt nachweisen. Vor der Untersuchung bekommen die Patienten ein Schlafmittel und das Laser-Kontrastmittel Fluorescein injiziert. Dann wird über den Mund, durch Speiseröhre und Magen hindurch, ein Endoskop mit eingebautem Laserlicht bis in den Zwölffingerdarm eingeführt. Durch den Arbeitskanal des Endoskops spritzt der Arzt nacheinander die fünf Nahrungsbestandteile, die am häufigsten zu Unverträglichkeiten führen, auf die Darmschleimhaut: Soja, Eiweiß, Hefe, Milch und Weizen. Bei einem positiven Test reagiert die Darmschleimhaut heftig auf das Nahrungsmittel und entzündet sich innerhalb von Sekunden. Die Ärzte können durch ihr Endoskop live beobachten, wie die oberflächlichen Schleimhautzellen aufbrechen - und so die Ursache der Beschwerden eindeutig identifizieren.

Aufwendig und nicht immer erfolgreich

Der Darmprovokationstest ist eine teure Spezialuntersuchung, die derzeit noch unter Studienbedingungen durchgeführt wird. Infrage kommen nur Reizdarmpatienten, bei denen alle Standardtests keine Antwort brachten. Aber selbst auf die Darmprovokation reagieren nur drei von zehn Patienten. So bleiben beim Reizdarm weiter viele Fragen offen, an denen die Forscher weiter arbeiten müssen. Im Einzelfall gilt es zu klären, ob noch andere Nahrungsmittel für die Symptome verantwortlich sind oder ob das Reizdarmsyndrom psychisch mit bedingt ist.

Selbsttests nicht empfehlenswert

Im Internet werden zahlreiche Diagnosekits angeboten, die die Ursache des Reizdarmsyndroms entlarven sollen: Ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe soll Unverträglichkeiten und Allergien identifizieren. Vor allem das Eiweiß Immunglobulin G4 (IgG4) wird immer wieder als Marker für das Reizdarmsyndrom angepriesen, der bestimmte Lebensmittel als Ursache identifizieren soll. Doch Experten warnen, dass dieser Test nur zeige, dass der Patient das Lebensmittel schon wiederholt zu sich genommen und sein Immunsystem auf das fremde Eiweiß reagiert hat. Das sei aber ein normaler Vorgang und kein Hinweis auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Häufig schränkten Patienten aufgrund der oft mehrere hundert Euro teuren Tests ihre Ernährung sinnlos ein, weil sie fälschlich glaubten, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu vertragen.

Experten zum Thema

Priv.-Doz. Dr. Viola Andresen, MSc, Leitung Ernährungsteam
Israelitisches Krankenhaus
Orchideenstieg 14, 22297 Hamburg
(040) 511 25 - 5001/5002
www.ik-h.de/leistungsspektrum/ernaehrungsmedizin

Priv.-Doz. Dr. Mark Ellrichmann, Oberarzt, Leiter Interdisziplinäre Endoskopie
Medizinische Klinik I - Schwerpunkt Gastroenterologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3, 24105 Kiel
www.uksh.de/innere1-kiel/Klinikschwerpunkte/Gastroenterologie.html

Weitere Informationen
Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Krankheiten von Magen, Darm und Leber sowie von Störungen des Stoffwechsels und der Ernährung (Gastro-Liga) e.V.
Friedrich-List-Straße 13, 35398 Gießen
(0641) 97 48 10
www.gastro-liga.de

Reizdarm.one - umfangreiches Informationsangebot für Reizdarm-Patienten
Cara Care - Praxis für medizinische Ernährungsberatung
www.reizdarm.one

Ratgeber
Giulia Enders: Darm mit Charme - Alles über ein unterschätztes Organ.
304 Seiten; Ullstein (2017); 16,99 Euro

Günther H. Heepen: Chaos im Darm - Hilfe aus der Natur bei Leaky-Gut-Syndrom, Darmpilzen, Reizdarm, Allergien und Verstopfung.
128 Seiten; Gräfe und Unzer (2017); 14,99 Euro

Weitere Informationen
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Visite | 14.08.2018 | 20:15 Uhr

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