Stand: 22.06.2020 18:13 Uhr

CAR-T-Zellen: Gentherapie gegen Krebs

Grafik von Krebszelle zwischen roten Blutkörperchen © Fotolia.com Foto: psdesign1
Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene Abwehrzellen so verändert, dass sie Krebszellen vernichten können.

Gentechnisch veränderte Immunzellen gehören zu den innovativsten Therapieverfahren für die Behandlung Schwerkranker mit bestimmten Formen von Blut- und Lymphdrüsenkrebs. Die sogenannte CAR-T-Zelltherapie ist für die Behandlung der Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL) und des B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphoms zugelassen, wenn die bisherigen Therapieverfahren erfolglos bleiben. In einigen Fällen führte diese aufwendige und rund 300.000 Euro teure Gentherapie bereits bis zur vollständigen Tumorfreiheit. Sie verändert körpereigene Abwehrzellen so, dass sie Krebszellen jagen und vernichten. Das Besondere dieses neuen Verfahrens ist, dass es individuell auf den einzelnen Patienten und seinen Tumor abgestimmt ist.

VIDEO: CAR-T-Zellen: Gentherapie gegen Krebs (6 Min)

CAR-T-Zelltherapie verändert körpereigene Killerzellen

Krebszellen haben die Fähigkeit, sich zu tarnen und so vor den Killerzellen des Immunsystems, den sogenannten T-Zellen, zu verstecken. Die CAR-T-Zelltherapie stattet die T-Zellen durch gentechnische Veränderungen mit einem neuen Rezeptor (Chimeric Antigen Receptor) aus, der genau an diese getarnten Krebszellen im Blut andockt und die T-Zellen in die Lage versetzen soll, sie zu vernichten. Aus dem Blut der Patienten werden T-Zellen gewonnen, in flüssigem Stickstoff tiefgefroren in ein Gen-Labor einer US-Pharmafirma geschickt. Dort werden sie mithilfe eines Virus gentechnisch verändert und anschließend wieder zurückgeschickt, aufgetaut und per Infusion in die Vene des Patienten zurückgegeben. Wieder im Körper, vermehren sich die Killerzellen tausendfach, sollen auf die Jagd gehen und den Tumor vernichten. Sie bleiben jahrelang aktiv und sollen so jedes Aufflammen der Krebszellen im Keim ersticken.

Bisher war das Verfahren vor allem bei Leukämien und Lymphomen erfolgreich, also bei Blut- und Lymphdrüsenkrebs. In der Bekämpfung solider Tumoren, zum Beispiel in der Leber, im Magen oder in der Brust, ist die Gentherapie dagegen noch ein Thema der Grundlagenforschung. Hier geht es zunächst darum herauszufinden, welche gewebespezifischen Faktoren für Erfolg oder Misserfolg dieser Therapie entscheidend sind.

CAR-T-Zellen können schwere Nebenwirkungen auslösen

Die gentherapeutische Manipulation des Immunsystems kann dramatische Folgen haben und lebensgefährliche Entzündungsreaktionen im Körper, einen sogenannten Zytokin-Sturm mit hohem Fieber, Blutdruckabfall, Luftnot und neurologischen Störungen auslösen. Wie der Körper eines Patienten reagiert, lässt sich im Vorfeld nicht testen, denn die CAR-T-Zellen sind ein Medikament, das sich erst im Körper des Patienten vermehrt. Doch in den meisten Fällen lassen sich die Nebenwirkungen durch immunsuppressive Medikamente beherrschen, sodass die einmalig durchzuführende Therapie trotz des Risikos todkranken Menschen eine einmalige Chance bieten kann. Nach bisherigen Erfahrungen schrumpft der Tumor bei 60 bis 80 Prozent der Patienten, etwa 40 Prozent können sogar eine komplette Remission erreichen, also den Tumor letztlich besiegen.

Bereits zugelassene Therapien und Blick in die Zukunft

Bisher sind zwei CAR-T-Zelltherapien zugelassen, die bislang bei drei Formen von Leukämien (ALL, PMBCL) und Lymphomen (DLBCL) eingesetzt werden dürfen, wenn Standardtherapien nicht mehr helfen. Vor der Zulassung stehen CAR-T-Zelltherapien zur Behandlung der Akuten Myeloischen Leukämie (AML), des Multiplen Myeloms und von Metastasen des Bauchspeicheldrüsenkrebses. Erste Tests am Menschen laufen derzeit bei Tumoren in Brust, Lunge, Darm, Prostata und im Gehirn. Varianten dieser Therapie könnten eines Tages auch eine HIV-Infektion oder bestimmte Autoimmunkrankheiten heilen, hoffen Forscher.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Nicolaus Kröger, Klinikdirektor
Prof. Dr. Francis Ayuk, Leitender Oberarzt
Klinik für Stammzelltransplantationen
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
(040) 7410-54851
www.uke.de

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Visite | 22.06.2020 | 20:15 Uhr

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