Stand: 22.02.2019 18:56 Uhr

Wenn Maschinen Gefühle produzieren

von Andrea Schwyzer

In einer neuen Serie beschäftigt sich NDR Kultur mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Redakteurin Andrea Schwyzer hat recherchiert, was bezüglich KI auf dem Gebiet der Literatur schon möglich ist.

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Können Roboter bald Romane verfassen?

"Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte." Eine kurze Textpassage aus dem vorläufig letzten Kapitel von "Harry Potter". Nein, nicht von J.K. Rowling verfasst, sondern von einem Roboter. Dass der mitunter noch nicht zaubern kann, lässt sich an diesem einen Satz über Harry und Voldemort ganz gut ablesen.

"Da kommt ganz oft Bullshit raus"

Den Kultur- und Technikexperten Holger Volland überrascht das nicht: "Das ist ehrlicherweise eine ähnlich schwache Geschichte wie: KI vollendet Schuberts Unvollendete." Denn die Maschine bedient sich schlussendlich bei J.K. Rowling oder bei Schubert - lernt, wie diese Menschen ihre Bücher geschrieben, ihre Musik komponiert haben, erklärt Volland: "Wenn man genauer hinsieht, dann schaffen es Forscher, bei dem Roman zum Beispiel mittels Trainings von Romanstrukturen - also, wie schreiben Schriftsteller Sätze, wie treiben sie eine Handlung voran, wie benutzen sie Wörter - Algorithmen dazu zu bringen, etwas Ähnliches zu vollbringen. Da kommt aber ganz oft Bullshit raus. Das heißt, es braucht dann immer noch den Menschen, der diesen Bullshit so 'zusammenkuratiert', dass am Ende etwas dabei herauskommt, was lesenswert ist."

Großer Fortschritt

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Holger Volland hat ein Buch über Künstliche Intelligenz geschrieben: "Die kreative Macht der Maschinen".

Applaudieren darf man den Wissenschaftlern, die an der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz arbeiten, trotzdem, resümiert Volland. Denn, auch wenn es Roboter noch nicht schaffen, einen Bestseller zu schreiben, so sind sie ihrem Ziel doch schon wesentlich näher als noch vor 60 Jahren, weiß der KI-Experte: "Wenn man das vergleicht, was in den 1960er-Jahren von Maschinen geschrieben wurde, im Stile von Shakespeare, und das, was vor wenigen Monaten von IBM in Australien veröffentlicht wurde, dann ist der Fortschritt ganz ungemein. Man kann sich vorstellen, dass in wenigen Jahren womöglich eine Software einen Roman schreiben kann."

Dilemma bei den Verlagen

Nur schade, dass die Entwicklung von KI an vielen vorbeizugehen scheint, bedauert der Vizepräsident der Frankfurter Buchmesse. Aktuell läuft eine, von der Buchmesse mitgetragene, weltweite Untersuchung, die herausfinden will, wie weit sich die Verlagswelt bereits mit KI und Maschinenlernen beschäftigt. Erste Ergebnisse zeigen: Die meisten Verlage haben weder Expertise noch Ressourcen, um sich mit KI zu beschäftigen, obwohl das Veränderungspotenzial von den Befragten als riesig eingeschätzt wird. Dieses Dilemma könnte dazu führen, dass nicht Branchenexperten über die Zukunft ihrer Branche entscheiden, sondern Technologieunternehmen.

Zu intelligent für "Siri"

Holger Volland plädiert deshalb dafür, sich mit KI auseinanderzusetzen. Er selbst tut das intensiv: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hat er das digitale Kulturfestival "The Arts+" gegründet und ein Buch zum Thema geschrieben: "Die kreative Macht der Maschinen - Warum künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken". Geschrieben hat er es übrigens auch mit Hilfe eines Roboters: "Ich habe mich tatsächlich der KI bedient. Ungefähr bei der Hälfte des Buches tat mir mein Arm weh, und mein Arzt hat mir das Tippen verboten. Also habe ich Teile des Buches 'Siri' diktiert. Ich verrate aber nicht, welche Teile. Ich kann nur so viel sagen: Die zwei Kapitel, die ich 'Siri' diktiert habe, musste ich hinterher komplett überarbeiten, weil 'Siri' ungefähr die Hälfte der Wörter nicht verstanden hat bzw. einfach die Sätze nicht korrekt abgebildet hat."

Noch, scheint es, wird die Sprachassistentin von "Apple" also nicht Bücher für uns schreiben, geschweige denn die Macht über uns Menschen übernehmen können.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.02.2019 | 19:00 Uhr

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