Schüler einer Schulklasse tragen während des Unterrichtes im Klassenraum bei offenem Fenster Jacken. © imago images Foto: Reichwein

Schulen und Corona: "Wir sind Blitzableiter"

Stand: 16.11.2020 05:00 Uhr

In Corona-Zeiten unterliegen auch die Schulen im Land den Corona-Verordnungen. Doch die passen nicht allen. Die Mitarbeiter der Schulen geraten deshalb zwischen Eltern und Politik.

von Sven Brosda und Christian Schepsmeier

Manchmal muss er den Kollegen einfach zeigen, was da alles bei ihm im Postfach landet. "Damit die sehen, wie breit das Spektrum ist", sagt Thorsten Schöß-Marquardt, Leiter der Gemeinschaftsschule in Barsbüttel (Kreis Stormarn). Zum Beispiel liegt da dieser Brief von einem Hamburger Arzt, der sich im Namen der "Ärzte für Aufklärung" gegen die Corona-Schutzmaßnahmen an seiner Schule wendet. Der Brief beginnt als Warnung vor Gesundheitsschäden, die das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung hervorrufen könne. Dann spricht der Verfasser den Schulleiter direkt an: "Wir werden Sie zur Verantwortung ziehen", steht da - und: "Sie werden sich nicht mehr darauf berufen können, Sie hätten nur eine Anordnung umgesetzt."

Mitten in der Auseinandersetzung

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und telefoniert.
Thorsten Schöß-Marquardt ist Leiter der Gemeinschaftsschule in Barsbüttel. Ihn erreichen unter anderem Briefe von Eltern, die gegen die Corona-Maßnahmen sind.

Schöß-Marquardt hat das Schreiben nicht nur seinem Stellvertreter und der erweiterten Schulleitung gezeigt, sondern es auch an die Schulaufsicht weitergeleitet. "Ich habe zuerst in der persönlichen Formulierung eine Bedrohung wahrgenommen. Weil man sich ja schon fragt: Was bedeutet das, 'zur Verantwortung' gezogen zu werden?" Er wisse allerdings, dass er nicht der Einzige sei, der auf solche Weise angesprochen wird: "Da wird einem schon bewusst, wie direkt man in der Auseinandersetzung ist in diesen gesellschaftlichen Themen." Der Hamburger Arzt, der das Schreiben der "Ärzte für Aufklärung" verschickt hatte, sagte auf Anfrage des NDR Schleswig-Holstein: Es gehe ihm dabei lediglich um juristische Konsequenzen für den Schulleiter.

Druck von allen Seiten

Uwe Niekiel weiß, wie viel Druck die Schulen aushalten müssen. "Die Schulleitungen sind Blitzableiter", sagt er. Als Vorsitzender des Schulleitungsverbandes Schleswig-Holstein vertritt Niekiel 350 Mitglieder. "Wir müssen Entscheidungen wie die Maskenpflicht vertreten, obwohl wir an den Entscheidungen selbst nichts ändern können." Die Kritik komme von allen Seiten: Eltern, die ihr Kind nicht in die Schule schicken wollen, weil sie es dort nicht dem Risiko einer Infektion aussetzen wollen; Eltern, die es eher für gesundheitsschädlich halten, wenn ihr Kind eine Maske trägt; und nicht zuletzt die Sorgen der Lehrer und Lehrerinnen. "Sie kommen ja mit vielen Kindern zusammen. Da ist die Angst bei manchen größer als wenn man im Homeoffice sitzt." 

Uwe Niekiel leitet selbst eine Grundschule in Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen). Dort hätten Unbekannte Brandbriefe unter die Scheibenwischer der Lehrerautos geklemmt, erzählt er - um die Maskenpflicht im Unterricht zu kritisieren. "Den meisten Ärger hört man aber beim Einkaufen, an der Kasse oder wenn Eltern sich treffen und heißreden", sagt Niekiel. "Das ist belastend im Alltag. Man könnte die Energie gern woanders reinstecken."

 Konflikte müssen vor Ort geregelt werden

Die Schulaufsicht im Bildungsministerium nimmt den Druck auf die Schulleiter wahr. "Sie haben unheimlich viele Situationen, in denen sie selbst in die Klärung einsteigen müssen", sagt Abteilungsleiter Alexander Kraft. Er und die 40 Beamten in der Schulaufsicht könnten da nur durch geeignete Rahmenvorgaben helfen. "Die Aushandlung muss in der Regel vor Ort gelingen", sagt Kraft, "wir können ja keine Ordnungsbehörden in die Schulen schicken." Dabei sind die Konfliktfelder vielfältig: Eltern, die zum Beispiel argumentieren, sie würden im Gesundheitssystem arbeiten, deshalb müsse ihr Kind aus dem Unterricht genommen werden, um die Gefahr einer Ansteckung zu minimieren - oder aber Eltern, die vom Schulleiter eine persönliche Haftungserklärung fordern, für den Fall, dass ein Kind durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gesundheitlich geschädigt werde.

Mehrere solcher Schreiben seien bei Schulleitungen in Schleswig-Holstein angekommen. "Wir haben das gelöst, indem wir in einem Antwortschreiben darauf hingewiesen haben, dass das Robert Koch Institut das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes empfiehlt", sagt Kraft, "und wir haben auch klargestellt, dass eine Haftung von Schulleitern für eventuelle Schädigungen nicht gegeben ist." Zu dem Schreiben der "Ärzte für Aufklärung" an den Barsbütteler Schulleiter sagt Kraft entsprechend: "Die Schulleitungen sind dafür gar nicht die richtige Anlaufstelle".

Maskenverweigerer: Wenige Fälle, großer Effekt

Mit klaren Regeln stärke die Schulaufsicht den Schulleitungen im Land den Rücken, meint Alexander Kraft. "Wir nehmen auf, was jetzt die Herausforderungen sind und berücksichtigen das auch für die weitere Ausgestaltung der Regeln", sagt er. Schließlich ende die aktuelle Coronaverordnung für Schulen in zwei Wochen. Er sei in jedem Fall weiterhin davon überzeugt, dass es richtig sei, den Präsenzunterricht an den Schulen nicht zu stoppen und auf Masken zu setzen: "Eine große Gruppe der Eltern und Kinder unterstützt das."

Nur ein geringer Anteil der Schüler dürfe aus medizinischen Gründen auf eine Maske verzichten, noch geringer sei der Anteil derjenigen, die das Tragen einer Maske ohne Attest verweigern: Nach den Erkenntnissen einer Abfrage aus dem September weigerten sich demnach an rund 100 Schulen nur rund 350 Kinder - bei mehr als 360.000 Schülerinnen und Schülern in Schleswig-Holstein. "Aber jeder einzelne Fall muss von Lehrkräften und Schulleitungen sehr eng begleitet werden. Da müssen viele Gespräche geführt werden", sagt Alexander Kraft, "und es wird auch aus dem Umfeld sehr genau betrachtet, was da passiert. Denn wenn alle mitmachen und einzelne nicht, dann haben wir die Schwierigkeit, dass die Akzeptanz nicht da ist."

Nach vorne schauen

An der Gemeinschaftsschule in Barsbüttel sind die Arbeitstage von Schulleiter Schöß-Marquardt im November noch einmal länger geworden. Ein Wochenende gibt es nicht. "Das ist so", sagt er, "uns muss auch klar sein: Wir setzen hier Entscheidungen der Politik um." An diesem Tag telefoniert er noch mit der Gemeinde Barsbüttel, ob noch Geld für Trennglasscheiben im Lehrerzimmer da sei. Dann kümmert er sich darum, dass Lehrer und Lehrerinnen, die ohne Symptome in Quarantäne sind, von zu Hause aus Unterricht geben können. "Homeschooling mal andersrum", sagt er. Nebenbei müsse er natürlich auch den normalen Betrieb am Laufen halten: Prüfungen, Dienstpläne, Schulentwicklung.

Niekiel vom Schulleitungsverband kann nachvollziehen, wie viel Mehraufwand das für die Schulen bedeutet. "Feierabend hat man als Schulleiter ja sowieso nie. Aber das kommt jetzt eben alles noch obendrauf", sagt er. "Wir müssen mit Corona leben. Nützt ja nichts, wenn wir nun auch noch in den Pausen dasitzen und Trübsal blasen. Uns bleibt nichts anderes, als nach vorne zu schauen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.11.2020 | 06:00 Uhr

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