Stand: 15.08.2019 23:55 Uhr

Wie Milchbauern sich bessere Preise sichern

von Verena von Ondarza, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Die niedrigen Milchpreise setzen Bauern stark zu. Die Landwirte sehen sich als Opfer des Weltmarktes, der ihnen niedrige Preise diktiert. Wie man als Milchbetrieb dennoch profitabel wirtschaften kann, zeigen zwei Beispiele aus Schleswig-Holstein.

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Würde Jörn Siercks seine Milch an die nächstgelegene Molkerei liefern, müsste er den Betrieb einstellen, sagt er.

Auf dem Hof der Siercks ist auch am Vormittag viel los. Die Kühe sind zwar schon längst gemolken und stehen auf der Weide. Aber gerade kommt einer der Hoflieferanten von seiner ersten Tour zurück. Mit drei Lieferwagen beliefern die Siercks Kindergärten, Schulen, Restaurants und Privatkunden in der Region. Ihr Milchvieh-Betrieb hat eine Durchschnittsgröße in Schleswig-Holstein: 80 Kühe, Bullenmast, Kälberaufzucht und 100 Hektar Land. Würden sie ihre Milch einfach an die nächstgelegene Molkerei liefern, würde es ihren Hof vielleicht nicht mehr lange geben, sagt Jörn Siercks. Denn für seinen Betrieb ist der aktuelle Marktpreis für Rohmilch von etwas mehr als 30 Cent pro Liter nicht kostendeckend: "So gesehen arbeiten wir im Schnitt für geringere Stundenlöhne, als man eigentlich kalkulieren müsste."

Verarbeitung in der eigenen Meierei

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Knapp die Hälfte der Milch wird in der von Gunda Siercks betriebenen Meierei weiterverarbeitet und verkauft.

Aber die Siercks haben sich schon vor zehn Jahren entschieden, anders zu wirtschaften als der Durchschnitt. In einem Teil des Hofes hat sich seine Frau Gunda Siercks eine eigene Meierei aufgebaut: "In dem einen Fass haben wir heute Morgen knapp 500 Liter Joghurt angesetzt, der reift den ganzen Tag. In der Nacht können wir dann den Joghurt abfüllen. Und wir haben schon Milch reinpasteurisiert für morgen früh. Und in dem anderen Fass haben wir Butter und Buttermilch."

Das Prinzip Milchmann

Knapp die Hälfte der Hofmilch landet so in der eigenen Produktion und Vermarktung. Die andere Hälfte liefert er an eine regionale Molkerei, die etwas höhere Preise zahlt. Die Siercks sind damit fast unabhängig vom globalen Milchmarkt. Ihren Milchpreis verhandeln sie am Frühstückstisch, sagt Gunda Siercks: "Mein Mann guckt, was er mindestens haben muss, damit er vernünftig wirtschaften kann. Damit er seinen Lohn rausbekommt und damit er für Investitionen noch etwas zurücklegen kann. Darauf baue ich dann letztendlich meinen Milchpreis auf." Die Siercks haben mit Hofladen und Lieferung das Prinzip Milchmann wiederbelebt. Elf Mitarbeiter beschäftigen sie heute in Produktion und Vertrieb. Die letzte Milchkrise im Jahr 2015 konnten sie so fast als Außenstehende beobachten.

Der Kopf einer Kuh in Nahaufnahme. © NDR Foto: Claudia Timmann

Wie man als Milchbauer überleben kann

NDR Info - Wirtschaft -

Von der Milch alleine können viele heimische Bauern heute nicht mehr leben. Der moderne Milchviehhalter braucht Ideen, um konkurrenzfähig wirtschaften zu können.

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Milchpreise schwanken stark

Das Gros der Milchbauern aber war mittendrin. Fast die gesamte Rohmilch in Deutschland vermarkten sie über Vertragsmolkereien. Die garantieren zwar, dass sie die komplette Menge abnehmen. Den Preis dafür aber erfahren die Landwirte erst im Nachgang - abhängig vom Vermarktungserfolg ihrer Molkerei und vom Weltmarktpreis. In den vergangenen zehn Jahren schwankte der zwischen 20 und 40 Cent - teils mit schnellen Ausschlägen. Ein Preisdruck, dem nicht alle Betriebe dauerhaft standhalten: Pro Jahr geben vier bis fünf Prozent der Milchviehhalter ihren Betrieb auf.

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Mit seiner Börsen-App will Frederik Karnath (r.) Landwirte an die Warenterminbörse in Leipzig bringen. Milchbauer Detlef Horstmann kann so am Ende Preisschwankungen ausgleichen.

Die Landwirte als Opfer der Preisdynamik am Weltmarkt: Das war auch das Bild, das sich Frederik Karnath bot, als er vor seinem Landwirtschaftsstudium sein erstes Praktikum in einem Milchviehbetrieb machte: "Es ist natürlich fatal, wenn man keinen Einfluss auf seinen Verkaufspreis hat - und die Produktionskosten festgezurrt sind. Das ist für einen Unternehmer ein gefährliches Unterfangen - gerade bei diesen Preisschwankungen."

Via Börsen-App zum Milchhändler

Mit seinem Start-up Kuhdo, einer Börsen-App für den Milchmarkt, will er die Landwirte mit an den Handelsplatz für Milchpulver, Butter und Flüssigmilch holen: die Warenterminbörse in Leipzig. Hier wird auf die Milchpreise der Zukunft gewettet. Heute ist Karnath zu Besuch bei seinem Kunden Detlef Horstmann, der einen konventionellen Großbetrieb mit knapp 1.000 Kühen führt. Gemeinsam schauen sie aufs Smartphone. Eine Grafik bildet die Handelskurse in Leipzig ab. Eine rote Linie markiert Horstmanns Kosten und zwei Mindestpreisschwellen, die Horstmann selbst definiert hat. So kann er auf den ersten Blick sehen, wann der Handelspreis in Leipzig für ihn interessant wird. Vor drei Monaten hat er das erste Mal zugeschlagen: "Ich habe die ersten Mengen angeboten, 30 Prozent einer Monatsmenge, so 120.000 Kilo, zu einem Kurs von 31,70 oder 31,78 Cent."

Ziel ist ein möglichst stabiler Preis

In neun Monaten, also ein Jahr nach seinem ersten Geschäft, wird abgerechnet. Wenn der Milchpreis dann unter dem Preis liegt, den er sich hier gesichert hat, macht Horstmann an der Börse Gewinn. Der kann ihm dann helfen, die geringeren Einnahmen von der Molkerei auszugleichen. Sollten die Preise aber über den gesicherten Preis von Horstmann steigen, dann kann er zumindest für diesen Teil seiner Milchproduktion nicht von der Preissteigerung profitieren. Beide Geschäfte zusammen, die Spekulation an der Börse und der reale Handel mit der Molkerei, gleichen sich am Ende idealerweise aus. Das Ziel ist ein stabiler Milchpreis, mit dem Landwirte planen können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 16.08.2019 | 06:41 Uhr

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