Tetenhusen: Wie ein Dorf in Schleswig-Holstein klimaneutral werden will

Stand: 29.09.2021 16:53 Uhr

Zuerst wollten drei Brüder aus Tetenhusen nur ihre Firmenhalle klimafreundlich heizen. Schließlich entstand die Idee für ein klimafreundliches Wärmenetz für das ganze Dorf.

von Jonas Kühlberg

Eigentlich fing für Jens, Arne und Torben Dau aus Tetenhusen im Kreis Schleswig-Flensburg alles ganz klein an. Vor ein paar Jahren waren sie auf einer Messe für Landwirte unterwegs und suchten nach einer klimafreundlichen Heizmöglichkeit für ihre Firmenhalle. Dort wurde eine Wärmeanlage mit Holzhackschnitzeln vorgestellt. Über einen Bekannten kamen sie dann auf die Idee: Warum nur die eigene Firmenhalle und nicht gleich das ganze Dorf damit heizen?

Inzwischen ist aus der Idee reichlich Handfestes geworden: Seit anderthalb Jahren arbeiten die drei Brüder an ihrem eigenen Nahwärmenetz. Das Netz soll seine Abnehmer künftig zu fast 100 Prozent klimaneutral versorgen. Klimaneutral deshalb, weil bei der Verbrennung der Hackschnitzel nur soviel Kohlenstoffdioxid gelöst werden kann, wie der Baum während seiner gesamten Lebenszeit aufgenommen hat.

Drei Männer in weißen Hemden stehen in einer Maschinenhalle. © NDR
Die drei Dau-Brüder wollen ihr Dorf nun klimaneutral mit Wärme versorgen.

Die Anlage steht auf dem Firmengelände mitten im Dorf. Hier werden die Schnitzel verbrannt und erhitzen einen Wassertank. Durch gedämmte Erdleitungen kommt das heiße Wasser dann zum Heizen zu den Tetenhusenern nach Hause. "Und wenn doch einmal die Heizung ausfällt, gibt es eine Notversorgung zur Absicherung", versichert Jens Dau. 3.000 Kubikmeter Holzhack-Schnitzel werden so in einem Jahr verbrannt.

Preise wettbewerbsfähig gegenüber Heizöl und Gas

40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen werden in Deutschland durchs Heizen verursacht. Hier gibt es ein hohes Einsparpotential für das Klima, finden die drei Brüder. Doch für den Verbraucher ergeben sich noch weitere Vorteile durch das zentrale Heizen mit den Holzschnitzeln. Als Energieversorger könnten sie konstante Energiepreise garantieren und seien so "wettbewerbsfähig gegenüber Heizöl und Gas", so Arne Dau.

Bis zu 250.000 Liter Heizöl weniger

Hauseigentümer Helmut Zehrt © NDR
Holger Zehrt ist jetzt schon ein Abnehmer der Dau-Brüder.

Einer von den rund 40 Haushalten, die in Tetenhusen schon angeschlossen sind, ist das Grundstück von Holger Zehrt. Er ist gerade erst vor drei Wochen umgestiegen und freut sich, dass er nun gar keine Heizungsanlage mehr im Keller stehen hat. "Das Heizen mit Öl, Gas wäre für mich auch nicht mehr infrage gekommen - auch aufgrund der CO2-Steuer jetzt", sagt Zehrt. Er zahlt nun nur noch eine monatliche Grundgebühr und seinen individuellen Verbrauch. In einigen Jahren wird sich das Heizen dann auch rechnen. Aber für Schornsteinfeger und Instandhaltung bezahlt er schon heute nichts mehr.

70 bis 80 Prozent der Haushalte in Tetenhusen haben bis vor Kurzem noch mit fossilen Energieträgern geheizt. Dies ergebe etwa 200.000 bis 250.000 Liter Heizöl und einen CO2-Anteil von 850 bis 900 Tonnen Kohlendioxid im Jahr, rechnen die Dau-Brüder vor. Ganz schön viel für einen Ort, der nicht einmal 1.000 Einwohner zählt. Um an das Holz für die Schnitzel zu kommen, müssen die Tetenhusener übrigens auch nicht ihre schönen Alleebäume abholzen. Bei den Holzhackschnitzeln handele es sich um Resthölzer aus der Industrie, versichert Jens Dau. Dazu kommen noch jene aus der Knickpflege. Diese wären auch ohne das Kraftwerk angefallen und hätten trotzdem entsorgt werden müssen. "Wir nehmen kein Holz aus extra gepflanzten Wäldern für die Industrie", erklärt auch Bruder Arne Dau. "Das Holz ist in der Region sowieso da, weil es Knickholz ist und von Straßenrändern und Schlägeschnitten übrig bleibt."

Holzhackschnitzel als klimafreundliche Alternative?

Kritiker meinen, dass es sich beim Heizen mit Holzhackschnitzeln keineswegs um eine CO2-neutrale Heizmethode handelt. Denn wenn Holz verbrennt, wird natürlich auch Kohlendioxid freigesetzt. Laura Reimers, Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute (BDF) in Schleswig-Holstein bestätigt das. So ein Baum könne eben so viel CO2 beim Verbrennen freisetzen, wie er in seinem Lebenszyklus durch die Fotosynthese auch aufgenommen habe.

Das bestätigt auch Gunter Gehlert, Professor für Gebäude- und Umwelttechnik an der Fachhochschule Heide. Wenn es sich bei den Holzhackschnitzeln um Knickschnittholz handelt, was sonst nur abtransportiert und kompostiert wird, könne man allerdings schon von einer klimaneutralen Heizmethode ausgehen. "Wenn ein paar das machen, dann ist das gut. Wenn das jeder macht, ist das ein Problem", gibt er jedoch zu Bedenken. Ganz Schleswig-Holstein ließe sich so keineswegs klimaneutral heizen. Hierfür müssten dann Wälder angepflanzt oder gar Holz importiert werden. Gerade Transportwege aber wirken sich sehr negativ auf die Klimabilanz aus. Holzhackschnitzel zu verfeuern, so sie denn durch die Knickpflege in Schleswig-Holstein anfallen, sei jedoch energieeffizienter als wenn sie kompostiert würden. "Solange es regional bleibt", so Gellert.

In Tetenhusen kommen die Hackschnitzel aus der Knickpflege nun nicht mehr auf den Kompost, sondern ins zentrale Holzhackschnitzelwerk der Dau-Brüder. Das erspart der Umwelt nun die Emissionen aus fossilen Energieträgern wie Heizöl und Gas.

Hinweis: Auf Nachfrage haben wir im Artikel ergänzt, warum das Verbrennen von Holz in diesem Fall als klimaneutral angesehen werden kann und dass das verbrannte Material zusätzlich aus Abfällen der Knickpflege stammt. Außerdem haben wir den Titel angepasst. Zuvor hieß es "Tetenhusen: Wie ein Dorf in Schleswig-Holstein klimaneutral wird".

 

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Schleswig-Holstein Magazin | 28.09.2021 | 19:30 Uhr

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