Stutthof-Prozess: "Wir hatten Angst vor dieser Frau"

Stand: 06.09.2022 21:10 Uhr

Im Verfahren gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. hat am Dienstag der letzte Zeuge der Nebenklage vor dem Landgericht Itzehoe ausgesagt. Seine Angaben waren jedoch widersprüchlich.

Der KZ-Überlebende Chaim Golani ist am Dienstagvormittag mit Hilfe eines Dolmetschers per Videoschalte aus Israel befragt worden. Der 92-Jährige sagte zunächst, die Angeklagte habe "alles mit angesehen, sie hat uns verflucht und erniedrigt". Weiterhin gab er an, Irmgard F. habe den Kommandanten morgens und abends im Lager begleitet. Sie habe häufig SS-Uniform und Stiefel getragen. "Wir hatten Angst vor dieser Frau", so Golani.

VIDEO: Der letzte Zeuge im Stutthof-Prozess (1 Min)

Zeuge will Angeklagte nie selbst gesehen haben

Später sagte der Zeuge jedoch, dass er die Angeklagte nie selbst gesehen habe. "Ich persönlich kannte sie nicht, ich weiß nichts über sie. Ich habe sie nie gesprochen oder direkt gesehen", antwortete er auf Nachfrage des Richters. Auch bei anderen Aussagen gab es Widersprüche, etwa beim Geburtsdatum des Zeugen und dem Zeitpunkt, an dem er im Konzentrationslager Stutthof ankam.

Golanis Anwalt sprach von einem "Erinnerungsfehler". Möglicherweise habe es sich zum Beispiel bei dem SS-Mann, den Golani im Lager mit einer Frau gesehen habe, nicht um den Kommandanten, sondern um einen untergeordneten Befehlsgeber gehandelt. Es sei aber durchaus realistisch, dass dieser von einer Frau in Uniform und Stiefeln begleitet worden sei.

Erfahrungen im Lager: "Jeden Tag wurden Leichen verbrannt"

Der 92-Jährige war nach Angaben einer Gerichtssprecherin der letzte Zeuge, der als Nebenkläger aussagte. Nach eigenen Angaben wurde er im Dezember 1943 in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Mitte Februar 1944 sei er aus Stutthof weggebracht und später durch die französische Armee befreit worden.

Der KZ-Überlebende berichtete auch von seinen Erfahrungen in dem Lager. Er habe dort Wertsachen und Schuhe von Verstorbenen sortieren müssen. In Stutthof habe er zunächst im Wald und dann zwei bis drei Wochen im Krematorium arbeiten müssen. "Jeden Tag hat man dort Leichen verbrannt, und ich war dabei", sagte Golani. Die Gefangenen seien verprügelt und mit der Peitsche geschlagen worden.

Prozess wird Mitte September fortgesetzt

Die heute 97 Jahre alte Irmgard F. soll von Juni 1943 bis April 1945 als Zivilangestellte in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof gearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, durch ihre Schreibarbeit Beihilfe zum systematischen Mord an mehr als 11.000 Gefangenen geleistet zu haben.

Das Gericht hat bereits sieben andere Überlebende und einen ehemaligen Wachmann des Lagers vernommen. Keiner von ihnen konnte Angaben zu der Angeklagten machen. Der nächste Verhandlungstag ist für kommenden Dienstag angesetzt, dann soll erneut ein historischer Sachverständiger vernommen werden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.09.2022 | 20:00 Uhr

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