Polizeibeamte räumen Gegenstände der Razzia in ein Auto. © Danfoto Foto: Danfoto

Rockergruppe "United Tribuns" verboten: Razzien in SH

Stand: 15.09.2022 20:24 Uhr

Sexualstraftaten, Menschenhandel und versuchte Tötungsdelikte - die Liste der Vorwürfe gegen die rockerähnliche Gruppierung "United Tribuns" ist lang. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat den Verein und seine Teilorganisationen jetzt verboten.

In Schleswig-Holstein wurden am Mittwoch 37 Objekte der Rockergruppe durchsucht - unter anderem in Lübeck, Kiel und im Kreis Segeberg. Das Ziel: Beweissicherung und Vermögenseinziehung. Von den bundesweit 13 Chaptern der "United Tribuns" befinden sich vier in Schleswig-Holstein - nach NDR-Informationen in Rendsburg, Kiel, Bad Bramstedt und Lübeck. "Es war ein großer, bundesweiter Einsatz. Aber ich glaube, man kann sagen mit Schwerpunkt in Schleswig-Holstein. Hier waren 434 Beamtinnen und Beamte im Einsatz", sagte Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU). Laut Innenministerium unterstützten auch Beamte aus anderen Bundesländern die Razzien, auch Spezialkräfte waren dabei. Am Mittwochmittag waren die Durchsuchungen laut Innenministerium weitgehend abgeschlossen.

Beschlagnahmt haben die Einsatzkräfte dabei unter anderem Drogen wie Kokain, Haschisch und Marihuana, aber auch Waffen, Munition, Geschosse und Elektroschocker, dazu Vereinsabzeichen und Kutten. Das teilte das Innenministerium am Donnerstag auf Nachfrage mit. In allen Fällen wird demnach jetzt Strafanzeigen gestellt.

Ein Streifenwagen der Polizei stehen an einem Straßenrand. © NDR Foto: Pavel Stoyan
AUDIO: Hintergründe der Rocker-Razzia Schleswig-Holstein (1 Min)

Sütterlin-Waack: Verfolgen noch immer eine Null-Toleranz-Strategie

Einen Zwischenfall gab es den Angaben zufolge im Kreis Segeberg. Bei einer Durchsuchung seien zwei Beamte bei einem Angriff eines Kampfhundes leicht verletzt worden, sagte ein Ministeriumssprecher. Das Tier sei daraufhin mit einer Schrotflinte erschossen worden.

Sütterlin-Waack begrüßte das Vereinsverbot und die damit verbundene Auflösung der "United Tribuns": "Gegenüber rockerähnlichen Gruppierungen, die wiederholt schwere Straftaten begangen haben, verfolgen wir in Schleswig-Holstein noch immer eine Null-Toleranz-Strategie. Solche Vereine dulden wir bei uns nicht."

Razzien in neun Bundesländern

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte die rockerähnliche Gruppierung am Mittwoch verboten. Mitglieder der Gruppe hätten schwerste Straftaten begangen, unter anderem Sexualstraftaten, Menschenhandel und versuchte Tötungsdelikte, sagte die SPD-Politikerin. In Zusammenhang mit dem Verbot gab es am Mittwoch Razzien in neun Bundesländern - in Norddeutschland sind noch Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen betroffen.

Was ist die Gruppierung "United Tribuns"?

"United Tribuns" wurde 2004 von einem ehemaligen bosnischen Boxer in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) gegründet. Dort hatte er zunächst als Türsteher gearbeitet. Zusammen mit weiteren Personen aus dem Türsteher-, Rocker- und Rotlichtmilieu eröffnete er zwei Bordelle. Die "United Tribuns" stiegen laut Bundesinnenministerium neben der rockerähnlichen Gruppierung "Black Jackets" zu einer der mächtigsten und mitgliederstärksten Gruppierungen in Deutschland auf. Inzwischen soll sich der Gründer nicht mehr in Deutschland aufhalten.

Vorwurf: Körperverletzung, Betrug, Menschenhandel

Laut Bundesinnenministerium kam es in der Vergangenheit zu einer Vielzahl teilweise schwerer Straftaten der Gruppierung "United Tribuns". Dazu zählen verschiedene Körperverletzungs- und versuchte Tötungsdelikte - vor allem bei Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Rockergruppen, wie den "Hells Angels". Auch in Lübeck hatte es vor zwei Jahren ein solches Aufeinandertreffen gegeben. Mitglieder der "United Tribuns" und der "Hells Angels" gingen in der Altstadt mit Messern aufeinander los, es gab Verletzte.

Weitere Vorwürfe gegen die Gruppierung: Sexualdelikte, Menschenhandel, Betrug und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Nun werde das Vereinsvermögen beschlagnahmt und die Kennzeichen der Gruppe dürften nicht mehr öffentlich verwendet werden. Laut Faeser stellen sich die rund 100 Mitglieder bundesweit als eine Art Bruderschaft mit Affinität zum Kampfsport dar. Dass Straftaten durch die "United Tribuns" nicht nur geduldet, sondern auch "gefördert und belohnt" würden, zeige sich auch daran, dass es verschiedene Aufnäher ("Patches") des Vereins gebe, die an Mitglieder verliehen würden, die Straftaten im Sinne des Vereins verübten.

VIDEO: Razzia gegen Rockergruppe "United Tribuns" in SH (1 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.09.2022 | 19:00 Uhr

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